Journalistische Querfronten zu 1914

Am Montag dieser Woche macht die Regionalzeitung mit folgender Schagzeile auf: „Vor Hundert Jahren – Deutschland will den Krieg“. Näheres gibt es dann ganzseitig im Innenteil. Es ist der übliche Kram. Es sei eine „völlige Umkehrung der Tatsachen“ gewesen, als der deutsche Kaiser zur Verteidigung aufgerufen habe.

Viel Raum wird dem Menschlichen gewidmet, wobei zwar der Patriotismus damaliger Deutscher nicht gerade direkt verhöhnt, aber in deutlichem Gegensatz zur angeblich fehlenden Kriegsbegeisterung im Ausland skizziert wird.

In Frankreich sei die Öffentlichkeit vom Kriegsausbruch „bestürzt“ gewesen und nur zu den Waffen geeilt, um das „angegriffene Vaterland“ zu verteidigen. In England – ja, die armen Engländer hatten noch nicht einmal die Wehrpflicht und kein großes Heer. Noch unschuldiger geht es kaum.

Über Rußland fast nichts, über Kriegspolitik nur wenig und dann wie üblich, die prüfbaren Fakten wie das Datum der russischen Mobilmachung falsch. So geht es zu in der Provinz, an allen Tatsachen vorbei wird der deutsche Sonderweg herbei- und fortgeschrieben.

Rühriger Trommler für russische Interessen

Keine Sorge! Das möchte man deshalb einem anderen Exzentriker zurufen. Jürgen Elsässer, als früherer antideutscher Eiferer heutzutage einer der rührigen Trommler für russische Interessen in der Bundesrepublik, zeigt sich in der neuesten Ausgabe seines Hausblatts Compact sehr sensibel. Es sind Christopher Clark und dessen Buch über die „Schlafwandler“, die ihm auf der Seele liegen.

Im wohltuenden Unterschied zum sonstigen deutschen Blätterwald, der seine Fehlleistungen und Unwahrheiten zu 1914 inzwischen wieder oft mit ehernem Schritt und ohne deutliche Offenlegung des Zwecks zum Besten gibt, spricht Elsässer in einem Beitrag über das „serbische 9/11“ allerdings etwas Klartext.

Da es – aus welchen Gründen auch immer – zu den Zielen von Compact gehört, das heutige Rußland wieder nach Europa hineinzuschreiben, als angeblich bessere Alternative zur amerikanisch dominierten Westbindung, stört die historische Wahrheit über die russische Verantwortung für den Ersten Weltkrieg natürlich auch hier. Clark hat, so schreibt Elsässer, „den Schwarzen Peter nach Belgrad und Moskau weitergegeben, was in der aktuellen Situation gefährliche Folgen haben kann“.

Es geht nicht um Wahrheit, sondern um Politik

Hier wird wenigstens ehrlich zugegeben, daß es in den Debatten um 1914 vielfach nicht um Wahrheit, sondern um Politik ging und immer noch geht. Die verschrobenen Argumente, mit denen Elsässer nach diesem offenen Einstand dann die russische Verantwortung wieder kleinschreiben will, müssen uns hier nicht interessieren. (Und nein: Iswolski war nicht Außenminister, sondern russischer Botschafter in Paris) In den weiteren Artikeln des beiliegenden Compact-Dossiers „1914-18“ findet sich über Rußland – nichts.

Daß die glückliche Abdrängung des russischen Imperialismus nach 1989 einen seit dem 18. Jahrhundert bestehenden Alptraum beendet hat, müssen wir unsererseits nicht größer ausführen. Konstatieren wir einfach, daß sich in der deutschen Journalistik derzeit gelegentlich eine unfreiwillige Querfront bildet, um die russische Politik von 1914 zu verharmlosen.

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