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Interview mit Militärvlogger Torsten Heinrich Teil zwei: „Die Ukraine hat nun das stärkere Blatt“

Interview mit Militärvlogger Torsten Heinrich Teil zwei: „Die Ukraine hat nun das stärkere Blatt“

Interview mit Militärvlogger Torsten Heinrich Teil zwei: „Die Ukraine hat nun das stärkere Blatt“

Ukrainische Soldaten feuern mit Artillerie auf russische Stellungen - Ukraine hat derzeit die Vorteile auf ihrer Seite
Ukrainische Soldaten feuern mit Artillerie auf russische Stellungen - Ukraine hat derzeit die Vorteile auf ihrer Seite
Ukrainische Soldaten feuern mit Artillerie auf russische Stellungen – Ukraine hat derzeit die Vorteile auf ihrer Seite Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Andrii Marienko
Interview mit Militärvlogger Torsten Heinrich Teil zwei
 

„Die Ukraine hat nun das stärkere Blatt“

Der Militärexperte Torsten Heinrich analysiert auf seinem YouTube-Kanal umfangreich den Ukraine-Krieg. Dabei greift er auf eine Vielzahl von Quellen zurück, um sich ein Bild zu machen. Der JF schildert er, worauf es in der jetzigen Kriegsphase ankommt und was für den Winter zu erwarten ist. 

Im Vorfeld des Angriffs auf die Ukraine galt Rußland als nahezu unbesiegbare Militärmacht. Das Land pflegte den Ruf eines militärischen Giganten, der die kleine Ukraine binnen Wochen überrollen würde. Es gab nicht wenige Militärexperten und Politiker, die Kiew zur sofortigen Kapitulation geraten haben. Wie konnte es sein, daß man die Ukraine derartig unterschätzt und Rußland so maßlos überschätzt hat?

Torsten Heinrich: Man hat der russischen Propaganda geglaubt, wie es ganz offensichtlich die Russen auch selbst gemacht haben. Dazu kam die Erinnerung an 2014, als die Ukraine eine Karnevalstruppe in Uniform hatte, aber keine Armee. Wer die Meldungen russischer Großübungen beobachtete, die allerdings normalerweise stark orchestriert und zumeist wohl auch nur mit einem Bruchteil der angegebenen Truppenstärken erfolgen, wer die Datenblätter russischen Militärgeräts sah und die Paraden auf dem Roten Platz betrachtete, der erwartete eine schlagkräftige Armee. Auf der anderen Seite wurde von allen, die die Fortschritte der Ukrainer nicht kannten, nicht viel mehr erwartet, als was man 2014 gesehen hatte. Schlecht motivierte, kaum kampfkräftige Soldaten auf kaum einsatzbereitem Gerät, die bei erster Gelegenheit kapitulieren würden.

Welche Problemfelder plagen die ukrainische Armee derzeit? In Cherson scheint es nur langsam vorwärtszugehen, während sie im Osten und Nordosten Erfolge erringt.

Heinrich: Aktuell wird darauf verzichtet, die üblicherweise am 1. Oktober erfolgende Einberufung der Wehrpflichtigen zu vollziehen. Das zeigt, wie gut die Personaldecke inzwischen ist, aber Ausrüstung ist und bleibt ein großer Schwachpunkt der ukrainischen Streitkräfte.

Die von den Russen nun zum Angriff verwendeten Shahed-136 Drohnen werden aktuell zu selten von der ukrainischen Luftabwehr rechtzeitig erkannt und entsprechend zu selten abgefangen. An sich müßten sie dank ihrer Bauteile, die aus dem normalen Handel stammen und nicht militärisch gehärtet sind, relativ einfach abzufangen sein, aber dazu brauchen die ukrainischen Streitkräfte entsprechende Radargeräte und EloKa-Ausrüstung.

„Ukrainer könnten Cherson vor Jahresende zurückerobern“

Zur Abwehr der nun kommenden Menschenmassen wird mehr Artillerie wichtig sein, genau wie für das Durchbrechen der Verteidigungsstellungen im Donbass. Für Angriffsoperationen werden sie mehr Fahrzeuge benötigen, also Schützen- und Kampfpanzer. Ob man im Angriff in einem kaum gepanzerten Transportfahrzeug mit Maschinengewehr ohne Stabilisierung vorrückt oder in einem Schützenpanzer mit Maschinenkanone und Panzerabwehrraketen kann den Unterschied zwischen Erfolg und Mißerfolg bedeuten – und den Unterschied zwischen Überleben und Tod.

Der überraschend gute Vormarsch bei Cherson spricht zunehmend dafür, daß die ukrainischen Streitkräfte wohl eine realistische Chance haben, die Stadt vor Jahresende zurückzuerobern, was ein strategischer Sieg wäre, da es die Gefahr für Mykolaiv und Odessa weitgehend beseitigen würde.

Die Ukraine wird jetzt die kommende Menschenwelle der Mobilisierung überstehen müssen und gleichzeitig aufpassen, nicht durch eine zu ambitionierte Offensive ihre beschränkten Bestände an gepanzertem Gerät zu verheizen. Generell hat die Ukraine meines Erachtens nun jedoch das stärkere Blatt in der Hand, sofern der Nachschub aus dem Westen nicht aufhört.

Die russische Armee hat im Sommer im Donbass erhebliche Landgewinne erzielen können. Weshalb fällt es ihr so schwer, dies nun zu wiederholen?

Heinrich: Waren die Landgewinne der Russen denn tatsächlich so erheblich? Zu Beginn der Donbass-Offensive standen sie bereits in Izyum und vor Rubizhne. Von Izyum aus sind sie stolze 22 Kilometer nach Süden vorgerückt, von Rubizhne aus haben sie zwar Sievierodonetsk und Lysychansk erobern können, sind aber anschließend nach nur 15 Kilometern gestoppt worden. Nach Popasna in Richtung Bakhmut waren es etwa 25 Kilometer Geländegewinn. Das alles summiert sich natürlich auf, aber sind maximal 25 Kilometer Landgewinne über mehrere Monate wirklich „erhebliche Landgewinne“?

Die Ukraine hat ganz offensichtlich die Disziplin gehabt, nach dem ersten Zurückschlagen der Russen vor Kiew nicht etwa die kaum ausgebildeten Einheiten in Massen an die Front zu werfen, um nach Möglichkeit jeden einzelnen Meter zu verteidigen, sondern unter Inkaufnahme von territorialen Verlusten eine strategische Reserve aufgebaut. Große mechanisierte Verbände wurden in Bereitschaft gehalten, statt sie in sinnlosen Versuchen, unbedeutende Orte zu halten, zu verschleißen. Diese Einheiten stehen nun zur Verfügung und werden hochkompetent an Schwerpunkten eingesetzt. Dem hat Rußland aktuell nichts entgegenzusetzen.

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Sein seit der Donbass-Schlacht schärfstes Schwert, die Artillerie, ist durch den Einsatz der HIMARS und Excalibur inzwischen erheblich stumpfer geworden.

Vor welche Herausforderungen stellt der kommende Winter die Streitkräfte der beiden Länder?

Heinrich: Die Frage wird sein, ob Rußland seinen Soldaten genügend Winterausrüstung zur Verfügung stellen kann. Es gibt Hinweise, daß dies ein Problem sein könnte, aber man würde an sich doch von Russen erwarten, daß sie vom „russischen Winter“ nicht überrascht werden sollten. Die Ukraine sollte dieses Problem dank der Unterstützung aus dem Westen nicht haben.

„Zivilisten sind stärker vom Winter bedroht“

Ansonsten sollten beide Streitkräfte mehr oder weniger gleich gut auf die Herausforderungen eingestellt sein, schließlich kennen beide Seiten die Witterungsverhältnisse und ihre Anforderungen gut. Westlich geliefertes Material kann mitunter etwas Probleme im Winter bekommen, das wäre denkbar. Ein Bushmaster aus Australien kommt vielleicht nicht so gut mit einem Meter Neuschnee klar wie ein vergleichbares Fahrzeug russischer Produktion, aber dies ist mehr Spekulation, zumal es im ganzen keine zu große Rolle spielen sollte. Die wirkliche Herausforderung wird bei den Zivilisten sein, die an manchen Orten mit geborstenen Gas- und Wasserleitungen in Wohnungen mit durch Druckwellen zerschlagenen Fenstern vom Erfrieren bedroht sein können.

Auf ihrem YouTube-Kanal finden sich mittlerweile Hunderte Videos, die teils mehrere Stunden Laufzeit haben. Wie recherchieren Sie für ihre Videobeiträge und welche Möglichkeiten hat ein Außenstehender mittlerweile, um das Kriegsgeschehen zu verfolgen? Auf welche Quellen greifen Sie zurück?

Heinrich: Für mich ist das aktuell ein Vollzeitjob. Dieses Interview gebe ich Ihnen um 6.30 Uhr Ortszeit. Gestern habe ich bis 21.00 Uhr recherchiert. Dieses zeitliche Volumen wird für die meisten natürlich undurchführbar sein, es erlaubt mir jedoch, die vermutlich 25 größten pro-russischen Telegram-Kanäle zu lesen, Hunderte Accounts auf sozialen Medien zu verfolgen und Analysen von Thinktanks und anderen Analysten zu lesen.

Neben Propagandisten beider Seiten folge ich Journalisten vor Ort, Soldaten vor Ort, Politikern, Pressesprechern, Think-Tanks, ehemaligen Generalstabsoffizieren und vielen mehr. Am Ende versuche ich, mir nicht nur die westliche Perspektive anzusehen, sondern ganz bewußt auch die russische Propaganda, da auch sie zur Vervollständigung der Lage dient. Gerade meine als Historiker gelernte Fähigkeit der Quellenkritik erweist sich hier natürlich als unersetzlich, um die Zahl meiner Fehler zu minimieren.

Auf welche Erfahrungen und Kenntnisse greifen Sie zurück, um über diese Themen möglichst kompetent sprechen zu können?

Heinrich: Ich habe eine Faszination für das Themengebiet Militär, Militärgeschichte, Streitkräfte, Waffentechnik und Geopolitik, seit 30 Jahren. Es hat mich zu meinem Studium geführt, seinetwegen habe ich die Chance einer Ausmusterung nicht ergriffen und zumindest eine Weile lang eine Karriere als Berufssoldat in Erwägung gezogen, auch wenn es nur beim Wehrdienst blieb. Am Ende hatte ich eine private Bibliothek mit über 4.000 Sachbüchern zum Thema in Deutschland. Es ist einfach eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Thema, aber auch mit nur bedingt damit verbundenen Themengebieten, die es mir ermöglicht, das heute zu bewerten.

Vor 15 Jahren wurde mir mal eine Freundschaft wegen meines angeblichen Militarismus gekündigt, weil ich auf sozialen Medien gepostet hatte, welche Bücher über Militär- und Militärtechnik ich gerade erworben hatte. Diese Ablehnung des Themenbereichs hat natürlich auch dafür gesorgt, daß kompetente Konkurrenz im deutschsprachigen Raum nicht allzu zahlreich ist, weil das Stigma des Militärischen viele andere davon abgehalten hat, sich auch nur im Ansatz ähnlich langanhaltend und umfassend damit zu beschäftigen.

Abschließend noch eine Frage: Wie wird ein ukrainischer beziehungsweise ein russischer Sieg angesichts der aktuellen Entwicklungen aussehen? Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat verkündet, auch die Krim zurückerobern zu wollen. Für Rußland hingegen wäre der Verlust der Krim wahrscheinlich der Super-GAU.

Heinrich: Weder werden die ukrainischen Truppen 100 Prozent ihres Staatsgebiets befreien und anschließend auf Wolgograd marschieren, noch wird Rußland die ukrainisch-polnische Grenze erreichen. Der Krieg wird also nicht mit einer Kapitulation einer der beiden Seiten enden, sondern mit einem ausgehandelten Abkommen.

Die dafür benötigte Kompromißbereitschaft wird allerdings auf dem Schlachtfeld erzeugt werden. Wo und wann das erreicht wird, wird vor allem von innenpolitischen Faktoren abhängen und ist daher nur schwer vorhersehbar. Klar ist allerdings, daß die Ukraine zunächst die russischen Streitkräfte möglichst umfassend zerschlagen muß, was viel wichtiger sein wird.

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Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews.

Hier geht es zum YouTube-Kanal „Militär & Geschichte mit Torsten Heinrich“.

Ukrainische Soldaten feuern mit Artillerie auf russische Stellungen – Ukraine hat derzeit die Vorteile auf ihrer Seite Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Andrii Marienko
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