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Abrechnung im Wohlfahrtsstaat: Wie die Rechte das rote Norwegen erobert

Abrechnung im Wohlfahrtsstaat: Wie die Rechte das rote Norwegen erobert

Abrechnung im Wohlfahrtsstaat: Wie die Rechte das rote Norwegen erobert

Norwegens Oppositionsführerin Sylvi Listhaug von der Fortschrittspartei: Innerhalb von vier Jahren wurde ihre Partei zur zweitstärksten Kraft im Land. (Themenbild)
Norwegens Oppositionsführerin Sylvi Listhaug von der Fortschrittspartei: Innerhalb von vier Jahren wurde ihre Partei zur zweitstärksten Kraft im Land. (Themenbild)
Norwegens Oppositionsführerin Sylvi Listhaug von der Fortschrittspartei: Innerhalb von vier Jahren wurde ihre Partei zur zweitstärksten Kraft im Land. Foto: IMAGO / NTB
Abrechnung im Wohlfahrtsstaat
 

Wie die Rechte das rote Norwegen erobert

In Norwegen eilt die migrationskritische Fortschrittspartei von einem Rekord zum nächsten – und könnte mit Sylvi Listhaug bald die Premierministerin stellen. Längst wirbt sie nicht mehr nur um Stimmen aus dem Mitte-Rechts-Lager.
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Wäre Sylvi Listhaug aus Deutschland, würde man sie vermutlich sofort in Hamburg verorten. Die resolute Dame mit blondem Haar, gekleidet in Ralph Lauren und mit einem adretten Hermès-Tüchlein um den Hals, sieht aus wie die klassische „höhere Tochter“ aus einer hanseatischen Patrizierfamilie. Doch Listhaug kommt aus dem westnorwegischen Sunnmøre und ihr Politikstil ist alles andere als zurückhaltend. Listhaug mag bürgerlich wirken, ihre Worte sind hingegen klar und deutlich. Etwa, wenn sie über außer Kontrolle geratene kriminelle, oft migrantische, Jugendbanden spricht: „Norwegen muss die Samthandschuhe ausziehen“, – und „harte Politik“ statt „harter Rhetorik“ bieten. Wer ihr zuhört, hat keinen Zweifel: Die Endvierzigerin ist eine Populistin im besten Sinne und ihre Fortschrittspartei ist gerade dabei, die norwegische Politik umzukrempeln.

Noch bei der Parlamentswahl 2021 war die Fremskrittspartiet, kurz FrP, auf 11,6 Prozent abgestürzt. Vier Jahre später verdoppelte sie ihr Ergebnis: 23,8 Prozent, 47 Mandate, bestes Ergebnis der Parteigeschichte (JF berichtete). Inzwischen ist selbst die Arbeiterpartei überholt. Seit Jahresbeginn bewegt sich die FrP in den Umfragen zwischen 26 und 31 Prozent; im Juli lag der Durchschnitt bei knapp 30 Prozent. Das konservative CDU-Äquivalent „Høyre“ kommt nicht einmal mehr auf 15 Prozent.

Das jahrzehntelang von Sozialdemokraten und Konservativen dominierte Parteiensystem gerät damit ins Rutschen. Anders als die portugiesische Chega musste die FrP nicht erst von außen in den politischen Betrieb einbrechen. Sie sitzt seit Jahrzehnten im Parlament und regierte zwischen 2013 und 2020 gemeinsam mit Høyre. Nun ist sie dabei, ihren früheren Koalitionspartner zu verschlucken. Jeder fünfte Høyre-Wähler von 2021 wechselte bei der vergangenen Wahl zu Listhaug. Auch frühere Wähler der Zentrumspartei, Arbeiter und Nichtwähler fanden zur FrP.

Norwegens Fortschrittspartei fischt nicht nur rechts der Mitte

Besonders spektakulär ist der Erfolg bei jungen Männern. Unter männlichen Wählern unter 35 Jahren stieg der FrP-Anteil zwischen 2021 und 2025 von 15 auf 38 Prozent. Die Partei, lange als Sammelbecken übellauniger älterer Herren verspottet, ist plötzlich die Jugendpartei des männlichen Norwegen. An Berufsschulen, in Handwerksbetrieben und unter Beschäftigten der Privatwirtschaft sammelt sie jene ein, die sich von den etablierten Parteien weder kulturell noch wirtschaftlich vertreten fühlen.

Denn die FrP verbindet zwei Konflikte, die anderswo häufig getrennt verhandelt werden. Da ist einerseits der Geldbeutel: hohe Steuern, teurer Strom, Kraftstoffpreise, Lebensmittelkosten und eine Vermögensteuer, die Unternehmer aus dem Land treibt. Andererseits geht es um Migration, Bandenkriminalität und einen Staat, der seine Bürger gern erzieht, bei seinen Kernaufgaben aber versagt. Norwegen ist dank Öl, Gas und Staatsfonds eines der reichsten Länder der Welt. Gerade deshalb wirkt die Frage so verheerend: Warum bleibt bei den eigenen Bürgern immer weniger hängen?

Listhaugs Antwort ist so einfach wie wirksam. Der Staat kassiere zu viel, verschwende Milliarden für Entwicklungshilfe, Einwanderung und grüne Prestigeprojekte und lasse Polizei, Krankenhäuser und Infrastruktur darben. „Während die Arbeiterpartei den Staat verwaltet und verteidigt, kämpft die Fortschrittspartei für das Volk“, rief sie beim Parteitag im Mai. Die Arbeiterpartei sei längst nicht mehr die Partei der Arbeiter, sondern die Partei der Verwaltung und internationaler Konferenzen. Listhaug schlug ihr deshalb einen neuen Namen vor: „Administrationspartei“.

Der Angriff sitzt, weil die FrP längst nicht mehr nur rechts von Høyre fischt. Sie greift zugleich die sozialdemokratische Erzählung an, Vertreterin der kleinen Leute zu sein. Ausgerechnet am 1. Mai zitierte Listhaug die Internationale und erinnerte daran, dass die Arbeiterbewegung einst gegen drückende Steuern und staatliche Willkür angetreten war. Heute, so ihre Botschaft, werde diese Tradition von der FrP fortgeführt.

2029 will Listhaug Norwegens Premierministerin werden

Das Erfolgsrezept lässt sich als Normalisierung ohne Mäßigung beschreiben. Listhaug hat die Partei professionalisiert, ihre Themenpalette um Gesundheit, Schulen, Verteidigung und Wohnungsbau erweitert und ihr einen offenen Regierungsanspruch gegeben. Weicher ist sie deshalb nicht geworden. Bei Einwanderung und Kriminalität bleibt der Ton scharf, bei Steuern und Klima kompromisslos. Nicht die FrP hat sich dem politischen Betrieb angepasst, der politische Betrieb hat sich an die FrP gewöhnt.

Noch ist der Weg zur Macht nicht frei. Das rot-grüne Lager verteidigte 2025 knapp seine Mehrheit, und eine bürgerliche Regierung wäre auf kleinere Parteien angewiesen, die bei Migration und Klima weit von Listhaug entfernt stehen. Auch das altehrwürdige Høyre muss entscheiden, ob es sich mit der Rolle als Juniorpartner abfindet. Die FrP kennt überdies die Gefahren des Regierens: In der Koalition mit Høyre verblasste ihr Profil, 2021 folgte der Absturz.

Doch diesmal sind die Kräfteverhältnisse andere. Listhaug tritt nicht mehr als unbequeme Mitregentin auf, sondern als mögliche Regierungschefin. „Das ist kein Traum. Das ist ein Plan – und ab 2029 werden wir ihn umsetzen“, verkündete sie auf dem Parteitag. Überheblich klingt das angesichts der Zahlen nicht. In Norwegen ist aus der Protestpartei eine mögliche neue Volkspartei geworden. Die Samthandschuhe hat sie dabei nicht angezogen.

Aus der JF-Ausgabe 31-32/26.

Norwegens Oppositionsführerin Sylvi Listhaug von der Fortschrittspartei: Innerhalb von vier Jahren wurde ihre Partei zur zweitstärksten Kraft im Land. Foto: IMAGO / NTB
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