In Dresden

Da stand ich also. Inmitten der „Mischpoke“, den „Rassisten“, den „Rattenfängern“, den „Nazis in Nadelstreifen“ – kurzum, den Bürgern dort auf dem Theaterplatz in Dresden. Alles das Beschimpfungen aus dem Munde von deutschen Politikern, die selbstverständlich nichts mit Volksverhetzung zu tun haben, wie es ebensowenig einen kausalen Zusammenhang zwischen diesen entmenschlichenden Äußerungen und dem späteren Messerüberfall auf einen Teilnehmer gab.

Die Mehrheit derjenigen, denen ich an diesem Montag begegnete, war auffallend jung. Nur ein Bruchteil von ihnen dürfte den Ruf „Wir sind das Volk“ noch aus eigener Anschauung gekannt haben. Für viele wird es wohl die erste politische Betätigung überhaupt gewesen sein. Denn auch die älteren wirkten so, als würden sie gerade ihre ersten politischen Erfahrungen jenseits der Wahlkabine sammeln. Eine organisierte Masse war das alles jedenfalls nicht.

Es dominierten selbstgebastelte Ortsschilder und Deutschlandfahnen, wahrscheinlich vom letzten Fußballspiel der Nationalmanschaft. Vorne knatterte die Fahne von Berlin, etwas abseits davon die Bayerns. Das Mädchen neben mir zu ihrem Freund: nächstes Mal bringen wir aber auch eine Länderfahne mit – oben Thüringen und darunter Schwarz-Rot-Gold. Ein Spruch kam mir in den Sinn, der Deutsche könne sein Land nur als Sachse, Thüringer und so weiter lieben.

Alles auf rührende Weise improvisiert

Auch den Organisatoren selbst merkte man an, daß sie bis vor kurzem nichts anderes als Bürger waren. Die Tontechnik klemmte, man verlas stockend Stellungnahmen, alles wirkte auf rührende Weise improvisiert. Einem Franzosen mit charmanten Akzent und sehr viel Voltaire im Blut ging in seiner Rede die Empörung durch. Innerlich zählte ich nur noch die womöglich auf ihn zukommenden Strafanzeigen. Doch alles das war in Ordnung.

Wer die bessere Bühnentechnik wollte, der hätte nur wenig weiter zur staatstragenden Antiprotestveranstaltung gehen können. Dort hätte er geschulte Berufsrevolutionäre bei der Arbeit erlebt, wie sie die Massen aufpeitschen und im Namen von was auch immer auf Linie bringen. Ein kreischender, stampfender, haßerfüllter Mob, der seine Humanität und Solidarität mit den Unterdrückten dieser Erde in den Dresdener Nachthimmel brüllte.

Auf dem Theaterplatz ging es anders zu. Ein Reporter drängte sich angewidert durch die Menge und wollte auf das Denkmal, um von hier die Bühne zu fotografieren. Natürlich war alles besetzt. Nachdem er eine Weile herumschimpfte, machte man ihm auch tatsächlich Platz. Nur war derjenige etwas unsportlich und kam nicht den Sockel herauf. Bis das Trauerspiel einem baumlangen Sachsen reichte und er den zappelnden Reporter am Schaffitchen packte und hochhievte.

Das war es, was ich in Dresden erlebte, einfach nur als Teilnehmer. Etwas anderes war es , was ich anschließend aus der Zeitung, dem Fernsehen und von Politikern erfuhr. Wie ich hier über meine „diffusen Ängste“ belehrt wurde, die „Vorurteile“, die „dumpfe Stimmungsmache“ und dergleichen mehr. Diese Erfahrung habe nicht nur ich gemacht, sondern ein jeder dieser Teilnehmer. Und bei jedem dieser Teilnehmer wird diese Erfahrung etwas auslösen.

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