Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Flugzeugabschüsse sind völlig unnötig

Es ist eines der großen Gruselszenarien: Mitten im Luftraum über Deutschland kapern Terroristen ein Linienflugzeug. Wenige Minuten später wollen sie die Maschine wie eine Bombe in den Maintower in Frankfurt stürzen lassen. Das Verteidigungsministerium alarmiert Kampfjäger, gesteuert von zuverlässigen Piloten. Alle Beteiligten wissen, daß sie gegen die geltende Rechtslage (Bundesverfassungsgerichtsurteil!) handeln, daß sie in einem unlösbaren Konflikt stehen: Um Menschen zu retten, müssen andere sterben. Der Jet wird abgeschossen, der Terrorakt verhindert, aber viele unschuldige Passagiere stürzen in den Tod. So das Katastrophenszenarium.

Wie kann es verhindert werden? Der Weimarer Physiker Johannes E. R. Berthold ist überzeugt, die Lösung gefunden zu haben. Ein technisches Verfahren, das in diesem Fall zuverlässigen Terrorschutz gewährleistet: Der Autopilot schaltet sich bei einem von den Terroristen erzwungenen Kurswechsel automatisch und irreversibel ein und führt die Maschine sofort auf ihren ursprünglichen Kurs zurück. Die Passagiermaschine läßt sich nicht mehr von Hand steuern, sondern wird wie im Blindflug zu ihrem Zielflughafen geleitet: eine Lösung, die fast wie das Ei des Kolumbus klingt. Die JUNGE FREIHEIT sprach mit dem Physiker.

Wann kamen Sie auf die Idee zu diesem Projekt?

Berthold: Im Februar 2006 erklärte das Bundesverfassungsgericht das von der damaligen Bundesregierung verabschiedete Luftsicherheitsgesetz für nichtig und begründete sein Urteil ausführlich. Mir wurde damals bewußt, daß der Bundesregierung bis zu diesem Zeitpunkt keine technischen Möglichkeiten bekannt waren und somit im Fall einer Flugzeugentführung nur der Abschuß übrigblieb, um nicht noch mehr Todesopfer, wie am 11. September 2001 in New York, beklagen zu müssen. Die Idee kam mir nach Bekanntgabe des oben genannten Urteils, was mir als langjähriger, heute pensionierter Leiter einer Entwicklungsabteilung für Neue Produkte eines Großkonzerns leichtfiel. Als überzeugter Christ mußte ich eine technische Möglichkeit finden, die Entführung eines Flugzeuges mit einfachen technischen Mitteln unmöglich zu machen.

Haben Sie schon etwas konstruiert?

Berthold: Ja, ich habe ein äußerst einfaches Blockschaltbild entworfen, das auch in der Offenlegungsschrift des Deutschen Patent- und Markenamtes zu finden ist und das aus fünf Blöcken besteht: einem Detektor 1, der jede Abweichung vom vorgegebenen Kurs des Flugzeuges detektiert, einem Signalgeber 2, der automatisch über einen Sender 3 alle Flughäfen und Flugzeuge über die versuchte Entführung per Funk informiert, und einer Umschaltvorrichtung 4, die automatisch und irreversibel die Handsteuerung 5 aus- und den Autopiloten 6 einschaltet, der das Flugzeug sofort wieder auf den vorgeschriebenen Kurs zurückführt.

Ist die Technik schnell und unproblematisch einzubauen?

Berthold: Ja, und zwar deshalb, weil der Sender 3, die Handsteuerung 5 und der Autopilot 6, in dem natürlich ein Navigationssystem, das auch den Detektor 1 für die Kursabweichung enthält, immer in einem Flugzeug vorhanden ist, so daß nur noch der Signalgeber 2 mit dem Detektor 1 und der Umschaltvorrichtung 4 verbunden werden muß.

Was würde diese Technik kosten?

Berthold: Gemessen an dem Tod Tausender unschuldiger Menschen und dem Totalverlust des Flugzeugs lächerlich wenig. Im Grunde genommen ist die ganze Entwicklung fast nur eine Softwareaufgabe, die jedes gute Informatikerteam lösen kann.

Wie war das Echo der zuständigen Behörden bzw. Ministerien?

Berthold: Vom Bundesministerium des Innern bekam ich folgende Post. Ich zitiere auszugsweise: „Ihre Vorschläge sind hier eingehend geprüft worden. Es ist allerdings nicht möglich, ihnen auf deutscher Ebene nachzukommen. Ein weltweiter Einsatz kann nur im Rahmen der Internationalen Zivilluftfahrt Organisation (ICAO) in Montreal vorgeschrieben werden.“ In den dortigen Gremien wurden diese Möglichkeiten ebenfalls abgelehnt.

Worum ging es Ihnen?

Berthold: Es ging mir nicht um einen Alleingang des deutschen Parlaments, sondern um ein Eingreifen des Europäischen Parlaments, das durchaus in der Lage ist, eigenständig gesetzliche Maßnahmen zu ergreifen, wie vor ein, zwei Jahren geschehen, als es Landeverbote auf allen europäischen Flughäfen für technisch unsichere Flugzeuge anordnete!

Die Gründe für die Ablehnung ähnlicher Vorrichtungen durch das BMI und die ICAO wurden Ihnen nicht mitgeteilt?

Berthold: Nein, und schon gar nicht, welche technischen Probleme im Detail einem solchen Verfahren entgegenstehen und welche Hindernisse es beim Einsatz des Autopiloten gibt. Mein Angebot, die Probleme in den genannten deutschen Gremien zu diskutieren, um Killerphrasen zu entkräften, nahm man nicht an.

Das heißt: Unsere Regierung verzichtet auf eine nationale bzw. europäische Lösung, weil eine weltweite nicht möglich ist?

Berthold: Ja, momentan sieht es danach aus.

Hat man Sie allein gelassen oder gar als Spinner abqualifiziert?

Berthold: Allein gelassen von den Ministerien schon; als Spinner hat man mich allerdings nicht abqualifiziert. 

In den letzten Wochen sind Sie aber doch einen kleinen Schritt weitergekommen.

Berthold: Ja. Ich hatte meine Bundestagsabgeordnete eingeschaltet. Und die erreichte immerhin folgendes: Das Europabüro in Weimar informierte mich, daß ein Konzept, wie ich es entwickelt habe, im Rahmen von SAFEE untersucht würde. Die Informationen, an die ich dann kam, sind aber unklar. So kann ich nicht erkennen, ob mein Verfahren (das einzig und allein auf einer Reaktion auf einen nichtvorgesehenen Kurswechsel hin beruht) mitberücksichtigt wurde – obwohl man behauptet, daß es sich um ein solches Konzept handle.

Johannes E. R. Berthold ist Physiker, gehörte dem Führungskreis des ABB-Konzerns an und arbeitete in der Entwicklung neuer Produkte und Meßtechnik.

Foto: Frankfurter Skyline, startendes Passagierflugzeug: Bei Abweichungen vom vorgegebenen Kurs schlägt eine Umschaltvorrichtung automatisch und irreversibel wieder den vorgeschriebenen Kurs ein

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