Klaus Kelle Foto: privat
„Vollversammlung der wahren Schwarmintelligenz“

„Das träge Bürgertum aufrütteln“

Liberale und Konservative zusammenzubringen, ihnen das Kennenlernen und einen offenen Ideenaustausch zu ermöglichen – dem soll eine Veranstaltung mit dem etwas seltsam anmutenden Titel „Vollversammlung der wahren Schwarmintelligenz“ am kommenden Wochenende in Berlin dienen. Organisiert wird das „große bürgerliche Netzwerktreffen“ von dem Publizisten und Medienunternehmer Klaus Kelle. Der 60jährige ist in der „Szene“ bekannt wie kaum ein anderer – als meinungsstarker Kolumnist, vor allem aber auch durch seine zeitgeistkritischen Kommentare auf Facebook oder seinem Blog „Denken erwünscht“.

Herr Kelle, nächste Woche laden Sie zur „4. Vollversammlung der wahren Schwarm­intelligenz“. Was haben wir uns darunter vorzustellen: eine „Zusammenrottung feindlich-negativer Kräfte“ oder doch eher ein lauschiges Kränzchen bei Filterkaffee und Schwarzwälder Kirschtorte?

Kelle: Wir werden nicht nur inhaltlich, sondern auch kulinarisch Maßstäbe setzen, lieber Herr Vollradt. Unser alljährliches Netzwerktreffen bringt Menschen aus ganz Deutschland zusammen, die einen gemeinsamen Nenner haben. Sie machen sich Sorgen um den Kurs, den unser Land in den vergangenen Jahren eingeschlagen hat. Nach der Bundestagswahl 2017 haben SPD, Linke und Grüne im Deutschen Bundestag nur noch rund 40 Prozent der Sitze – und die etablierte Politik macht einfach so weiter, als wäre nichts geschehen. Diesen Zustand muß unsere Gesellschaft überwinden, und das möglichst schnell.

Merkels Klatschkolonnen schrumpfen

In seiner berühmten „Psychologie der Massen“ schrieb der Arzt Gustave Le Bon, daß „die Masse dem alleinstehenden Menschen intellektuell stets untergeordnet ist“. Mal ehrlich: Schließen sich damit nicht „Schwarm“ und „Intelligenz“ aus?

Kelle: Der Begriff Schwarmintelligenz ist nicht von mir oder uns, sondern ist im Internetzeitalter populär geworden. Eine Gruppe von Menschen bringen ihr Wissen und ihre Kreativität ein, um zusammen etwas zu verändern. Die Erkenntnis, was falsch läuft, ist der erste Schritt, die Diagnose sozusagen. Dann folgt das Kennenlernen und Organisieren des Schwarms, das dazu führt, daß es einen Aufbruch gibt, der dann zu Veränderungen führen kann.

Bei den von Ihnen initiierten Stammtischen geht es ja darum, die Gemeinsamkeiten im bürgerlichen Lager trotz unterschiedlicher Sichtweisen auf einzelne Themen hervorzuheben. Ist das nicht – mit Verlaub – etwas naiv?

Kelle: Was ist denn Ihr Plan? Es gibt eine Mehrheit in Deutschland, die eine andere Politik will – eine wie auch immer andere, das kann man natürlich nicht mit bloßem Addieren bewirken. Aber ich bin überzeugt, bei Migration und Sicherheit – innerer wie äußerer – bei Marktwirtschaft, Familie, in Teilen EU und beim Gender-Gaga wäre eine andere Mehrheit vorstellbar. Die kommt aber nicht zum Tragen, weil die Protagonisten nicht miteinander reden wollen und ein Stück weit aus guten Gründen auch nicht können. Frau Merkel und ihre schrumpfenden Klatschkolonnen sind für eine andere Politik, die sich an erster Stelle an den Interessen Deutschlands orientiert, wohl nicht zu haben. Und die Herrschaften des sogenannten Flügels in der AfD wohl auch nicht.

Und was macht die FDP noch mal beruflich? Ich möchte das träge Bürgertum aufrütteln, sich einzumischen und die Dominanz in den Debatten nicht anderen überlassen. Wir müssen überlegen, wie verändern wir die aktuelle Schieflage in Deutschland? Und wenn Sie vielleicht darauf setzen, daß die AfD demnächst eine absolute Mehrheit der Wähler erringt, dann sage ich Ihnen: So alt werden wir beide nicht.

Dinge offen beim Namen nennen

Tatsächlich sieht es doch derzeit so aus: Die Konservativen in der längst zu den Grünen strebenden CDU werden intern wie extern beargwöhnt. Intern, weil sie im Ruch zu großer Nähe zur „rechtspopulistischen“ AfD stehen. Extern – aus der AfD –, weil sie immer noch in der „Altpartei“ CDU sind. Und dieses Dilemma wollen Sie mit Ihrer Veranstaltung überwinden?

Kelle: Nein, das können wir gar nicht. Wir sind nur einer von vielen Bausteinen, die zeigen, daß sich etwas bewegt. Ich könnte hier ein paar wunderbare Entwicklungen auflisten aus meiner eigenen Partei (der CDU), unter der ich seit Jahren leide wie ein Hund. Doch ich will den Leuten nicht schaden. Aber daß nach 18 Jahren Merkel-Vorsitz ein Friedrich Merz mit dem Versprechen einer anderen Politik bei einer Funktionärsversammlung wie dem Bundesparteitag, wo die meisten von der Politik und dem Erfolg der Union ihren Lebensunterhalt bestreiten, fast 49 Prozent der Stimmen bekommt, ist für mich kein Grund auszutreten, sondern noch mehr zu tun, um die Dinge offen beim Namen zu nennen.

Wie man hört, erwarten Sie auch den einen oder anderen prominenten Gast. Verraten Sie uns Namen?

Kelle: Gern. Die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder wird sprechen und mit uns diskutieren, der prominente Rechtsanwalt und Publizist Joachim Steinhöfel ist dabei, der ehemalige Leiter der Gedenkstätte im früheren Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, der Unternehmer Peter Weber und Hedwig von Beverfoerde („Demo für Alle“). Und natürlich der unvergleichliche Dieter Stein.

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Die 4. Vollversammlung der wahren Schwarm­intelligenz findet am Samstag, dem 24. August, von 11 bis 18.30 Uhr in Berlin statt. Als gesonderte Veranstaltung wird es am Abend noch ein „Deutschland-Dinner“ mit 3-Gänge-Menü, Rednern und kulturellen Beiträgen geben. Am Sonntag schließt sich eine Podiumsdiskussion an. Wer sich noch einen der wenigen freien Plätze sichern möchte, kann sich per E-Mail anmelden: kelle@denken-erwuenscht.com

JF 34/19

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