Wladimir Putin bei einem Manöver im Juli 2013 Foto: picture alliance/dpa
US-Geopolitik und Rußland

Den Druck neutralisieren

Der Ukas, mit dem Sowjetherrscher Nikita Chruschtschow 1954 die Krim in die Ukraine eingliederte, war ausschließlich ökonomisch und verwaltungstechnisch bestimmt. Chruschtschow ging davon aus, daß die Sowjetunion den in der Nationalhymne pomphaft verkündeten „ewigen“ Bestand haben und die politische Oberhoheit bei Moskau verbleiben würde. Es ist grotesk, jetzt von Wladimir Putin zu erwarten zuzusehen, wie die Halbinsel in einen Brückenkopf der Nato verwandelt wird.

Rußland braucht die Krim, um sich die Kontrolle über das Schwarze Meer und den Zugang zum Mittelmeer zu sichern. Deswegen hatte Katharina die Große 1783 die Halbinsel als „für alle Zeiten russisch“ deklariert. Der Zerfall der Sowjetunion und die Abspaltung der Ukraine bedeutete für Rußland bereits den Verlust von Odessa, dem „unersetzlichen Tor für den Handel mit dem Mittelmeerraum und der Welt jenseits davon“ (Zbigniew Brzeziński).

Wenn im Zuge des vom Westen forcierten Umsturzes die Ukraine zum Einflußgebiet der Nato wird, würde das Schwarze Meer vollends zum Nato-Gewässer. Ohnehin ist die Nato in den letzten 20 Jahren dem russischen Kerngebiet immer näher gerückt. Das kann Putin, will er russische Interessen wahren, niemals zulassen.

US-dominierten westlichen Gemeinschaft

Die Einkreisung Rußlands ist nun gerade das Ziel der amerikanischen Politik. Ihr Vordenker, der Globalstratege Brzeziński, hat es in dem Buch „The Grand Chessboard“ („Die einzige Weltmacht“, 1997) offen formuliert. „Der Wegfall der Ukraine“, heißt es da, wirke als „geopolitischer Katalysator“. Ohne sie sei Rußland außerstande, ein eigenständiges eurasisches Reich aufzubauen.

Schließlich bliebe ihm nichts anderes übrig, als sich der US-dominierten westlichen Gemeinschaft unterzuordnen. Seine äußeren und inneren Verhältnisse müßte es nach westlichen Vorgaben regeln. Geostrategisch bekämen die Amerikaner ein weiteres Stück der eurasischen Landmasse unter ihre Kontrolle.

Brzeziński ist inspiriert von der sogenannten „Herzland“-Theorie, die erstmals 1904 von dem britischen Geographen Halford Mackinder formuliert wurde. Bis zu dem Zeitpunkt galt die Beherrschung der Seewege als entscheidend für die Stellung eines Reiches im internationalen Machtgefüge. Mackinder vollzog einen Schwenk von den See- zu den Kontinentalmächten.

Bedrohung für die britische Seemacht

Er richtete den Blick auf das „Herzland“, das, für die Seemächte uneinnehmbar, den europäischen Teil Rußlands und Westsibirien umfaßte und im Süden bis ans Kaspische und Schwarze Meer reichte. Es sei von einem „inneren Halbmond“ umgeben, dessen westliche Spitze Eu­ropa bilde und sich von dort über Nordafrika, den Nahen und Mittleren Osten bis nach Indien und China erstrecke.

Eine ernste Bedrohung für die britische Seemacht könne sich aus der Verbindung des russischen Herzlandes mit dem wissenschaftlich, technisch und organisatorisch hochbefähigten Deutschland ergeben. Diese Verbindung sei in der Lage, sich die Herrschaft über die Eurasische Landmasse zu sichern, die zusammen mit Afrika die „Weltinsel“ bilde. Mackinder folgerte: „Wer Osteuropa beherrscht, beherrscht das Herzland; wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel; wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“

Seine Überlegungen hatten einen konkreten Hintergrund: Die Kontinentalmacht Rußland, um sich Zugang zum Indischen Ozean zu verschaffen, bemühte sich, nach Persien zu expandieren und bedrohte dadurch Indien, die Perle des britischen Empires. Der Konflikt fand seine Aufhebung im englisch-russischen Bündnis, das wiederum Deutschlands Isolation vor dem Ersten Weltkrieg vertiefte.

Moralische Aufladung außenpolitischer Debatten

Mackinders „Herzland“-Modell erfuhr durch den Geopolitiker Nicholas Spykman aus amerikanischer Sicht eine bedeutsame Modifikation. Spykman sah die entscheidenden Machtpotenzen statt im Herzland in dessen Randregionen, dem „Rimland“ konzentriert, das ungefähr dem inneren Halbmond entsprach. „Wer das Rimland kontrolliert, beherrscht Eurasien, wer Eurasien kontrolliert, kontrolliert die Geschicke der Welt.“

Sollte es einer Macht oder Mächtekoalition gelingen, das „Rimland“ unter seine (bzw. ihre) Kontrolle zu bringen, gerieten auch die USA in seine (bzw. ihre) Abhängigkeit. Deshalb war es für die USA im Zweiten Weltkrieg so wichtig, Deutschland und Japan zu zerschlagen. Um fremde Dominanz zu verhindern, mußten sie selber zur dominanten Weltmacht werden und das „Rimland“ beherrschen.

Vor allem Deutschland steht im Blickpunkt

Die Sowjetunion verfolgte eine Mackinder-Strategie. Unter dem Motto „Kommunismus gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung“ trieb sie die Industrialisierung des „Herzlandes“ voran und verleibte sich sukzessive große Stücke des sie umgebenden „Rimland“-Halbmondes ein, ehe sie schließlich unter der Ineffizienz ihrer Ökonomie zusammenbrach. Die USA praktizierten eine Spykman-Mackinder-Synthese. Das sowjetische „Herzland“ war das mächtige Zentrum, das „Reich des Bösen“ (Ronald Reagan), das sie vom „Rimland“ her einzudämmen versuchten. Zu ihren Instrumenten gehörte das Nato-Bündnis.

Der Ost-West-Konflikt von 1945 bis 1989 war im Ursprung ein geopolitischer, der durch den ideologischen Gegensatz seine konkrete Form und unversöhnliche Schärfe erhielt. Deshalb erstaunt es nicht, daß die USA nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ihre antirussische Eindämmungspolitik ungerührt fortsetzten.

Europa wird von ihnen weiterhin als abhängiges „Rimland“ behandelt. Im Blickpunkt steht vor allem Deutschland, das einerseits die wichtigste europäische Macht und andererseits außerstande ist, sich aus der US-Abhängigkeit zu lösen. Der Ablöseprozeß müßte zunächst auf der intellektuellen und psychologischen Ebene stattfinden. Doch die deutschen Funktionseliten haben ihren subalternen Status so sehr verinnerlicht, daß sie ihn als natürlich empfinden und gar nicht mehr wahrnehmen, oder sie bejahen ihn.

Geopolitische Analyse gibt es so gut wie keine

Die deutsche Wirtschaft sträubt sich gegen die von den USA verlangten Boykottmaßnahmen gegen Rußland, und die Politiker verhalten sich vorsichtig. Nur die Zeitungsjournalisten, die die Folgen ihrer Meinungsstärke nicht verantworten müssen, polemisieren weiterhin, als wollten sie sich für eine dauerhafte Alimentierung aus transatlantischen und Brüsseler Reptilienfonds empfehlen. Geopolitische Analyse gibt es so gut wie keine.

Russophobie und Russophilie gehören genauso zur politischen Romantik wie blinder Pro- oder Antiamerikanismus. Das gilt auch für die moralische Aufladung außenpolitischer Debatten, die ihre faktische Entpolitisierung bedeutet. Die geopolitische Perspektive hilft, den Zustand politischer Unmündigkeit im Geiste zu überwinden und zu erkennen, daß die deutschen und europäischen Interessen mit den amerikanischen keineswegs identisch sind.

Die gegen Rußland gerichtete US-Politik impliziert zugleich eine antideutsche und antieuropäische Stoßrichtung. Die Forderungen, Deutschland und Europa müßten im Konflikt mehr Verantwortung übernehmen und überhaupt die Machtpolitik wieder entdecken, meint lediglich die vorbehaltlose Unterstützung der Machtpolitik der USA. Wa­shington macht die strategischen Vorgaben, und die Europäer – und das heißt: vor allem die Deutschen – sollen die Kosten ihrer Ausführung übernehmen. Die weitergehende Frage lautet, ob Deutschland überhaupt ein Interesse daran hat, daß die USA sich Rußland unterwerfen. Man muß sie unbedingt verneinen.

Rußland bleibt souveräne Großmacht

Die Politik der USA läuft auf die Zerstörung der europäischen Nationalstaaten und Lebensformen sowie auf die weltweite Durchsetzung des American way of life hinaus. Die Globalisierung wird zum amerikanischen Geschenk an die Welt erklärt, dessen Annahmeverweigerung schwerste Konsequenzen bis hin zur Intervention nach sich zieht. Zu den milderen Formen gehören der von internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) auf Europa ausgeübte Druck, gewaltige Migrationsströme zu akzeptieren, oder das geplante transatlantische Freihandelsabkommen, das tief in das soziale und kulturelle Leben Europas eingreifen würde.

Rußland ist zwar keine ebenbürtige Supermacht mehr, doch es bleibt eine souveräne Großmacht. Seine Souveränität bietet Europa eine der wenigen Chancen, die amerikanische Übermacht auszubalancieren. Wenn hingegen Rußland erst einmal in den Westen inkorporiert sein würde – und die Damen von Pussy Riot mit staatlicher Billigung auf allen Kirchenaltären tanzen –, gehen auch auf dem Kulturkontinent Europa endgültig die Lichter aus.

Wer die Pax Americana überwinden will, muß darlegen, was an ihre Stelle treten soll, um zum Beispiel die Handelswege der drittgrößten Exportnation zu sichern. Es gibt also zahlreiche Gründe, sich weiterhin um bestmögliche Beziehungen zu den USA zu bemühen.

USA sind Partner, nicht Freund

Die Europäer brauchen den aktuellen Zuständen in Rußland deswegen keinen Beifall zu zollen, und Visionen von einer Achse zwischen Moskau und Berlin gehören in den Bereich der unausgegorenen Ideen. Schnell könnte die Bundesrepublik sich in einer ähnlichen Situation wiederfinden wie die DDR, die 1989 von den sowjetischen Machtpolitikern aufgegeben wurde, weil ihnen die Kooperation mit der größeren, reicheren BRD nützlicher erschien.

Außerdem muß, wer die Pax Americana überwinden will, überzeugend darlegen, was an ihre Stelle treten soll, um zum Beispiel die Handelswege des drittgrößten Exportlandes zu sichern. Es gibt also zahlreiche Gründe, sich weiterhin um bestmögliche Beziehungen zu den USA, dem mächtigsten Land der Erde, zu bemühen. Doch das ist eine pragmatische, keine sentimentale Angelegenheit. Die USA sind für Deutschland ein wichtiger Partner, aber kein Freund und erst recht kein gottgegebenes Über-Ich.

Das Deutschland-Bild der USA, schreibt der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch, bestehe „aus zwei Bedeutungsschichten: Die erste ist die Miniaturisierung des einst bedrohlichen Gegners zum friedlichen Juniorpartner und Lieferanten von Qualitätsbier; die zweite, tiefer liegend, besagt das Gegenteil: Die kriegspropagandistische Erklärung zum Weltfeind bleibt nicht nur erhalten, sondern wird weiter ausgebaut. Was natürlich nicht bedeutet, daß das gegenwärtige Deutschland für Amerika das Weltböse ist.

Voraussetzung wäre eine Europäische Union freier Völker

Wohl aber, daß dieses in der amerikanischen Mythologie seit 1945 unverkennbar deutsche – genauer nazideutsche – Züge trägt. Die Funktion einer solchen ‘Trophäe’ ist die des symbolischen Sündenbocks und moralischen Blitzableiters. Sie bewahrt die amerikanische Reinheit und Unschuld davor, ernstlich in Frage gestellt zu werden.“ Zur Ergänzung: Bei Bedarf wird das Feindbild subtil wiederbelebt und ins Spiel gebracht, damit Deutschland sich den Wünschen der USA beugt.

Und Rußland? Mit dem russischen Pfund könnten die europäischen Staaten am günstigsten gemeinsam wuchern. Keine Seite wäre in der Lage, die andere zu dominieren, doch eine eurasische Kooperation wäre imstande, den amerikanischen Druck zu neutralisieren. Voraussetzung wäre eine Europäische Union freier Völker, die allen Beteiligten ihre Individualität beläßt, die den Osteuropäern Schutz vor russischen Pressionen bietet – und damit ihre Sonderbeziehungen zu den USA überflüssig macht.

Umgekehrt hätten die Europäer die Interessen Rußlands zu respektieren. Daß gleichzeitig alles unterlassen werden muß, was den Eindruck eines US-feindlichen „Herzland-Rimland“-Machtblocks hervor- und das amerikanische Potential auf den Plan ruft, ist selbstverständlich und dabei nur eine von vielen Aufgaben und Schwierigkeiten.

Leisten und meistern müßte sie insbesondere Deutschland, was angesichts seiner politischen und mentalen Verfaßtheit jedoch utopisch erscheint. Die wahrscheinlichere Alternative hat Brzeziński in der Widmung des Buches „Die einzige Weltmacht“ formuliert: „Meinen Studenten – möge das Buch ihnen dabei helfen, die Welt von morgen zu gestalten.“ In dieser Welt werden Deutschland und Europa wohl nur noch als geographische Begriffe, ökonomische Einheiten und militärische Planungsquadrate auffindbar sein. Ein Alptraum. Wird er wahr?

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Thorsten Hinz, Jahrgang 1962, studierte in Leipzig Germanistik, war JF-Kulturredakteur und ist heute freier Autor. 2004 erhielt er den Gerhard-Löwen­thal-Preis für Journalismus.

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Wladimir Putin bei einem Manöver im Juli 2013 Foto: picture alliance/dpa

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