„Endlich was Gescheites gegen diese Schweinehunde tun“

Es ist vielleicht der letzte große Dokumentarfilm über die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, in dem die überlebenden Beteiligten noch einmal zu Wort kommen. Acht Jahre hat Regisseurin Katrin Seybold an der nun in den Kinos angelaufenen Studie „Die Widerständigen. Zeugen der Weißen Rose“ gearbeitet. Sie zeigt darin die verschlungenen Pfade auf, die die damaligen Studenten in ihren Kampf für die Freiheit geführt haben. Einer der Protagonisten des Films ist der Ulmer Franz Josef Müller, der 2009 seinen 85. Geburtstag feiert.

Eigentlich war es einer Flasche Wein zu verdanken, daß er im Sommer 1942 von den Flugblättern der Weißen Rose erfuhr: „Endlich eine öffentliche Stimme, die die Wahrheit sagt“, faßt Müller seine Reaktion im Film rückblickend zusammen. Mit Freunden saß er beisammen, um am letzten Abend vor Beginn der Zeit beim Reichsarbeitsdienst Abschied zu feiern. Von benachbarten Winzern hatte der Bauernsohn dafür eine Flasche Wein besorgt; der Alkohol hob die Stimmung und lockerte die Zungen, als einer der Anwesenden – der Pfarrerssohn Hans Hirzel (JF 10/06) – plötzlich aus seiner Mappe das „Zweite Flugblatt der Weißen Rose“ hervorholte. Wie „Dynamit“ sei ihm das vorgekommen, allein der Besitz hätte „uns den Tod bringen können“, so Müller heute. Doch weil er nun endlich „etwas Gescheites gegen diese Schweinehunde“ tun konnte, besorgte er Geld für Porto, tippte eifrig Adressen und verschickte die Flugblätter anonym.

Hatte sich der begeisterte Leichtathlet anfangs noch für die Geländespiele im NS-Jungvolk begeistert, eckte er in der HJ wegen der Eintönigkeit des Dienstes und des autoritären Gehabes ihrer Anführer bald an. Gleichgesinnte fand er nicht nur in einem katholischen Pater, an dessen freiwilligem Religionsunterricht er teilnahm, sondern auch unter  Klassenkameraden und Lehrern, von denen viele ein „anderes Deutschland im Kopf“ gehabt hätten – und straft damit die Mär von „den Deutschen“ als „Hitlers willigen Vollstreckern“ Lügen.

Als die Weiße Rose schließlich in diesen Tagen vor 66 Jahren auffliegt und die Geschwister Scholl Ende Februar 1943 hingerichtet werden, nimmt man auch Müller fest, der als Soldat in Frankreich im Felde steht. „Hans Hirzel und Franz Müller haben – als unreife Burschen von Staatsfeinden verführt – hochverräterische Flugblattpropaganda gegen den Nationalsozialismus unterstützt“, so lautete das Urteil des Volksgerichtshofs. Mit fünf Jahren Gefängnis kommen sie relativ milde davon. Er habe schon die Todesstrafe erwartet, seufzt Müller später. Daß sie ihm erspart blieb, lag wohl am Geschick der Mitangeklagten Susanne Zeller-Hirzel (JF 9/02), die Richter Freisler milde stimmte, in dem sie ihm kindliche Unschuld vorspielte.

Nach Kriegsende studierte Müller Jura und gründete 1987 die Weiße-Rose-Stiftung ( www.weisse-rose-stiftung.de ), mit der er sich für das Vermächtnis der hingerichteten Mitkämpfer bis heute einsetzt. Darin blieb er auch seinem 2006 verstorbenen Freund Hans Hirzel verbunden, obwohl – anders als dieser – der Sozialdemokrat Müller nie die vielfachen patriotischen Motive der Weißen Rose in den Vordergrund stellte.

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