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Vernichtete Stasi-Akten
 

Das große Puzzeln

Für eine typisch deutsche Erfindung erhielt das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) vor einem Jahr den Europäischen Innovationspreis. Ausgezeichnet wurde eine besondere wirtschaftliche und soziale Neuheit, die die Berliner Forscher entwickelt hatten: einen „E-Puzzler“. Bekannter wurde sie allerdings als „Stasi-Schnipselmaschine“.

Bereits im März 2013 hatte ein Forscherteam um Bertram Nickolay eine Software entwickelt, die Licht in das Dunkel deutsch-deutscher Geschichte bringen soll. Konkret ging es um jene 16.000 Säcke, in denen das Ministerium für Staatssicherheit der DDR geschätzte 600 Millionen Papierschnipsel vorvernichteter Akten hinterlassen hatte.

Das Volk verhinderte eine vollständige Aktenvernichtung

Als das Volk im Herbst 1989 die SED-Diktatur stürzte, blieb deren Geheimdienst nur unzureichend Zeit, seine Unterlagen zu vernichten. Die Kapazität der vorhandenen Feuchtschredder, die von dem Papier nur eine breiartige Masse übrigließ, reichte nicht aus. Auch bekam die Bevölkerung zu früh Wind von der laufenden Vernichtungsaktion und stürmte die Stasi-Dienststellen. Dort wurden gerade eifrig Akten in Reißwölfen zerschreddert, in Öfen verbrannt oder einfach zerrissen, um dann mit Wasser übergossen und zu einem Papierbrei zerstampft zu werden.

Als die Dresdner am 5. Dezember 1989 die Stasizentrale auf der Bautzner Straße besetzten, drangen sie zwar in die Diensträume des örtlichen SED-Geheimdienstes vor, nicht aber in das mit Hunden gesicherte hintere Gelände. Während vorn Dienstzimmer und Aktenschränke versiegelt wurden und Stasi-Bezirkschef Horst Böhm versicherte, es würden befehlsgemäß keine Akten mehr vernichtet, liefen hinten die Reißwölfe heiß. Die Dresdner Bürgerrechtler waren den im Täuschen, Tricksen und Tarnen geübten Geheimdienstlern nicht gewachsen. Das war in Erfurt, Rostock, Leipzig und Berlin nicht anders.

Soviel brisantes Material zu vernichten wie irgend möglich

Die erste Täuschung war die Umbenennung des Ministeriums für Staatssicherheit in Amt für Nationale Sicherheit mit Erich Mielkes bisherigem Stellvertreter Wolfgang Schwanitz als Chef. Sein Auftrag lautete, die Bürgerrechtler hinzuhalten und soviel brisantes Material zu vernichten wie irgend möglich. Insbesondere ging es um Akten, die die innere Repression und die enge Zusammenarbeit mit der SED belegten. Auch sollten für die Zukunft wichtig erscheinende inoffizielle Mitarbeiter geschützt werden.

Selbst die Vertreter des Runden Tisches erlagen der Argumentation der geschulten Stasi-Kader und stimmten noch Ende Februar 1990 der Vernichtung der Akten und Datenträger der für die Außenaufklärung zuständigen Stasi-Hauptverwaltung A von Markus Wolf zu. Pech für den Geheimdienst war, daß die auf Mikrofilm gespeicherten, später sogenannten „Rosenholz-Dateien“ zu diesem Zeitpunkt bereits in die Hände des amerikanischen Geheimdienstes CIA gelangt waren.

Die Rekonstruktion per Hand läuft an

Letztlich war die Zeit aber zu knapp und die Aufmerksamkeit der Bürgerrechtler doch zu groß. Neben kompletten Aktenordnern wurden auch 16.000 Säcke mit zerrissenen Akten gesichert und später der gegründeten Stasi-Unterlagen-Behörde übergeben. Dort ahnte man schnell die Brisanz dieses Materials. 1995 wurden Angehörige des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Zirndorf bei Nürnberg mit der händischen Rekonstruktion dieser Papiere beauftragt.

Was dabei zum Vorschein kam, beschäftigte das wiedervereinte Deutschland: die Akten des früheren Landesbischofs Thüringens, Ingo Braecklein (IM „Ingo), des Berliner Szene-Schriftstellers Sascha Anderson (IM „David Mentzer“ und „Fritz Müller“), des Rektors der Berliner Humboldt-Universität, Heinrich Fink (IM „Heiner“), oder die Opferakten der Schriftsteller Stefan Heym und Jürgen Fuchs, aber auch Informationen über das Untertauchen der RAF-Terroristin Silke Maier-Witt in der DDR.

Eine vollständige Rekonstruktion würde bei bisherigem Tempo 640 Jahre dauern

Bis heute wurden mehr als 900.000 Blatt Papier rekonstruiert. Allerdings rechneten Experten schnell aus, wie lange die Arbeit dauern würde, wenn jeder der Mitarbeiter durchschnittlich drei Säcke pro Jahr bewältigt: 640 Jahre. Deshalb forderte der Bundestag vor 14 Jahren den Einsatz eines elektronischen Verfahrens. Den Zuschlag für eine Machbarkeitsstudie bekam ein Konsortium unter Leitung des Fraunhofer IPK. 2007 wurde dieses gemeinsam mit Lufthansa Systems beauftragt, die virtuelle Rekonstruktion in einem Pilotverfahren zu erproben.

Dazu sollten Schnipsel aus 400 Säcken von Hochleistungsscannern digitalisiert werden, mittels komplexer Algorithmen ausgewertet und auf der Basis von Merkmalen wie Form, Farbe, Textur, Linierung und Schriftbild zu passenden Teilen zusammengefügt werden. Das erklärte Ziel der Puzzlearbeit: die automatisierte Rekonstruktion jener rund 600 Millionen Papierschnipsel.

Kein Parlamentarier interessiert sich für die automatische Rekonstruktion

Nach Angaben des Fraunhofer-Instituts wird der Prototyp des E-Puzzlers seit März 2013 „im produktiven Betrieb trainiert und optimiert“. Gleichzeitig würden Techniken entwickelt, um das Scannen weitestgehend zu automatisieren. Welche Erkenntnisse dabei über die politische Vergangenheit gewonnen wurden? Diese Frage kann zur Zeit niemand beantworten, denn seltsamerweise ist mit diesem Fortschritt das Interesse des Bundestages an der Vergangenheitsaufarbeitung gesunken. „Es gibt nämlich im Haus des Bundesbeauftragten keine Begleitung der durch den E-Puzzler zutage geförderten Inhalte“, staunt Mechthild Küpper in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Zwar ist im Koaltionsvertrag von CDU/CSU und SPD festgehalten, daß „die Fortführung des Pilotprojektes ‘Virtuelle Rekonstruktion vorvernichteter Akten’ sichergestellt“  wird, aber bisher habe die Bundesregierung „wenig Anstalten gemacht, diesen Vorsatz ernst zu nehmen“, so Küpper: Immer wieder seien vereinbarte Summen an die E-Puzzler nicht gezahlt, gegebene Zusagen nicht eingehalten worden. Dabei könnte nach Ansicht von Fraunhofer mit Hilfe der Schnipselmaschine das Stasi-Puzzle in fünf Jahren bewältigt werden.

Auch das Ausland interessiert sich für die Rekonstruktionssoftware

Überdies könnte ein Teil der Entwicklungskosten wieder eingespielt werden. Denn auch andere Länder, in denen Geheimdienstunterlagen zu Schnipseln verarbeitet wurden, und insbesondere Archäologen interessieren sich für die einmalige Rekonstruktionssoftware. Und daß der E-Puzzler kein abstrakter Begriff geblieben ist, dafür hat der am 9. November 2014 ausgestrahlte ZDF-Spielfilm „Zwischen den Zeiten“ gesorgt. Allerdings durften die Fernsehleute mehr als die Forscher. „Die Filmemacher haben im Interesse einer griffigen Inszenierung des Projekts einzelne Ideen der Wissenschaftler für eine noch zu entwickelnde Scanvorrichtung aufgegriffen und daran angelehnt nach eigenen Vorstellungen eine Digitalisierungsstraße entworfen“, heißt es neidisch auf der Internetseite von Fraunhofer. Die Institutsmitarbeiter hätten große Freude daran gehabt, „Teile ihrer Ideen im Film anhand der Requisite vorab in Betrieb zu sehen“.

Die manuelle Rekonstruktion wird parallel zum E-Puzzler weitergeführt. Denn Blätter, die nur ein- oder zweimal zerrissen sind, können per Hand schneller zusammengesetzt werden. An die Brisanz des Materials erinnert immer wieder Roland Jahn, Bundesbeauftrager für die Stasi-Unterlagen. Viele Akten seien eben nicht vernichtet, wie die SED versprochen habe, sondern in Wirklichkeit „stecken sie nur zerrissen in einem Sack“. Und von diesen gibt es noch unaufgearbeitete 15.500 Stück.

JF 52/14-01/15

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