Ölbild nach einem schwarz-weiß-Foto von Manfred von Glehn (Mitte) und seinen Geschwister im Mai 1945 Foto: pirvat
8. Mai 1945

„Eltern, Geschwister und Heimat: Ich hatte alles verloren“

Deutschland feiert den 8. Mai mittlerweile als „Tag der Befreiung“, auch wenn für viele Deutsche das Kriegsende keineswegs das Ende von Leid, Trauer, Tod und Elend bedeutete. Unzählige Familien wurden zerrissen, vertrieben und ausgelöscht. Auch Manfred W. von Glehn erlitt dieses Schicksal. Der JF berichtet er von den tragischen Tagen im Mai 1945.

Der folgende Brief erreichte seinen Vater im Herbst 1946 bei Lauenburg. Dort mußte er als kriegsgefangener Sanitätsoffizier der Wehrmacht in einem britischen Lazarett arbeiten. Ein Bewohner des Hauses in Berlin Lichterfelde, in dem auch von Glens Familie lebte, informiert den Vater über den Tod seiner Frau.

Sehr geehrter, lieber Herr Doktor!

Der Brief, den ich Ihnen heute schreiben muß, ist wohl der schwerste, den ich je geschrieben habe, denn ich muß Ihnen zu unserem größten Kummer mitteilen, daß Ihre verehrte Frau Gemahlin, die auch uns ans Herz gewachsen war, seit dem 26. April, dem Einmarschtag der Russen in Lichterfelde, sich nicht mehr unter den Lebenden befindet.

Auszug aus einer Abschrift des Briefs Foto: JF

An diesem Tag durchsuchten russische Mannschaften unseren Schutzraum nach Soldaten, Waffen und Wertsachen, besonders Uhren und Schmuck. Zunächst ging es dabei noch einigermaßen glimpflich zu. Bald aber begannen sie junge Mädchen und Frauen zur Befriedigung ihrer Lust zu zwingen. Ihre Gattin gab sich auf Russisch als Brasilianerin aus, was auch fürs Erste half.

Um aber im Schutzraum mit ihren Opfern ungestört zu bleiben, trieben einige Russen uns andere in die Privatkeller hinaus. Dabei schloß sich Ihre Gattin mit ihren Kindern Christian (9), Uta und Manfred (3), samt ihrer ausgebombten Untermieterin und derer 14-jähriger Tochter, meiner Frau und mir an und kam in unseren Keller. Hier legte sich Ihre Gattin nach einer erneuten Waffenuntersuchung in einen Liegestuhl, der gegen das Kellerfenster durch einen großen Tisch, Koffer und Kisten abgedunkelt war und nahm Uta und Manfred zu sich auf den Schoß. Hinter ihrer linken Schulter versteckte sich die Tochter der Untermieterin, die auf diese Weise vor dem Zugriff der Russen bewahrt blieb.

Zwei Russen kamen zurück

Nach kurzer Pause kamen zwei Russen zurück, von denen der eine erheblich unter Alkohol stand. Dieser redete wild auf Ihre Frau ein und verlangte von ihr aufzustehen, was sie unter Hinweis auf die Kleinen auf ihrem Schoß als untunlich ablehnte, sei es, daß sie das Mädel hinter sich decken oder auch sich selbst vor einer beabsichtigten Vergewaltigung schützen wollte. Nach mehrfachem wilden Einreden griff der Russe zu seiner Maschinenpistole, setzte sie an die rechte Schläfe Ihrer Gattin und drückte ab, worauf diese, ohne einen Laut von sich zu geben, sogleich verschied.

Vergebens hatte ihr Sohn Christian, der daneben stand, den Mann flehentlich gebeten, seine Mutter doch nicht zu erschießen. Auch mir, der ich am Fußende des Liegestuhls stand, war es natürlich nicht möglich, die Untat zu verhindern.

Als ob Ihre Gattin geahnt hätte, was so oder so für sie kommen könnte, hatte sie meine Frau Augenblicke vorher gebeten, sich, wenn sie es selbst es nicht mehr könnte, ihrer lieben Kinder anzunehmen, was meine Frau natürlich auch sonst getan hätte. Wir alle waren entsetzt über diesen Mord, der die Kinder ihrer geliebten Mutter beraubte, und versuchten, sie zu trösten, so wenig dies auch gelang. Es blieb uns nur, die Erschossene auf das Liegebett in ihrem Keller zu legen und dort den großen Blutverlust zu stillen.

Die tödliche Kugel war in der rechten Schulter der 14jährigen hinter ihrer Frau stecken geblieben. Sie wurde aber später im Krankenhaus geheilt. Noch am gleichen Tage stellte unsere Hausärztin den Totenschein aus. Die rüstigeren Männer hoben im Garten ein Grab aus und bestatteten die von uns allen betrauerte Ermordete unter Teilnahme der ganzen Luftschutzgemeinschaft des Hauses, da eine Überführung auf einen Friedhof zunächst unmöglich war. Ihr Grab wurde mit Blumen und Tannengrün geschmückt und gepflegt, bis die Umbettung auf den Parkfriedhof Lichterfelde Ende September stattfinden konnte.

Vorräte gingen zur Neige

Als wir nach einigen Tagen den Schutzraum im Keller wieder mit unseren Wohnungen tauschen konnten, übernahm meine Frau zunächst die Beköstigung und Fürsorge für Ihre Kinder, fand aber sehr liebevolle Hilfe in Verwandten der Nachbarn, einer erfahrenen Betreuerin. Diese nahm, da Ihre und unsere Wohnung in den Hinterzimmern durch eine Luftmine ganz zerstört war, die Kinder sogar in ihr eigenes Zimmer. Unsere Betten waren gestohlen worden.

Allmählich überstieg die Arbeit mit dem doppelten Kochen und der Betreuung nebst Wäsche für die Kinder, besonders für den kleinen Manfred, der noch vielfach Wäschewechsel verlangte, die Kräfte meiner Frau sowie unsere und Ihrer Gattin Vorräte so stark, daß es eine Erlösung war, als nach etwa zwei Wochen eine Bekannte kam und die Kinder durch ihre Beziehungen im Mariannenhaus unterbringen konnte.

Schilderung des Mords an der Mutter von Manfred W. von Glehn Foto: JF

 Daß wir mit Ihnen und Ihrem ungeheuren Verlust aus ganzem Herzen mittrauern, brauche ich Ihnen nicht zu versichern. Nun müssen Sie an Ihre lieben Kinder denken und für sie leben.

Ihre Sie herzlich grüßenden, 

Walther und Hedwig Lade

Den Rat beherzigte mein Vater nicht

Ich war damals knapp drei Jahre alt. Die Bedingungen im Mariannenhaus waren unbeschreiblich. Wir wurden nach Altersgruppen getrennt und in verschiedene, überfüllte und verdreckte Räume voller traumatisierter Kinder gesperrt. Ich kann mich an diese schlimme Zeit nur schemenhaft erinnern, aber mein sechs Jahre älterer Bruder, Christian, erzählte mir später von ständigen Übergriffen, Plünderungen und Vergewaltigungen.

Den Rat von Frau und Herrn Lade, daß mein Vater nun ganz für die Kinder leben müsse, beherzigte dieser nicht. Als es ihm mit der Unterstützung seines britischen Chefarztes und aufgrund vieler glücklicher Zufälle gelang, meine Geschwister und mich nachzuholen, gab er uns in Pflegefamilien.

Ich kam zu einer Familie nach Brasilien, mit der ich nicht verwandt war und die auch kein Deutsch sprach. Letztlich war das aber unerheblich, denn ich wurde umgehend in ein weit entferntes Internat gesperrt. Plötzlich hatte ich alles verloren: die Mutter, die Geschwister, das Zuhause, die Heimat und die Muttersprache.

Meinen Vater hatte ich zwar auch verloren, aber dieser Verlust erzeugte in mir mehr Wut als Trauer, weil ich fühlte, daß er mich wie ein lästig gewordenes Haustier ausgesetzt hatte.

Mutters Familie hatte mehr Glück – sie waren schon enteignet

Vom Inventar unserer Wohnung in Berlin ist nichts übriggeblieben. Es wurde vollständig geplündert und zerstört. Von der großen Familie meines Vaters, die seit dem Dreißigjährigen Krieg in Tilsit und Memel ansässig war, hat niemand die sogenannte Befreiung überlebt – nicht die Alten, nicht die Frauen und nicht die Kinder.

Die Familie meiner Mutter hatte mehr Glück, denn sie stammte aus Reval (heute Tallinn) und war bereits nach dem Ersten Weltkrieg enteignet und vertrieben worden. Sie war nach Brasilien ausgewandert und lebte dort unter prekären finanziellen Verhältnissen. Meine Mutter ist 1934 nach Deutschland zurückgekehrt, um hier eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester zu machen und die Möglichkeiten für die Rückkehr der Familie zu erkunden. So lernte sie meinen Vater kennen.

Sie wurde dreimal begraben: Zunächst hinter unserem Berliner Haus in einem Gemüsebeet. Fünf Monate später auf dem Parkfriedhof Lichterfelde. Auf Wunsch meines Vaters wurde sie exhumiert und verbrannt. Als er mich nach Brasilien verschickte, habe ich ihre Asche – ohne es zu wissen – in einem Gasmaskenbehälter mitgenommen. In São Paulo legte man sie ein letztes Mal zur Ruhe, aber das erfuhr ich erst, als ich 30 Jahre alt war.

Gedenken und Erinnern

Bekanntlich gibt es eine Hierarchie der Opfer des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Ganz unten rangieren die deutschen zivilen Opfer. Sie spielen in der offiziellen Trauerkultur kaum eine Rolle. Für diese Personen gibt es keine Denkmäler, keine Museen, keine Opferorganisationen, keine Staatsakte, keine Gedenktage, keine „Stolpersteine“, keine Straßennamen, keine Historikerkommissionen und keine Entschädigungsfonds.

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Dr. Manfred Wöhlcke von Glehn wurde 1942 in Berlin geboren und wuchs in Brasilien auf. Er studierte Soziologie, Politologie und Romanistik und war er in der politiknahen Sozialwissenschaft tätig.

Ölbild nach einem schwarz-weiß-Foto von Manfred von Glehn (Mitte) und seinen Geschwister im Mai 1945 Foto: pirvat

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