Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Eine Quelle von „68“

Im Jahr 1986 trat die Politologin Ellen Kennedy mit ihrer These zum Einfluß Carl Schmitts in der Frankfurter Schule auf den Plan. Ganz taufrisch waren ihre Einsichten zu den Parallelen der Liberalismus- und Parlamentarismuskritik scheinbar extrem konträrer politischer Philosophien nicht. Denn bereits Wilhelm Hennis sprach 1968 mit Blick auf den theoretischen Überbau, den Habermas & Co. im Vorfeld der „Studentenrevolte“ gezimmert hatten, von „Carl Schmitt frankfurterisch“. Trotzdem gelang es Kennedy, wütende Reaktionen etwa bei Alfons Söllner oder Ulrich K. Preuß, den Verwaltern des vorgeblich „kritischen“ Erbes von ’68, auszulösen. Da war ein Nerv getroffen worden. Und obwohl mit Hartmuth Beckers Studie „Die Parlamentarismuskritik bei Carl Schmitt und Jürgen Habermas“ (JF 48/03) der „Vergleich“ wie selbstverständlich daherkommt, konnte Wolfgang Kraushaars Suche nach Einflüssen von Schmitts Dekonstruktion der Ideologeme des parlamentarischen Demokratismus auf Johann Agnolis „Transformation der Demokratie (1967) 2007 nochmals einen Sturm im Wasserglas entfachen. Leonard Landois segelt also in leidlich kartierten Gewässern, wenn er sich mit seiner von der Hanns-Seidel-Stiftung geförderten Würzburger Dissertation dem Thema „Das Staats- und Gesellschaftsverständnis der ‘68er’ und dessen Quellen bei Carl Schmitt“ widmet. Daher kann es weniger um CS gehen, dessen Einfluß nur mehr zu bestätigen war, als darum, die „emotionale Atmosphäre“ zu erfassen, in der, 1933 wie 1968, „Bindungskräfte im sozialen Leben der Menschen“ ihre Kraft verlieren und die „Sehnsucht nach einer neuen Einheit der Gesellschaft“ wächst. Das ist dann die Stunde der „Mythologen“, „Bekenner“, „Erlöser“. Sich allen Anmerkungsverhauen, in denen sich Landois’ Argumentation nicht selten verliert — kein Wunder bei 1.170 Fußnoten auf 250 Textseiten! —, immer wieder entwindend, gelingt es doch, diesen sozialpsychologischen „Urgrund“ des Wandels freizulegen und als idealen Resonanzboden linker CS-Rezeption zu beschreiben. Dabei fahndet Landois weniger nach exakten philologischen Belegen von Schmitts Denkfiguren in Verlautbarungen theoretisch ohnehin anspruchsloser Protagonisten der „Bewegung“ wie Rudi Dutschke. Entscheidend ist für ihn die Übereinstimmung im „Glauben“, von der entzauberten Welt der kapitalistischen Moderne „erlöst“ werden zu können. Leonard Landois: Konterrevolution von links. Das Staats- und Gesellschaftsverständnis der ’68er’ und dessen Quellen bei Carl Schmitt. Nomos Verlag, Baden-Baden 2008, broschiert, 299 Seiten, 59 Euro

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