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Fressen und Moral: Die moralische Fritteuse

Fressen und Moral: Die moralische Fritteuse

Fressen und Moral: Die moralische Fritteuse

Eine Pommesschale, darauf triefen Ketchup und Mayo in der Form von Paragraphen – es ist eine Glosse über die moralische Fritteuse
Eine Pommesschale, darauf triefen Ketchup und Mayo in der Form von Paragraphen – es ist eine Glosse über die moralische Fritteuse
Wenn die Pommes von schmierigen Paragraphen überlagert wird … Foto: JF-Montage
Fressen und Moral
 

Die moralische Fritteuse

Unser Autor will lediglich eine Portion Pommes Frites mit Mayo haben – und schon beginnt die moralische Weltverhandlung am Frittenstand. Eine Glosse.
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Neulich habe ich mir mal ausnahmsweise eine Portion Pommes mit Mayo geleistet – und stand direkt mit einem Bein im UN-Sicherheitsrat. Als ich mich beim stolzen Preis von 7,90 Euro gerade beschweren wollte, lehnte sich der Frittenverkäufer über seinen Tresen und verpasste mir einen Denkzettel.

„Hömma, Kollege“, sagte er und fuchtelte mit der fettigen Zange vor meiner Nase herum, „ was glaubst du eigentlich, was in dem Preis heute alles drinsteckt? Du kaufst hier keine Fritten, du kaufst eine völkerrechtliche Risikoanalyse!“ Er hämmerte mit der Pommesschaufel gegen das Edelstahlbecken: „Glaubst du, diese Kartoffel hier ist freiwillig in die Fritteuse gesprungen? Bevor ich die Knolle auch nur schäle, muss ich garantieren, dass sie ein lückenloses Führungszeugnis hat. Ich brauche den schriftlichen Nachweis, dass der Ackerboden vor der Aussaat auf Traumata aus der Pestizid-Ära untersucht wurde und kein Erntehelfer dafür im Staub knien musste. Früher war das eine Sättigungsbeilage, heute ist jede Fritte eine investigative Recherche!“

Er pumpte die Mayo auf die Pommes und legte nach: „Und die Mayo? Bevor die hier deine Pommes veredelt, muss ich prüfen, ob der Zucker-Bauer in Übersee ordentlich rentenversichert ist und ob für das Rapsöl nicht der letzte Orang-Utan aus seinem Baum geschubst wurde. Ich brauche eine GPS-Bestätigung vom Primaten persönlich, dass er noch bequem im Geäst hockt und sein Habitat nicht für dein Frittierfett geschreddert wurde. Ohne Affen-Approbation bleibt die Fritteuse kalt!“

„Ich muss ein lückenloses Abfall-Tagebuch führen“

Er hielt kurz inne und deutete mit der Pommesschaufel auf den weißen Klecks: „Und fangen wir gar nicht erst von den Eiern an! Ich muss für jedes Eigelb nachweisen, dass die Henne eine zertifizierte Work-Life-Balance-Beauftragte hat und nicht etwa durch unangebrachte Blicke des Hahns in ihrer persönlichen Entfaltung gestört wurde. Bevor das Ei hier aufschlägt, brauche ich ein Protokoll darüber, dass das Huhn während der Legephase Zugang zu Streaming-Diensten und einer individuellen Körner-Therapie hatte. Wenn ich das alles nicht schriftlich habe, steht morgen die Ethik-Kommission in meinem Imbiss und versiegelt die Box! Wer heute ein Ei rührt, steht doch schon mit einem Bein im Zeugenschutzprogramm für Geflügel!“

Er rammte mir einen Holzpiker in den Pommes-Berg und schnaubte: „Und glaub mal nicht, dass das Frittieren umsonst ist! Früher habe ich für das gebrauchte Fett noch Geld bekommen, da war das ein wertvoller Rohstoff. Heute zahle ich Entsorgungsgebühren, als würde ich abgebranntes Uran in die Tonne kloppen! Ich muss ein lückenloses Abfall-Tagebuch führen und jede gebrauchte Fett-Moleküle-Einheit notariell beglaubigen lassen, damit sie nicht versehentlich im Grundwasser landet und dort eine ökologische Kettenreaktion auslöst. Ich zahle pro Blubberblase eine CO₂-Strafsteuer, weil das heiße Fett beim Sieden Emissionen abgibt, die das Weltklima im Alleingang destabilisieren. Jedesmal, wenn es zischt, muss ich ein Zertifikat entwerten, damit dein ökologischer Fußabdruck beim Kauen nicht die Größe eines Elefanten annimmt.“

Zum Schluss knallte er mir eine einzelne Papierserviette neben die Pommesschale, richtete den Zeigefinger mahnend auf mich und zischte: „Pass auf, dass du nicht kleckerst, ich darf dir nur eine einzige Serviette geben! Ein-Servietten-Vorschrift aus Brüssel! Da steckt die Gebühr für die Aufforstung eines halben Stadtwaldes drin. Ich musste für das Recycling-Papier erst eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass keine Alt-Zeitungen mit politisch unkorrekten Schlagzeilen darin verarbeitet wurden. Das ist keine Serviette, das ist ein reinweißes Gewissens-Zertifikat!“

Wenn die Weltmoral im Hals stecken bleibt

Er starrte mich an, während der Kassenbon wie ein Ablassbrief aus dem Drucker ratterte: „Früher habe ich Fett gewechselt, heute wälze ich Compliance-Richtlinien. Jedes Zuckerkorn braucht eine Geburtsurkunde, jede Knolle ein polizeiliches Zeugnis, jeder Orang-Utan eine Verzichtserklärung und jedes Gramm CO₂ eine Ausgleichszahlung, sonst krieg ich vom Gesetzgeber eine verpasst, dass die Hütte wackelt. Die 7,90 Euro sind die Gebühr dafür, dass dir die Weltmoral beim Kauen nicht im Hals steckenbleibt!“

Er redete mit mir in einer Verachtung, als wäre ich durch den Verzehr einer Pommes mit Mayo persönlich für das Abschmelzen der Polkappen verantwortlich. Ich nahm die Schale düpiert an, zahlte meine völkerrechtlich geprüfte Zwischenmahlzeit und schwieg. Ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass ich eigentlich nur eine Kinderportion bestellt hatte.

Ich war gerade dabei, die ersten drei Meter Sicherheitsabstand zwischen mich und die Bude zu bringen, als seine Stimme erneut über den Parkplatz peitschte. „Halt! Stehenbleiben!“, brüllte er, und – wie peinlich ist das bitte? – die gesamte Schlange starrte mich an wie einen flüchtigen Recycling-Anarchisten.

Eine Pommesschale löst Alarmstufe Rot aus

Er hängte sich halb aus dem Verkaufsfenster und fuchtelte wild mit der Pommesschaufel in meine Richtung: „Und wehe, du entsorgst die Schale nachher achtlos im öffentlichen Raum!“, schallte es über den Asphalt. „Wenn du das Ding einfach in den nächsten Mülleimer stopfst, kriegst du vom Ordnungsamt eine verpasst, dass dir die Ohren schlackern! Die Schale ist nicht einfach Pappe, das ist ein registriertes Entsorgungs-Objekt mit Chip-Potential! Wenn die Ermittler der Task-Force ‘Gelbe Tonne’ deinen DNA-Abdruck an einem Mayo-Rest finden, rücken die mit dem Sondereinsatzkommando an. Wer die Schale nicht sortenrein dem Wertstoff-Kreislauf zuführt, gilt heute als ökologischer Gefährder! Da steht ‘Ungehorsam gegenüber der Kreislaufwirtschaft’ im polizeilichen Führungszeugnis. Dann ist Schluss mit Fernreisen, mein Freund!“

Er schnaufte kurz durch und setzte dann mit fast schon mitleidigem Unterton nach: „Die Jungs vom Amt lauern überall. Die scannen die Mülltonnen heute per Infrarot auf Fehlwürfe. Eine Pommesschale im Restmüll löst bei denen Alarmstufe Rot aus. Da wird die Spurensicherung gerufen, bevor die Currywurst überhaupt verdaut ist!“

Das Gewissen isst mit!

Ich nickte nur noch hektisch, zog den Kragen meines Mantels hoch ins Gesicht und beschleunigte meinen Schritt, während ich mit dem paranoiden Blick eines Informanten nach links und rechts schaute. Die Schale hielt ich halb verborgen unter dem Seitenteil meines Mantels, als wäre sie ein hochbrisantes Dossier in einem Kalter-Krieg-Agententhriller, das niemals in die Hände der Mayonnaise-Überwachungsbehörde fallen durfte.

Während ich davonschlich wie ein ertappter Hehler, stellte ich mir die Frage, ob die Bezeichnung „Kinderpommes“ nicht auch schon als nachhaltigkeitsfeindliche Frühkonditionierung auf der roten Liste der EU-Kommission steht. Vorsichtshalber habe ich den Frittenverkäufer erst gar nicht gefragt – ich wollte mir keine zweite moralische Abrechnung abholen. Guten Appetit – das Gewissen isst schließlich mit!

Aus der JF-Ausgabe 21/26.

Wenn die Pommes von schmierigen Paragraphen überlagert wird … Foto: JF-Montage
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