Anlaß zum Nachdenken

Die Gedenkkultur in Deutschland treibt ab und an bekanntlich recht merkwürdige Blüten — vor allem, wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus geht. So zum Beispiel im Berliner Bezirksrathaus Charlottenburg. Dort zieren 18 gerahmte Porträts den Flur zum „Pommernsaal“ — zur Erinnerung an „Widerstandskämpfer und Opfer des NS-Regimes“. Allerdings scheinen es die Initiatoren der Fotogalerie dabei mit den historischen Fakten nicht allzu genau genommen zu haben. Anders ist nämlich kaum zu erklären, warum sich neben Dietrich Bonhoeffer, Erich Hoeppner, Wilhelm Leuschner und Erich Mühsam auch das Bildnis des ehemaligen Reichsfinanzministers Matthias Erzberger findet. Als Reichstagsabgeordneter des linken Zentrumsflügels zählte er zu den Initiatoren der Friedensresolution des Reichstages im Juli 1917. Wegen seines vehementen Eintretens für die Unterzeichnung des Versailler Vertrags wurde er als Erfüllungspolitiker der Siegermächte angegriffen, was schließlich auch 1921 zu seiner Ermordung durch zwei ehemalige Freikorpsmitglieder führte. Warum Erzberger deshalb ein Opfer des Nationalsozialismus sein soll, vermag im Rathaus jedoch niemand zu sagen. Der als Ansprechpartner genannte Heimatverein Charlottenburg verweist vorsorglich auf den Pressesprecher des Rathauses. Doch auch der weiß keine Antwort. Eine Sichtung der Akten sei ergebnislos geblieben. Ältere Kollegen hätten allerdings gesagt, daß das Bild schon seit Jahrzehnten da hänge, gestört habe sich bislang niemand daran. Und etwas Gutes habe die Sache ja auch. Es sei doch schön, einen Anlaß zum Nachdenken zu haben.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles