In der Gletscherspalte festgeklemmt

Das Parteijubiläum der Republikaner ist für einen unabhängigen Linksdemokraten wie mich kein Anlaß zur Schadenfreude. Mag man sich als Mensch und Künstler mit dem römischen Elegiker Tibull einig sein in der Devise „Genug ist es, es gewollt zu haben“, so ist dieser gute Wille in der politischen Realität nicht mehr als eine ebenso unabdingbare wie unzureichende Voraussetzung. Das Land und seine Verfaßtheit wären jedenfalls besser dran, wenn von Herbert Gruhl und Baldur Springmann bis Rolf Schlierer die demokratische Rechte der achtziger und neunziger Jahre besser (nämlich substantieller, klüger und stärker) gewesen wäre. Andererseits gilt ähnliches für die demokratische Linke dieser Zeit, die im Übergang von Petra Kelly zu Joseph Fischer all das, was sie an Einfluß gewann, parallel an Profil und Ehrlichkeit verlor. Erst recht zwischen die Fronten und unter die Räder gerieten in dieser Zeit Einzelkämpfer wie Hans Hirzel oder Klaus Zeitler, der langjährige SPD-Oberbürgermeister von Würzburg (beide zeitweilig bei den Republikanern). Wie ähnlich sind sich seit langem die Linke und die Rechte in ihrem Elend, in der Beschönigung des Elends und in dem verzweifelten Versuch, die Misere gleichzeitig zu verlassen und zu verdrängen! Aber wer einige Meter tief in der Gletscherspalte festgeklemmt ist, in Gefahr, endgültig abzustürzen oder zu erfrieren, der sollte sich nicht untätig darauf verlassen, daß irgendwann von irgendwoher Retter kommen werden. Was es also politisch braucht, das ist eine klare Sicht, wo wir stehen, und eine ebenso vorsichtige wie tatkräftige Selbstbefreiung. Ob konservativer, ob linker Patriot — wir sollten uns Rat geben und uns Rat anhören, aber dann versuchen, uns selbst zu helfen. Eine große Hilfe ist dabei immer der Blick auf die Lehren der Geschichte: Damit uns nicht ein ähnliches Schicksal wie unseren Vorläufern droht, müssen wir verstehen, wie es den Machthabern 1815 und 1848 gelang, die Bewegungen für Freiheit und deutsche Einheit aufzuspalten und zu zerschlagen, wie nach 1918 der demokratische Aufbruch versandete im Gezänk der Kabinettspolitiker oder wie die neutralistisch-nationalbewußte Bewegung nach 1945 ins Abseits gedrängt wurde. Andererseits ist aus den großen Siegen — der Verjagung der napoleonischen Fremdherrschaft, der zweiten Reichsgründung — zu lernen, was wir benötigen: Mut, Wut, Kaltblütigkeit, Beweglichkeit, Konsequenz.   Rolf Stolz war Mitbegründer der Grünen und lebt heute als Publizist in Köln.

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