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TV-Kritik: Hilfe, „hippe Missionare“!

TV-Kritik: Hilfe, „hippe Missionare“!

TV-Kritik: Hilfe, „hippe Missionare“!

Johannes Hartl, katholischer Theologe, Missionar und Leiter des Augsburger Gebetshauses, spricht bei der Eröffnung der Christen-Konferenz "Weniger", am 5. Januar 2023 auf der Bühne der Messe in Augsburg. Die Aufnahme ist auf einem Monitor zu sehen.
Johannes Hartl, katholischer Theologe, Missionar und Leiter des Augsburger Gebetshauses, spricht bei der Eröffnung der Christen-Konferenz "Weniger", am 5. Januar 2023 auf der Bühne der Messe in Augsburg. Die Aufnahme ist auf einem Monitor zu sehen.
Johannes Hartl: ARD schießt sich auf gläubige Christen ein. Foto: picture alliance / KNA | Christopher Beschnitt
TV-Kritik
 

Hilfe, „hippe Missionare“!

Endlich lohnt sich in der ARD-Mediathek ein Klick mal wieder so richtig: Eine Reportage enthüllt die massiven Gefahren, die von evangelikalen Christen für die Freiheit ausgehen. Das verspricht zumindest der Untertitel der ARD-Story „Die hippen Missionare“.
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Wenn eine Person des öffentlichen Lebens bereits von konservativen Medien gewürdigt worden ist, und dies mit durchaus positiver Tendenz, dann darf man gespannt sein, was dabei herauskommt, wenn sie zum Protagonisten einer ARD-Reportage wird. Die Spannung ergibt sich dabei indes mehr aus dem Wie als aus dem Was. Denn wer glaubt, die linken Frontkämpfer des öffentlich-rechtlichen Fernsehens könnten an einem Promi oder Halbpromi Gefallen finden, der glaubt wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann. Wenn ein solcher sich am Ende der Sendung als bedenklich oder „umstritten“ aus der Affäre gezogen hat, ist er noch glimpflich davongekommen.

Erwischt hat es nun, passend zur Jahreszeit der süß klingenden Glocken und des leise rieselnden Schnees, den Theologen, Psychologen und „Eden Culture“-Autor Johannes Hartl, dessen Werk und Wirken als katholischer „Influencer“ Andreas Herz und Ralph Gladitz für die Folge „Die hippen Missionare“ aus der Enthüllungsreihe Story im Ersten kritisch unter die Lupe genommen haben.

Das Werk des Katholiken, das ist neben der erfolgreichen Youtube-Serie „Hartls Senf“, in der sich der belesene Gottesmann unterschiedlicher Themen des gesellschaftlichen Diskurses annimmt und Fragen zur Zeit aus der Perspektive des gläubigen Christen zu beantworten trachtet, vor allem das Gebetshaus Augsburg, ein ökumenisches Projekt für gemeinschaftliches christliches Leben, Beten, Dienen.

Erweckungserlebnis unter dem Regenbogen

Hartl selbst ist, was selbst die Autoren der „Story“ trotz erkennbar gering ausgeprägter Sympathie für die konservative christliche Exegese anerkennen müssen, ein begnadeter und mit Charisma gesegneter Redner. Er kommt in der TV-Produktion ausführlich zu Wort – aber natürlich nicht nur er, sondern auch Kritiker und Aussteiger.

Unschwer sind sie in „Die hippen Missionare“ als Bürgen dessen zu erkennen, was ARD-Journalisten an christlicher Existenz für zeitgemäß-korrekt halten: die Abtreibungsaktivistin, die früher bei einer der im Film porträtierten christlichen Initiativen mit dabei war, ehe sie ihr ganz persönliches Links-Erweckungserlebnis hatte und unterm Regenbogen ihr Heil fand, die fröhliche „Queer“-Katholikin, die in einer liberalen Gemeinde antraf, was sie für katholisch hält, die Theologin, die im Autorität suggerierenden Uni-Hörsaal erläutert, warum sie bibeltreues (evangelikales) Christsein für zu apodiktisch hält, dabei aber selbst apodiktisch ist.

Im Rahmen dessen, was in Journalistensprech „Konfro“ heißt, wird Hartl mit einer Abtrünnigen konfrontiert, einem in ihrer aktiven Zeit in der Gebetshaus-Gemeinschaft von ihr beanstandeten Gebet gegen dämonische Mächte sowie mit Aussagen zu Homosexualität von vor einem Dutzend Jahren. Danach hatten die ARD-Rechercheure offenbar lange gesucht.

Auf der Suche nach dem Geßlerhut

Selbst der eloquente und stets souverän argumentierende Leiter des Gebetshauses gerät da in die Defensive, wissend, daß Queerdenkern und Querdenkern in der öffentlich-rechtlichen Diskursdomäne mit einem sehr unterschiedlichen Maß an Wohlwollen begegnet wird und Kritik an der Regenbogenreligion mit ihren androgynen Idolen die Großinquisitoren der Neuzeit auf den Plan ruft. Es ist zugleich aber natürlich der spannendste Moment der Reportage, weil man Hartl in der Interviewpassage am Ende der Sendung den erhöhten Puls deutlich anmerkt.

Da man schon mal dabei war, konservative Bewegungen aufzuspüren, die dem regenbogenbunten Geßlerhut die schuldige Reverenz verweigern und dazu im süddeutschen Raum unterwegs war, ergänzte die von Stefan Oster in Wort und Tat unterstützte FOCUS-Bewegung das von Herz & Gladitz bediente Narrativ von der Gefahr für die (mit liberaler Theologie gleichgesetzte) Freiheit kongenial.

Der Bischof von Passau ist nämlich ein weiterer prominenter Antipode des auf links gedrehten Synodalkatholizismus, in dem, auf eine Kurzformel gebracht, ein demokratisch erzielter Konsens unter Katholiken die biblische Lehre ersetzen soll. Die hat freilich (im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen) nie den Anspruch gestellt, vox populi, Stimme des Volkes, zu sein; sie verstand sich eigentlich zu allen Zeiten als vox dei (Stimme Gottes). Das hätten Herz & Gladitz ja wenigstens mal kurz erwähnen können.

Die Bibel ist nicht der Maßstab

Angelegt wird von den Machern der ARD-Story an die von ihnen porträtierten Christen und Aussteiger aber selbstverständlich nicht der Maßstab der Bibel, sondern der Maßstab desjenigen gesellschaftlichen Konsenses, den sie durch ihre eigenen Meinungsbeiträge und kraft ihrer volkspädagogisch wertvollen Vorzugsstellung selbst herbeigeführt haben. Erst so erklärt sich eigentlich der Untertitel „Mit Jesus gegen die Freiheit“, immerhin aber als Frage formuliert, auf die der Zuschauer selbst seine Antwort finden muß.

Dabei hilft der im Auftrag des Bayerischen Rundfunks produzierte Film durchaus. Es ist übrigens nicht das erste Mal, daß sich säkular ausgerichtete Medienschaffende wie ein gefräßiger Tiger auf das Thema evangelikale Christen stürzen und am Ende als Bettvorleger landen. Schon vor einem Jahr hatte sich Thilo Mischke (richtig: der Mann, der als Moderator für „Titel, Thesen, Temperamente“ bei der ARD durchfiel) als Reporter mit Überseeverbindungen des Themas der hippen Missionare für ProSieben angenommen. Dort hießen sie „radikale Christen“ und wollten den „Griff nach der Macht“. Hinter dem Klickzahlen steigernden Titel verbarg sich auch damals eine ganz gut recherchierte Reportage, die es am Ende dem Zuschauer überließ, ob er die Warnung für angemessen hält oder für heiße Luft.

Und brandaktuell hat sich auch das ZDF in einer Folge der „Einzeldoku“-Reihe „Die Spur“ unter dem Titel „Christliche Influencer mit rechter Agenda?“ als „gefährlich“ geframter konservativer Christen angenommen, für die eigens das neue Wort „Christfluencer“ ersonnen wurde. Bei den Mainzern im Fokus: die mit „Liebe zur Bibel“ viral gehende Jasmin Friesen und der als „Ketzer der Neuzeit“ bekannt gewordene Video-Blogger Leonard Jäger.

Junge Christen als Gefahr

„Die Christen müßten erlöster aussehen“, warf einst der große Skeptiker Friedrich Nietzsche den Jesus-Adepten vor. Hier wird nun umgekehrt ein Schuh draus: Es sind – und dieses Bild nicht wirkungsvoll konterkarieren zu können macht den entscheidenden Pluspunkt der „Story“ von Herz & Gladitz aus – tatsächlich die jungen Christen, die beim Gebetshaus Augsburg ihre Berufung gefunden haben, denen die Herzen der Zuschauer zufliegen, nicht die verbiesterten Aussteigerinnen.

Mindestens eine der Bürginnen für die „Freiheit“, die hier vermeintlich gefährdet ist, hinterläßt dagegen einen zutiefst unerlösten Eindruck. Außerdem ist die BR-Produktion ein Paradebeispiel für öffentlich-rechtliche Verpeilungen und Betriebsblindheiten. Das macht „Die hippen Missionare – Mit Jesus gegen die Freiheit?“ ganz im Gegensatz zu dem, was ÖRR-Skeptiker und alle überzeugten Christen mit schwach ausgeprägtem Selbstbewußtsein erwarten oder befürchten mögen und sich deshalb ob des reißerischen Titels diese 45 Minuten (bisher) nicht antun möchten, zu einem überaus sehenswerten Mediathek-Fundstück.

Johannes Hartl: ARD schießt sich auf gläubige Christen ein. Foto: picture alliance / KNA | Christopher Beschnitt
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