Als die Geräusche des französischen Heeres näher kamen, ging ein Raunen durch die Menge, das zu einem Brüllen anschwoll, dazu schlugen und hämmerten die Männer auf alles, womit sich irgendwie Lärm machen ließ. Dieser Lärm hallte von allen Seiten wieder, erhob und brach sich wie die Wellen im Meer. Er erfüllte die abendliche Luft über der tödlichen Falle, die die Engländer zwischen dem großen Wald und dem kleinen Wäldchen für die Franzosen vorbereitet hatten.“
Die Rede ist von der Schlacht von Crécy, einer der großen militärischen Auseinandersetzung des Spätmittelalters, in der Engländer am Beginn des Hundertjährigen Krieges (1337–1453) eine überle-gene französische Streitmacht vernichtend schlugen. Mitten in diesem blutigen Getümmel agieren die „Essex Dogs“, eine englische Söldnergruppe, die mit der englischen Armee unter der Leitung König Eduards III. im Sommer 1346 in Nordfrankreich gelandet war. Von ihrem Anführer Loveday Fitz Talbot, einem jungen Ritter aus einfachen Verhältnissen, vom heruntergekommenen Priester Romford, von Millstone, einem schweigsamen Schlagetot, und Throp, einem gewalttätigen Krieger, und anderen handelt die vorliegende Romantrilogie des englischen Autors Dan Jones.
Geschichtsinteressierten ist der Historiker Dan Jones als Verfasser populärwissenschaftlicher Werke bekannt, darunter Bücher über die Templer und die Kreuzfahrer. Im Jahre 2021 veröffentlichte er „Mächte und Throne“, eine „neue Geschichte des Mittelalters“, die große Beachtung fand. Diesmal wagt er sich in die Belletristik und beschreibt die Schrecken des spätmittelalterlichen Krieges in dreibändiger, epischer Breite. Der erste Band „Essex Dogs“ handelt vom Raubzug des britischen Heeres durch Nordfrankreich und der großen Schlacht von Crécy, in deren Verlauf die Blüte der französischen Ritterschaft von den englischen Langbogenschützen vernichtet wird.
Im dritten Band bricht das Söldnerheer auseinander
In „Winterwölfe“, dem zweiten Band der Essex-Trilogie, zieht die siegreiche, aber erschöpfte englische Armee weiter bis vor die Tore der französischen Festung Calais, die elf Monate lang belagert wird. Ein zermürbendes Lagerleben beginnt, nur unterbrochen von vergeblichen französischen Entsatzbemühungen und Massakern an der ländlichen Bevölkerung. Die englische Armee leidet an einer toxischen Mischung aus Kälte, Hunger und Langeweile, während in der belagerten Stadt Seuchen und Massenhunger ausbrechen.

Am Ende kommt es zur berühmten, von dem zeitgenössischen Chronisten Jean de Froissart beschriebenen Episode, in der sechs vornehme Bürger von Calais dem englischen König Eduard III. die Schlüssel der Stadt übergeben. Die Mitglieder der Essex Dogs erleben dergleichen nur von Ferne. Sie haben die ersten beiden Kriegsjahre nur reichlich ramponiert überstanden, viele sind gefallen, verwundet, andere sind desillusioniert oder zerstritten, und Loveday Fitz Talbot fällt es immer schwerer, seine Truppe zusammenzuhalten.
In „Löwenherzen“, dem dritten Band der Trilogie bricht die Söldnergemeinschaft schließlich auseinander. Persönliche Animositäten, Misstrauen und Verrat schleichen sich ein, während die Kriegs-handlungen ins Sinnlose mäandern. Inzwischen ist die große Pest über Europa hereingebrochen, der im Laufe der nächsten Jahre Hunderttausende zum Opfer fallen werden. Loveday Fitz Talbot ist nach England zurückgekehrt und versucht sich im zivilen Leben von Winchelsea als Schankwirt, als der Überfall kastilischer Piraten auf die englische Küste die Überlebenden der Essex Dogs noch einmal zusammenführt.
Die Allgegenwärtigkeit von Not und Tod
Aber es ist nur ein kurzes Aufflackern der alten Gemeinschaft. Am Ende gehen die Überlebenden einzeln ihrer Wege, manche kehren nach Frankreich zurück, um sich der englischen Armee anzuschließen, bei anderen verliert sich die Spur im pestverwüsteten England.
Was ist die „Moral von der Geschicht’“, mag man nach der über 1.200 Seiten langen Lektüre fragen. Sicher, man ist gut unterhalten worden, hat einiges über die Geschichte des späten Mittelalters gelernt und sich bei den anschaulich geschilderten Grausamkeiten angemessen gegruselt. Dan Jones’ Anliegen geht aber über diese rein erzähltechnischen Vorzüge hinaus. Er erzählt die Geschichte des Krieges aus der Sichtweise der einfachen Soldaten in einem ungeschminkten Realismus, der mitunter schwer zu ertragen ist.
Könige, Prinzen und Prominente treten nur als Randfiguren auf und sind wie die einfachen Soldaten getrieben vom grenzenlos ausufernden Chaos des Krieges. Heldenmut und Idealismus, „der schöne Schein des ritterlichen Spiels“, wie ihn Jan Huizinga in seinem „Herbst des Mittelalters“ einem staunenden Publikum vor Augen führte, werden in dem vorliegenden Romanwerk durch die Allgegenwärtigkeit von Not und Tod ersetzt. Wenn man so will, ist Jones’ Erzählung die belletristische Ausgestaltung dessen, was der englische Militärhistoriker John Keegan in seinem Klassiker „The Face of Battle“ wissenschaftlich entfaltet hatte, nämlich die Darstellung des Krieges als Praxis der kreatürlichem Brutalität, die die Menschen um so stärker trifft, je tiefer sie auf der sozialen Leiter stehen.
Jones Figuren bewegen sich in der Froschperspektive
Hinter dieser Perspektive treten andere Ambitionen zurück. Weder intendiert Jones die Darstellung grundlegender Zeittendenzen, noch entwirft er ein historisches Panoramabild wie etwa Noah Gordon im „Medicus“ – von der Thematisierung letzter philosophischer Fragen, wie sie Umberto Eco in „Der Name der Rose“ aufwarf, ganz zu schweigen. Stattdessen bewegen sich seine Figuren in der Froschperspektive des Krieges durch den Roman, leiden und fügen Leiden zu, ohne sich psychologisch zu entwickeln.
Auch der Handlungsaufbau des Romans folgt keiner nachvollziehbaren Struktur. Es gibt keine Sequenz, die auf irgendein Finale hinführt, sondern nur Einerlei des Schreckens. Insofern gleicht das vorliegende Romanwerk ein wenig einer Bruckner-Sinfonie, gewaltig Volumen, reich an faszinierenden Miniaturen, aber am Ende merkwürdig offen und unabgeschlossen.






