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Buchvorstellung in der BdK: „Ich begreife mich als Teil dieser Bastardmoderne“

Buchvorstellung in der BdK: „Ich begreife mich als Teil dieser Bastardmoderne“

Buchvorstellung in der BdK: „Ich begreife mich als Teil dieser Bastardmoderne“

Jan Karon stellt die „Bastardmoderne“ in der Bibliothek des Konservatismus vor: „Ich kann Ihnen davon berichten, dass ich eine Entfremdung von der Jetztzeit verspüre.“ Foto: BdK
Buchvorstellung in der BdK
 

„Ich begreife mich als Teil dieser Bastardmoderne“

Vom Stadbild in Ludwigshafen bis zum „woken“ Kapitalismus: Jan A. Karon sucht nach Wegen aus der „Bastardmoderne“, die er bei der Vorstellung seines Debütbuchs in Berlin seziert. Die JF war vor Ort.
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Volles Haus im Leseraum der Bibliothek des Konservatismus. Als Jan Karon dort am Mittwoch abend vorträgt, füllen mehr als 100 Zuschauer den Saal. Wer zu spät anreist, kommt in den zweifelhaften Genuss, von der Seite aufs Podium blicken zu müssen. Kein Wunder: Der Investigativjournalist machte sich mit zahlreichen Recherchen, Reportagen und kritischen Essays einen Namen. Für die Zeit recherchierte er zu islamistischen Gefährdern, für das Nachrichtenportal „Nius“ berichtete er direkt von der Asylinsel Lampedusa. Doch der Mann, der die Welt von allen Seiten kennt, will diesmal lieber über das, was ihm viel näher liegt, sprechen.

„Ich kann Ihnen davon berichten, dass ich eine Entfremdung von der Jetztzeit verspüre“, spricht Karon die Zuschauer an. Eine Zeit, die er unverblümt als „Bastardmoderne“ bezeichnet. So heißt auch sein Debütbuch, das jüngst in der Edition Tumult des Gerhard-Hess-Verlags erschien. Zehn Essays, in denen er mit den Fehlentwicklungen des Liberalismus abrechnet. „Manchmal analytischer, manchmal persönlicher“, wie er betont.

Freilich nicht ohne Selbstkritik. „Ich bin auch keine Ausnahme oder jemand, der da ausscheren möchte, sondern ich begreife mich als Teil dieser Bastardmoderne.“ Er sei „ein Kind des Liberalismus“, und es bringe nichts, es zu verleugnen. Doch das, was die „Bastardmoderne“ kennzeichne, wohne dem Liberalismus inne. Karon selbst spricht von der „Eingeständnis, dass man Teil davon war und später gemerkt hat, dass nicht alles richtig lief und läuft, wie es einst gelaufen ist.“ Und woher kommt der Titel? „Bastarde stehen auch im umgangssprachlichen Sprachgebrauch von ungewolltes Kennen, also etwas, was nicht geplant war. Und da würde ich tatsächlich auch eine Parallele sehen.“

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„Ich habe meine Heimat verloren“

Worauf genau, macht Karon etwa an seinem früheren Viertel in Ludwigshafen fest, an Oggersheim. Geboren 1992 als Kind polnischer Einwanderer, bezeichnet er die Gegend als einen „behüteten“ Ort. „Oggersheim war eigentlich ein behüteter Ort, ich wuchs dort mit Kroaten, mit Türken, Polen, Rumänen und Italienern auf, es war immer migrantisch.“ Und doch habe sich inzwischen etwas verändert. Die Innenstadt, wo er früher „schlechte Cocktails“ getrunken habe und wo er „sinnlosem Konsum“ nachgegangen sei, gebe es nicht mehr.

Vielmehr gleiche die Stadt „einem Kadaver, dessen Anblick mich zu der Gewissheit bringt, ich habe meine Heimat verloren“, so ein Auszug aus seiner Textsammlung. Die Fassaden der Straßen erinnerten ihn an „Vororte von Raqqa und Kinshasa, an Marktplätze in Accra oder Mosul“. Da, wo es einst Marken wie Douglas, Müller und Burger King gegeben habe. Einstige Heimatorte seien zu Bezirken geworden, wo langjährige Bewohner weder zugehört würden noch sich willkommen fühlten.

„Ich laufe durch Stadtteile, durch den Hemshof, durch Augersheim, durch Stadtmitte, durch Mundenheim und fühle mich überfremdet“, stellt er fest – allerdings nicht ohne eine gewisse Distanzierung. „Ich weiß, dass es ein NPD-Wort ist.“ Jedenfalls sei es „Überfremdung“ zu seiner Jugendzeit gewesen, als die inzwischen als „Die Heimat“ umbenannte Partei das Wort benutzt habe. Doch nun würde er diesen Begriff verteidigen. „Was die Bastardmoderne prägt, ist vor allem ein Verlust eines minimal kohärenten geistigen Überbaus in einer kollektiven Identität. Also des unsichtbaren Kitts, der eine Gesellschaft zusammenhält und durch den das Bestimmende erst zum Tragen kommt.“

Diese Anmerkungen sorgen bald für lautstarken Streit. „Was ist genau das Problem mit diesen Menschen?“, fragt ein dunkelhaariger Mann mit hörbarem osteuropäischem Akzent, der seine jüdische Herkunft betont. „Geht es hauptsächlich, wenn ich es richtig verstanden habe, um Afrikaner, Syrer, also hauptsächlich Muslime?“ Karon betont, es gehe ihm um die Gesamtentwicklung, also „Archaischwerdung“ oder etwa eine „andere Konfliktauseinandersetzung“. Der Gast widerspricht laut. „Was stört Sie an dieser Kultur von diesen Menschen?“ Am Ende muss der Moderator einschreiten und bitten, den Streit nach der Veranstaltung fortzusetzen.

„Ich möchte das ‘Late-Stage-BRD’ nennen“

Doch es geht längst nicht nur um Migration. Die „Bastardmoderne“ sei auch vom „Zerfall von Glaubensstrukturen und Wahrheitssystemen“ gekennzeichnet, an deren Stelle „digitale Idole, neue Medien, Influencer und Zivilreligionen“ träten. Und von einer „penetranten Infantilisierung“. Als er die Beispiele aufzählt – etwa „Tiki“, die Chiffre für sexuelle Belästigung im Freibad, oder „Lotsi“, ein Stromkasten, der „gegen Rechts“ kämpfe –, lacht das Publikum lautstark.

„Die Verwerfungen der Bastardmoderne sind prägend für das, was ich ‘Late-Stage-BRD’ nennen möchte.“ Also der Spätzustand der Bundesrepublik mit „einsturzgefährdeten Fassaden“, deren Höhepunkt bereits in der Nachkriegszeit erreicht worden sei. Gekennzeichnet werde dieser durch „allerhand Absurditäten“, die die Trennung von Realität und Realsatire erschweren würden. „Hier polieren CDU-Politiker Stolpersteine für ermordete Juden aus der NS-Zeit, nachdem arabische Migranten in Amsterdam Fans von Maccabi Tel Aviv durch die Straßen gejagt haben.“

Nur ein Beispiel von vielen. Karon erinnert an einen Sportplatz in Berlin, den Linke nach „dem fentanylberauschten Schwerverbrecher“ George Floyd benannt hätten, der durch Polizeigewalt ermordet worden sei. An eine Kunstinstallation in Karlsruhe, bei der Vögel im Stadtgarten „Alerta, Alerta“ zwitscherten, um ein „Zeichen gegen den Rechtsruck“ zu setzen. Wieder kommen die Zuschauer aus dem Lachen kaum heraus. „Im selben Zeitraum wird der zugewanderte saudi-arabische Weihnachtsmarktattentäter von Magdeburg, Talib al-Abdulmohsen, der Deutschland nach eigener Aussage verachtete und einen Rauschebart im besten Jabhat-al-Nusra-Stil trägt, ernsthaft als Beleg für rechte Gewalt herangezogen.“

„Niemand von den CEOs hat sein Maul aufbekommen“

Deutlich ernster wird es bei der Ursachenanalyse. „Das Versprechen des Liberalismus ist nun mal, dass jeder seine persönliche Autonomie steigern kann und dass es möglich ist, dass jeder Mensch die maximale Freiheit hat.“ Dieses greife so weit, dass auch Mädchen sagen könnten, sie seien Jungs – wider alle Fakten. „Es sind keine Linken, keine Grünen und keine Kommunisten gewesen, die nach Deutschland kamen und gesagt haben, dass wir jetzt Kulturrevolution machen – sondern Liberale und Konservative.“

Hier kommt auch der einst linke Kapitalismuskritiker aus der Deckung. So habe er den Begriff „Late-Stage-BRD“ der englischen Bezeichnung für den „Spätkapitalismus“ entlehnt. „Wie haben sich denn die CEOs, die Unternehmen, die Firmen in den letzten zehn Jahren zu neuralgischen Themen geäußert? Zur Flüchtlingskrise, zu der Vielfaltspropaganda, zum grünen Wirtschaftsumbau?“ Hier sei der freie Markt der Inbegriff des „woken“ Kapitalismus geworden. „Niemand hat sein Maul aufbekommen – entschuldigen Sie meine vulgäre Sprache –, weil man eben auf der guten Seite stehen wollte.“

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Doch wo ist der Ausweg aus der „Bastardmoderne“? Hier nennt Karon Ansätze, die aus der postliberalen Schule stammen. „Kommunitarismus ist so ein Stichwort. Also der Rückfall in lokalere Strukturen. Ein anderer ist Elitenbildung und Avantgardeformierung.“ Wie man auf persönlicher Ebene der Entwicklung entgegenwirken könne, so die Antwort auf die Frage eines Zuschauers, sei hingegen „schwer zu skizzieren“. Ein paar Ratschläge hat er dennoch: „Sucht Mitstreiter. Widersetzt euch in vielerlei Hinsicht dem Zeitgeist, liest Bücher. Zeugt Kinder.“ Sätze, die nach dem Psychologen Jordan Peterson klingen, wie er sagt.

„Mit der ‘Bastardmoderne’ habe ich mir viele Feinde gemacht“

Ein anderer junger Mann fragt, wann sich Karon von der Linken abgewandt habe. Er benennt den Mordfall Mia V. im Jahr 2017 als einen Schlüsselmoment. Damals habe er am Zeit-Newsdesk als studentische Hilfskraft gearbeitet. „Ich habe dem Chef vom Dienst gesagt, dass hier gerade was passiert, dass in den sozialen Medien richtig was los ist.“ Dieser habe allerdings den Vorschlag abgelehnt. „Man dürfe halt keine Steigbügel halten.“ Das habe ihn aus journalistischer Sicht „extrem radikalisiert“.

Trotz allem versucht Karon, Optimismus zu verbreiten. „Ich werde dieses Land nicht verlassen“, sagt er auf die Anmerkung einer Zuschauerin, die aus der Slowakei komme. Diese mache sich Gedanken über eine Heimkehr, da ihre Kinder „täglich mit linker Ideologie“ in Berührung kämen. „Was müsste in Deutschland passieren, dass Sie sich solche Gedanken auch machen würden?“ Gar nichts, so die Antwort des „Bastardmoderne“-Anklägers. „Mir liegt was daran, dass sich hier was verändert.“

Transparenzhinweis: In einer früheren Version hieß es fälschlicherweise, das Buch „Bastardmoderne“ sei im Manuscriptum-Verlag erschienen.

Jan Karon stellt die „Bastardmoderne“ in der Bibliothek des Konservatismus vor: „Ich kann Ihnen davon berichten, dass ich eine Entfremdung von der Jetztzeit verspüre.“ Foto: BdK
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