Plakate der DG aus den 1950er Jahren, Broschüre der AUD vom Beginn der 1970er Jahre Foto: Archiv des Autors
Plakate der DG aus den 1950er Jahren, Broschüre der AUD vom Beginn der 1970er Jahre Foto: Archiv des Autors

Die deutsche Nachkriegsrechte – Teil 4
 

Wiedervereinigung durch Blockfreiheit – Die Nationalneutralisten

Zu den besonderen Umständen der deutschen Lage nach 1945 gehörte die Teilung des Landes in zwei Gebiete, dann Staaten, unter der bleibenden Vormundschaft der Siegermächte. Während die DDR gegenüber der Sowjetunion keinerlei Operationsspielraum hatte, war das im Fall der Bundesrepublik anders. Schon aus diesem Grund gab es Pläne, die Spaltung durch eine Neutralisierung Gesamtdeutschlands zu überwinden. Entsprechende Ideen zogen ihre Plausibilität nicht nur aus der Sorge vor einem Zusammenstoß der Supermächte auf deutschem Gebiet und der Angst vor einem deutsch-deutschen Bruderkrieg, sondern auch aus der Vorstellung, daß es politisch klug wäre, in Mitteleuropa einen neutralen „Gürtel“ zu schaffen, der von der Schweiz und Österreich (ab 1955) über Deutschland bis nach Schweden und Finnland gereicht hätte.

Eine gewisse, aber nie ausschlaggebende Resonanz fanden solche Pläne bei SRP und DRP. Dasselbe galt im Prinzip für die bürgerlichen Parteien, auch wenn der CDU-Politiker Jakob Kaiser anfangs den Gedanken verfocht, daß ein neutrales Deutschland als „Brücke“ zwischen Ost und West fungieren könnte, und der FDP-Vorsitzende Thomas Dehler Sympathie für die Idee gesamtdeutscher Neutralität erkennen ließ.

Nichts davon genügte, um den Westbindungskurs Adenauers zu konterkarieren. Gegen den wandte sich konsequenter nur die SPD, die sowohl den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl wie den Beitritt zur NATO als Fehler betrachtete, da diese Art der Integration in den amerikanischen Block die Herstellung der nationalen Einheit immer unwahrscheinlicher machte.

Offizielle Stellen bekämpften Neutralisten

Es schwang bei den Sozialdemokraten auch ein gewisser pazifistischer Unterton mit, wie er ähnlich in der „Ohne-mich-Bewegung“ zum Ausdruck kam, die gegen den Aufbau der Bundeswehr protestierte. Nur vertrat die Sozialdemokratie ihre Vorstellungen eher zögernd und defensiv. Das war der Hauptunterschied zu den linken Neutralisten, die sich zuerst unter Führung des CDU-Dissidenten Gustav Heinemann in der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) zusammenfanden, aber bei Wahlen genauso scheiterten wie der von dem ehemaligen Reichskanzler und Zentrumspolitiker Joseph Wirth gegründete Bund der Deutschen (BdD) oder die kryptokommunistische Deutsche Friedensunion (DFU).

Eine Ursache für die Erfolglosigkeit war die Massivität, mit der die neutralistischen Gruppierungen durch die offiziellen Stellen bekämpft wurden. Man unterstellte ihnen – oft zu Recht – das Geschäft Moskaus zu betreiben und im Fall einer Neutralisierung Deutschlands dessen faktische Eingliederung in den Ostblock anzustreben. Hinzu kam, daß die Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit scharf antikommunistisch eingestellt war und das politische Irrlichtern der Neutralisten mit Mißtrauen beobachtete. Diese Skepsis wandte sich auch gegen diejenigen, die von rechts her für eine Neutralisierung eintraten.

Die älteste „nationalneutralistische“ Gruppierung der Nachkriegszeit war die Deutsche Gemeinschaft (DG). Sie bildete sich 1949 aus der Deutschen Union (DU) und ließ schon an ihrem Führungspersonal erkennen, daß sie als Versuch zu verstehen war, eine Allianz zwischen verschiedenen Strömungen der nicht-konservativen Rechten zu bilden. Dieser Umstand erklärt weiter, warum in der Führung nicht nur Anhänger, sondern auch ausgesprochene Gegner des NS-Regimes eine Rolle spielten.

Neutralist Haußleiter knüpfte an Konservative Revolution an

Eine Zwischenstellung nahm der Vorsitzende August Haußleiter ein, der schon als Jugendlicher unter dem Einfluß von Ideen der Konservativen Revolution gestanden hatte, nach 1933 in Konflikt mit Funktionsträgern des Systems geriet und 1946 zu den Mitbegründern der CSU gehörte, für die Christlich-Sozialen in den bayerischen Landtag einzog und sogar zum Vorstand der Partei gehörte. Auf Grund interner Konflikte verließ Haußleiter die CSU 1949 und schloß sich der DU an. Er war nicht nur ein begabter Redner, sondern wollte auch eine möglichst geschlossene Weltanschauung für die Deutsche Gemeinschaft entwickeln.

Anstecknadel der Ohne-mich-Bewegung in Form eines „Kommißstiefels“, erste Hälfte der 1950er Jahre Foto: Archiv des Autors
Anstecknadel der Ohne-mich-Bewegung in Form eines „Kommißstiefels“, erste Hälfte der 1950er Jahre Foto: Archiv des Autors

In deren Zentrum stand die Vorstellung, daß man bestimmte Ideen der Zwischenkriegszeit – vor allem die eines „deutschen Sozialismus“ – wiederbeleben und den gewandelten Umständen anpassen könnte. Haußleiter verknüpfte das Modell einer nationalen Basisdemokratie mit der Neutralisierung Gesamtdeutschlands, das sich auch in Verteidigung seiner kulturellen Identität gleichweit von den beiden Supermächten entfernen sollte. Einen besonderen Akzent erhielten diese Vorstellungen durch Haußleiters Antiimperialismus, der letztlich darauf hinauslief, dem wiedererstandenen Reich die Funktion einer Führungsmacht aller unterdrückten Völker zu übertragen. Die Parallelen zwischen solchen Ideen und denen der Nationalrevolutionäre der Weimarer Zeit lagen auf der Hand.

Eine wichtige Frage war für die DG, ob man auch Anhänger eines – mehr oder weniger bereinigten – Nationalsozialismus der Hitlerzeit in die Partei aufnehmen sollte. Nach dem Verbot der SRP liebäugelte die Führung der Gemeinschaft jedenfalls mit dem Gedanken, deren Anhänger und Wähler zu gewinnen. Das entsprechende Vorgehen erwies sich aber als kontraproduktiv. Die DG geriet noch stärker unter staatlichen Druck und war zudem Übernahmeversuchen der Ultras ausgesetzt.

Otto Strasser versuchte politisches Comeback

Obwohl die letztlich verhindert werden konnten, versank die DG bis zum Ende der 1950er Jahre in der Bedeutungslosigkeit. Sie hatte auch zuvor nur zeitweise und regional begrenzt gewisse Erfolge erzielen können, etwa im Bündnis mit anderen rechten Kleinparteien wie dem BHE. Das Wirtschaftswunder und die Verfestigung der Teilung entzogen dem Programm der DG nach und nach jede Resonanz. Indes boten Basisdemokratie, Antiamerikanismus und Antiimperialismus Anschlußmöglichkeiten nach links. Das erklärt die eigenartige weitere Entwicklung, die dazu führte, daß die DG 1965 in die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD) eintrat, die noch einmal die Neutralisten aller Couleur zu sammeln suchte.

Damit war man zwar erfolglos, entdeckte aber seine Sympathie für die APO. Haußleiter trieb diesen Kurs voran, der später zur massiven Unterstützung der Bürgerinitiativen und der Umweltschutzbewegung führte und damit endete, daß die AUD zu jenen Organisationen gehörte, die 1980 die Bildung der Grünen auf Bundesebene verwirklichten. Haußleiter wurde als einer der Sprecher der neuen Partei gewählt und übernahm die Leitung der Parteizeitung. Zwar mußte er in der Folge seinen Posten wegen einer Kampagne räumen, die ihm unterstellte, daß er „Nationalsozialist“ (gewesen) sei, aber 1986 zog er über die Liste seiner Partei in den bayerischen Landtag ein.

Wenigstens für kurze Zeit fand eine zweite nationalneutralistische Gruppierung neben der DG ein erhebliches Maß öffentlicher Aufmerksamkeit: die Deutsch-Soziale Union (DSU), oft einfach Strasser-Partei genannt, nach ihrem Vorsitzenden Otto Strasser. Bis 1955 hatten die Besatzungs-, dann die westdeutschen Behörden zu verhindern gewußt, daß Strasser ins Land zurückkehren durfte. Er galt als besonders gefährlich, da er mit Nachdruck behauptet hatte, den wahren und mithin unbelasteten Nationalsozialismus zu vertreten.

Strasser ging ins Exil

Während sein Bruder Gregor Strasser als Reichsorganisationsleiter der NSDAP Hitler – trotz erheblicher Skrupel – treu geblieben war, hatte Strasser die Partei 1930 verlassen. Das geschah nicht etwa, weil er ihr Programm für zu radikal hielt, sondern weil er glaubte, daß es nicht radikal genug sei. Der Vorwurf des „Nationalbolschewismus“ war zwar polemisch gemeint, aber in der Sache zutreffend.

Obwohl es in der Partei, vor allem in der SA, eine erhebliche Sympathie für Strassers linke Variante des Nationalsozialismus gab, gelang ihm keine Spaltung der NSDAP. Nur eine kleinere Gefolgschaft konnte er in der Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten (KGRNS), später umbenannt in Schwarze Front (SF), zusammenschließen. Nach der Machtübernahme Hitlers wurde die SF als eine der ersten Gruppierungen verboten. Während sich ein Teil ihrer Mitglieder dem neuen Regime anpaßte und ein anderer in den Widerstand ging, mußte Strasser aus Deutschland fliehen. Er hielt aber längere Zeit an der Vorstellung fest, daß Hitler rasch abgewirtschaftet haben werde und er dann mit einer „zweiten Revolution“ seine Ideen umsetzen könnte.

Ausgabe der DSU-Parteizeitung und Auftritt Strassers auf einer Parteiveranstaltung Foto: Wikimedia Commons, Urheber: SchwarzerFront - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Ausgabe der DSU-Parteizeitung und Auftritt Strassers auf einer Parteiveranstaltung Foto: Wikimedia Commons, Urheber: SchwarzerFront – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

In der Tschechoslowakei bildete Strasser sogar eine Exil-Regierung und forderte seine Anhänger im Untergrund auf, den Zusammenhalt zu bewahren. Das Reichssicherheitshauptamt ging gegen sie allerdings mit äußerster Härte vor und zerschlug die meisten Zellen der Schwarzen Front. Strasser selbst mußte Ende der 1930er Jahre über die Schweiz und Frankreich nach Portugal fliehen. Von dort ermöglichte ihm die britische Regierung die Ausreise nach Kanada.

Strasser enttäuschte seine Anhänger

Daß er auch nach Kriegsende in Übersee bleiben mußte, hatte mit der Befürchtung der Siegermächte zu tun, daß Strasser zur Leitfigur eines neuen deutschen Nationalismus werden könnte, dem schlecht der Vorwurf zu machen war, ein „Hitlerismus“ zu sein. Diese Sorge teilte man auch in der Regierung Adenauer, weshalb Strasser nichts anderes blieb, als bis zum Bundesverwaltungsgericht Klage zu führen, um schließlich seine Wiedereinreise zu erzwingen.

Während der ganzen Zeit hatte Strasser Kontakt mit ehemaligen Kadern der Schwarzen Front gehalten, die darauf brannten, den „Strasserismus“ endlich in die Tat umzusetzen. Die Bedeutung dieser Veteranen wurde auch daran deutlich, daß die Symbolik der 1956 gegründeten DSU mit Hammer und Schwert ganz bewußt die der SF zitierte.

Enttäuscht waren allerdings viele der Veteranen von der Art und Weise, in der Strasser seine Weltanschauung verändert hatte. Zwar beharrte er auf dem Begriff des „deutschen Sozialismus“, der aber nur noch auf Schaffung einer korporativen Ordnung und der Rückkehr zu christlichen Werten beruhen sollte. Die Unschärfe des Programms führte dahin, daß sich die Propaganda der DSU ganz auf den Aspekt der Wiedervereinigung durch Neutralität konzentrierte. Womit man allerdings noch weniger Resonanz fand als die DG. Die DSU scheiterte schon bei der Bundestagswahl von 1957 kläglich, 1960 trat Strasser vom Parteivorsitz zurück, zwei Jahre später wurde die Partei aufgelöst.

> Der Beitrag ist aus der Serie des Autors über die deutsche Nachkriegsrechte. Der nächste Teil erscheint am Dienstag. 

Bisher erschienen: 

Teil 1: Vor 75 Jahren wurde die Deutsche Konservative Partei – Deutsche Rechtspartei gegründet 

Teil 2: „Gegen die rote Flut“ – Der Bürgerblock 

Teil 3: Kein Viertes Reich – Die Sozialistische Reichspartei 

Plakate der DG aus den 1950er Jahren, Broschüre der AUD vom Beginn der 1970er Jahre Foto: Archiv des Autors
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