Napoleon krönt sich selbst zum Kaiser, Porzellanmalerei, 19. Jh., von L.Malpasse nach dem Gemaelde, 1806/7, von Jacques- Louis David Foto: picture-alliance / akg
250. Geburtstag Napoleons

Wie die Figur einer seltsam kostümierten Vergangenheit

„Er wurde am 20. April 1889 als Sohn armer österreichischer Eltern in Braunau am Inn geboren und hieß mit vollständigem Namen Napoleone Buonaparte. Der junge Napoleone war besessen von Ehrgeiz. Mit Menschen zu verfahren, irgendwie, war seine Leidenschaft. Er war Militär durch und durch und ungeheuer fleißig. Napoleone setzte in einer ringsum unfähigen und zerrissenen Welt seinen Aufstieg fort. Er wünschte Herrscher zu werden. Eine flugs veranstaltete ‘Volksbefragung‘ bestätigte dies ‘spontan‘. Er hatte vorzügliche Verwaltungsideen.

Daneben ließ er ehemalige Jakobinerfreunde deportieren und verschwinden, um sich von ihnen zu befreien. Um die Bourbonen zu erschrecken, ließ er den blutjungen Herzog von Enghien grundlos erschießen. Als er der aus Rußland zurückflutenden Armee vorausflüchtete, konnte er ungehindert durch Europa fahren. Alle erkannten ihn. Niemand krümmte ihm ein Haar. Als sich Europa von ihm befreit hatte, schickte man ihn zwar nach Elba, aber mit dem Titel Fürst und …… oh, Verzeihung! Jetzt merke ich, ich bin fälschlich in zwei ganz andere Kapitel geraten!“

Der Passus stammt aus Joachim Fernaus Deutschland, Deutschland über alles …, und das richtige Geburtsdatum Napoleon Bonapartes – ursprünglich und dem italienischen Idiom seiner Heimat Korsika gemäß: Napoleone Buonaparte – war der 15. August 1769. Das, was sich Fernau in seinem Bestseller erlaubt hat, setzte zweierlei voraus: Geschichtskenntnis eines breiteren Publikums und jene Bereitschaft zum Vergleich historischer Persönlichkeiten, die beim ersten Erscheinen seines Buches – 1952 – noch gängig war.

Fernau sieht die historischen Parallelen

Gängig, weil weder Napoleon noch Hitler aller Zeit entrückt schienen. Das ist heute anders. Napoleon wirkt wie die Figur einer fernen, seltsam kostümierten Vergangenheit, uns kaum näher als Ramses II. oder Alexander oder Cäsar. Hitler dagegen gilt als Inkarnation eines übergeschichtlichen Prinzips – des absoluten Bösen –, was jede öffentliche Beschäftigung mit ihm tunlichst voraussetzt.

Eugène Guillaume, Entwurf für ein Denkmal Napoleons als Gesetzgeber, 1860 Foto: Weißmann

Wenn man davon absieht, was hier geschieht, ergeben sich nicht nur die Parallelen, die Fernau zwischen Napoleon und Hitler zog: Beide hatten es mit einer Allianz zu tun, die auch einen ideologischen Krieg gegen sie führte, in dem sie wahlweise betonte, daß sie nur gegen den Führer oder gegen das ganze Verbrechervolk – hier der Franzosen, da der Deutschen – kämpfte; beide trieb die permanente Sorge vor dem Zusammenbruch der Heimatfront um; beide suchten Großbritannien eher zu gewinnen als zu besiegen; was keinem von beiden gelang. Beide sahen sich mit der Polnischen Frage konfrontiert, die sie eigentlich nicht interessierte; beide scheiterten an Rußland, mit dem sie für eine Zeit verbunden waren, das aber in der letzten Phase ihrer Herrschaft zum Hauptgegner wurde.

Beide scheiterten im russischen Winter und an dem Plan, dem Kontinent eine neue Ordnung aufzuzwingen; beide stachelten nicht nur den Haß eines Ancien Régime, sondern auch den der Völker gegen sich auf; beide zogen eine ungeheure Blutspur durch Europa – in den napoleonischen Kriegen starben etwa sechs Millionen Menschen – , und beide fielen letztlich den von ihnen selbst entfesselten Kräften zum Opfer. „Sein System aber reißt ihn immer weiter fort“, stellte Jacques Bainville im Hinblick auf Napoleon fest, der doch wie Hitler Mit- und Nachwelt als Mann galt, der kein Zögern kannte und einem Plan folgte, den er von langer Hand vorbereitet hatte.

Napoleons Bild wirkt heller

Aber zugegeben, in vielem sind die Parallelen, die Fernau festgestellt hat, augenfälliger: die Herkunft aus kleinen Verhältnissen, der brennende Ehrgeiz, der Aufstieg in einer revolutionären Epoche, die Entschlossenheit, sich „Alter Kämpfer“ zu entledigen, wenn das als notwendig erkannt wurde, die Entschlossenheit auch „nach rechts“ zu schlagen, die Menschenverachtung, das Geschick, wenn es darum ging, die nationale Phantasie zu entzünden und die Masse zu lenken, indem man ihr den Eindruck vermittelte, daß sie etwas zu sagen habe, die irritierende Unverwundbarkeit.

Bleibt also die Frage, warum das Bild Napoleons so viel heller wirkt als das Hitlers. Die Franzosen haben an seiner Größe bis heute keinen Zweifel; Napoleon ist nach wie vor ihr berühmtester Landsmann; selbstverständlich bringen die Verlage zum anstehenden Jubiläum alte und neue Biographien auf den Markt. Liegt das vielleicht daran, daß hier und im Fall Hitlers verschiedene Maßstäbe angelegt werden? Ein milderer im Fall Napoleons, ein strengerer im Fall Hitlers?

Napoleon (2): Thronsessel Napoleons aus dem alten Königsschloß des Louvre, 1804 Foto: Weißmann

Aber auch wenn man diese Möglichkeit nicht einfach bei Seite schiebt, bleibt ein entscheidender Differenzpunkt: Hitler war ein Ideologe, Napoleon war es nicht. Auf ihn geht sogar der negative Beigeschmack zurück, den der Begriff bis heute hat. Ideologen waren für Napoleon alle wirklichkeitsfremden Fanatiker, ganz gleich, ob es sich um seine jakobinischen Genossen von ehedem, unbelehrbare Jünger Rousseaus oder Konterrevolutionäre handelte. Die Bemerkung Stendals, daß Napoleon „veränderlich“ gewesen sei, erklärt sich vor allem aus diesem Affekt gegenüber jeder Weltanschauung, die blind für die Realität war. Daher rührte auch Napoleons Respekt vor der Geschichte, der bei einem Mann überraschend wirkt, der so entschlossen Altes zerschlug und Neues an seine Stelle setzte.

Hitler mied Vergleiche mit Napoleon

Aber Napoleon hat seine Außenpolitik auch in der Tradition Ludwigs XIV. gesehen, er begriff sein Kaisertum durchaus in der Nachfolge der Bourbonen und sicher zeigte sein Regime viel von jenem Aufgeklärten Absolutismus, zu dem es im Frankreich des 18. Jahrhunderts nicht gereicht hatte. Hier her gehörte das Bemühen um Anerkennung durch die konservativen Monarchien wie seine Hoffnung darauf, eine Dynastie zu gründen und einen Kompromiß mit dem Mächten Zentraleuropas zu finden.

Dagegen steht Hitler als derjenige, der glaubte, in einer Art von historischem Vakuum zu agieren, in dem alles zu tun erlaubt sei, und der auf die Vorstellung fixiert war, daß hinter den Kulissen Mächte wirkten, denen er nur entgegentreten konnte, wenn er sich von allem lossagte, was die überkommene Sittlichkeit und die geschichtliche Erfahrung lehrten. Darauf folgte nicht nur die Monstrosität seiner Entscheidung zur Vernichtung des Judentums, sondern auch die Bereitschaft, sein eigenes Volk zu Grunde gehen zu lassen.

Man muß Hegels Urteil über Napoleon als „Weltseele zu Pferde“ nicht teilen, um doch zuzugeben, daß in seinem Auftreten eine gewisse Notwendigkeit lag, so wie im Auftreten des Augustus oder Karls des Großen. Das erklärt etwas von dem Kult, der ausgerechnet in Deutschland um ihn getrieben wurde. Selbst in Stauffenbergs Kreis ging es noch um die Hoffnung auf einen „Gegen-Napoleon“, wohlwissend, daß Hitler nicht grundlos den Vergleich mit dem großen Korsen mied.

Napoleon krönt sich selbst zum Kaiser, Porzellanmalerei, 19. Jh., von L.Malpasse nach dem Gemaelde, 1806/7, von Jacques- Louis David Foto: picture-alliance / akg

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