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Mauerfall am Brandenburger Tor
Mauerfall in der Nacht vom 9. November 1989: „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“ Foto: picture alliance/dpa-Zentralbild

Gedenkpolitik
 

Kein Denkmal, nirgends

„Wir Deutschen haben die von der Geschichte erzwungene Zweistaatlichkeit mehr und mehr akzeptiert. Eine Einheit der Deutschen im Nationalstaat wird es nie mehr geben“, äußerte unmittelbar vor der Wende Freimut Duve (SPD) im Bundestag, und der spätere Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) verstieg sich sogar noch im März 1990 zu der Äußerung: „Die deutsche Frage steht derzeit als akute Frage der Wiedervereinigung nicht auf der weltpolitischen Tagesordnung.“

Darf es bei solchen Stimmen, die nur eine Auswahl aus der bundesdeutschen Politikerkaste bilden, überhaupt überraschen, daß es auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch kein Denkmal für die Deutsche Einheit gibt? Die meisten Politiker in Ost und West wurden von der Wende überrumpelt. In viele Herzen trat sie nie.

Erst im Jahr 2000 forderten mitteldeutsche Bundestagsabgeordnete die Errichtung eines Einheitsdenkmals. Es dauerte nochmals sieben Jahre, bis dem das Plenum 2007 zustimmte. Zwei Denkmale wurden geplant: eines in Berlin, wo am 9. November 1989 die Mauer fiel, und eines in Leipzig, wo am 9. Oktober 1989 70.000 Menschen auf die Straße gegangen waren, um gegen das SED-Regime zu demonstrieren.

Die Denkmale sollten an die friedliche Revolution und die Vereinigung  der beiden deutschen Teilstaaten erinnern, aber auch an die freiheitlichen Bewegungen und Einheitsbestrebungen vergangener Jahrhunderte. Pünktlich am 25. Jahrestag der ersten Montagsdemonstration wollte man das Leipziger Denkmal fertiggestellt haben, das Denkmal in Berlin sollte sogar schon 2009, also zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, stehen.

Die Menschen, die 1989 mutig auf die Straße gegangen waren, fühlten sich auf die Schippe genommen

Doch es kam anders. Das Berliner Denkmal wird auch zum 25. Jahrestag des Mauerfalls nicht fertig sein, und das Leipziger wurde am 16. Juli auf Eis gelegt. Das mag enttäuschen, doch wer die Entwürfe kennt, wird es gelassener nehmen. „Das Denkmal, das wir in Leipzig und Berlin errichten wollen, ist eines, das wir in Deutschland bisher nicht kennen: Wir wollen den schönsten Moment der neueren deutschen Geschichte würdigen und an ihn erinnern“, verkündete vollmundig der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung.

Dazu wurde 2011 in Leipzig ein internationaler Wettbewerb ausgerufen. Den ersten Preis erhielt der Entwurf „Siebzigtausend“: 70.000 bunte Würfel zum Wegtragen sollten an die Demonstration der 70.000 Leipziger Bürger vom 9. Oktober 1989 erinnern. Doch es hagelte Proteste.

Entwurf „Siebzigtausend“: Man fühlt sich auf die Schippe genommen Foto: picture alliance / dpa
Entwurf „Siebzigtausend“: Man fühlt sich auf die Schippe genommen Foto: picture alliance / dpa

Die Menschen, die 1989 mutig auf die Straße gegangen waren, fühlten sich auf die Schippe genommen. Daraufhin wurde der Siegerentwurf auf Platz drei heruntergeschraubt, woraufhin die so Degradierten vor dem zuständigen Oberlandesgericht Einspruch erhoben. Die Politik beendete schließlich das Vergabeverfahren und verkündete den Wunsch nach einem neuen Wettbewerb mit neuen Entwürfen. Wann das allerdings sein wird, weiß niemand.

Entwürfe mit riesigen Bananen oder tanzenden Party-Schlümpfen

In Berlin war bereits 2009 ein Wettbewerb ausgerufen worden. 532 Entwürfe trafen ein. Doch die Jury war von keinem der eingereichten Vorschläge überzeugt und nannte diese ebenso „naiv“ wie „beschämend“. Das illustrieren etwa Entwürfe mit riesigen Bananen oder tanzenden Party-Schlümpfen. Daraufhin fand 2010 ein neuer Wettbewerb statt, zu dem 28 europäische Künstler und Architekten eingeladen wurden. Doch auch diese Arbeiten fielen ernüchternd aus. Gleichwohl benötigte man einen ersten Preis. Diesen erhielt schließlich ein Architekturbüro aus Stuttgart in Arbeitsgemeinschaft mit der Berliner Choreographin Sasha Waltz für ihre Kreation „Bürger in Bewegung“.

Der Entwurf besteht aus einer großen Schale, die eine polierte Messing-Unterseite und eine asphaltierte Besucherplattform hat. Diese Schale, auch spöttisch „Salatschüssel“ genannt, ruht auf einer Achse und senkt sich, je nachdem wohin sich die Besucher bewegen, nach der einen oder anderen Seite. So sind die „Bürger in Bewegung“ – dank einer wackelnden Salatschüssel.

„Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“

Das einzig Würdige an diesem Kindergarten für Erwachsene sind die im Inneren der Schüssel vorgesehenen Worte „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“. Es sind jene Worte, die die Demonstranten im Herbst 1989 riefen, um ihren Willen zu Einheit und Freiheit zu bekunden. Die Realisierung der „Einheitswippe“ wird allerdings von mehreren Instanzen blockiert: Naturschützer haben festgestellt, daß im Sockel des einstigen Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I., auf dem die Wippe stehen soll, artgeschützte Fledermäuse nisten, die Denkmalpfleger möchten die alten Bodenmosaiken gut sichtbar erhalten, und der Behindertenbeauftragte verlangt eine rollstuhlgerechte Aufstiegsrampe. Zudem ist die Choreographin Sasha Waltz von dem Wippenprojekt „abgesprungen“.

Die bisherigen Ergebnisse für ein Einheitsdenkmal drängen die Frage auf, ob sich mit der Sprache der Moderne überhaupt ein angemessenes Denkmal errichten läßt. Nachdem die Moderne ihr Provokationspotential verloren hat, ist von ihr vornehmlich ein Aspekt übriggeblieben: ihre Kasperlenote. Zum Glück besitzt Berlin bereits ein würdiges Einheitssymbol: das Brandenburger Tor. Vor 1989 verkörperte es die Teilung, danach die Einheit. Hier könnte im mittleren Durchgang das einzig Übernehmenswerte der „Wippe“ angebracht werden: die Inschrift „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“.

Übrigens war das einstige National- bereits ein Einheitsdenkmal, da Wilhelm I. die Einheit von 1871 symbolisierte. Dessen Wiederaufbau wäre ästhetisch ansprechender – allerdings auch entschieden provokativer – als alle neueren Verrenkungen.

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Mauerfall in der Nacht vom 9. November 1989: „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“ Foto: picture alliance/dpa-Zentralbild
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