Staatsratsvorsitzender Helmut Kohl

Was weiß die heutige Schülergeneration über die Diktaturen des 20. Jahrhunderts auf deutschem Boden? Und wie schätzt sie diese Systeme gegenüber der bundesdeutschen Demokratie ein? Schon seit vielen Jahrzehnten werden in regelmäßigen Abständen wissenschaftliche und publizistische Untersuchungen durchgeführt, sofern diese Fragen die NS-Diktatur berühren. Hingegen lag bislang zum Wissen der nachwachsenden Generation zur kommunistischen SED-Diktatur kaum vergleichbares Material vor.  Die seit einigen Wochen in Buchform vorliegende Studie „Soziales Paradies oder Stasi-Staat?“, die in den vergangenen Jahren vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin erarbeitet wurde, möchte nun diese wesentliche Lücke füllen. Das Ziel dieser Untersuchung bestand zum einen darin, ein möglichst genaues Bild zum aktuellen Wissensstand von Schülern und Studenten über die DDR zu gewinnen. Zudem sollte festgestellt werden, in welchem Zusammenhang der Wissensstand mit der allgemeinen Einschätzung des Charakters des SED-Unrechtsregimes steht. Als Hintergrundmaterial für die Studie wurden Befragungen des Meinungsforschungsinstituts Allensbach seit Beginn der neunziger Jahre sowie einige lokale Befragungen in Thüringen und Sachsen-Anhalt genutzt. Dieses Material diente auch zur Entwicklung eigener Fragestellungen, die den Schülern in Form von standardisierten Fragebögen vorgelegt wurden. Ergänzt wurden sie durch Gruppendiskussionen in Schulklassen und Gespräche mit Lehrern.   Ursprünglich sollte sich die Untersuchung auf Berliner Schulklassen beschränken. Doch schon nach kurzer Zeit erkannten die Autoren, daß es schon zu Vergleichszwecken sinnvoll ist, Probanden aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands heranzuziehen. So wurden letztlich insgesamt 5.219 Schüler befragt, davon knapp zwei Drittel auf dem Gebiet der alten, und gut ein Drittel aus den neuen Bundesländern. Die Schüler und Studenten kamen aus Bayern, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Berlin (geteilt nach West und Ost). Bereits bei der Abfrage einfachen Faktenwissens offenbarten die Befragten große Defizite: So wußte etwa knapp die Hälfte der Schüler nicht, in welchem Jahr die Berliner Mauer gebaut wurde. Aber auch 40 Prozent der Studenten konnten dabei keine richtige Angabe machen. Noch mehr Schüler — über die Hälfte der Befragten — wußten nicht, daß es in der DDR Arbeitserziehungslager; nicht einmal ein Viertel, daß es in der DDR (bis 1987) die Todesstrafe gab. Die Mehrzahl der befragten Schüler aus Brandenburg und dem Ostteil Berlins ist zudem der Ansicht, daß die Umweltverschmutzung in der DDR geringer war als die vergleichbare Belastung in der Bundesrepublik. Ebenso viele Befragte scheitern bei der Frage, ob prominente Politiker ihre Tätigkeit in der Bundesrepublik oder der DDR ausgeübt haben. So kann jeder zweite Schüler mit dem Namen Egon Krenz nichts anfangen. Nur etwa ein Drittel der Befragten ordnet ihn richtig der DDR zu. Während dies immerhin 41,7 Prozent der bayerischen Schüler gelingt, schaffen dies nur 27,3 Prozent ihrer Ost-Berliner Altersgenossen. Konrad Adenauer wird von fast 37 Prozent der Ost-Berliner und 34 Prozent der Brandenburger Schüler als DDR-Politiker eingeordnet; Willy Brandt von 35 Prozent der Ost-Berliner und 33,7 Prozent der Brandenburger Schüler. 16 Prozent der Ost-Berliner und 13 Prozent der Brandenburger Schüler sind gar der Meinung, daß es sich bei Helmut Kohl um einen DDR-Politiker gehandelt habe.  Die meisten richtigen Antworten auf die Faktenfragen wurden von bayerischen Schülern und Studenten gegeben. Auch an zweiter Stelle steht mit Nordrhein-Westfalen ein Land der alten Bundesrepublik. Der geringste Kenntnisstand war dagegen — trotz zumeist weit höherer persönlicher Betroffenheit der Familie — bei Ost-Berliner und Brandenburger Schülern vorhanden.  Welcher Zusammenhang besteht nun zwischen dem reinen Kenntnisstand und der subjektiven Bewertung der DDR? Hier zeigte sich etwa bei Fragen zur Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), zur wirtschaftlichen Situation, zum Rentenniveau, zur Sozialpolitik oder zum Niveau der privaten Vermögen in der DDR schnell, daß die Einschätzung der SED-Diktatur um so unkritischer ausfällt, desto weniger Faktenwissen über die DDR vorhanden war. So verneinten 62,3 Prozent der bayerischen und 57,1 Prozent der nordrhein-westfälischen Schüler die Frage, ob das MfS ein „normaler Geheimdienst wie in jedem anderen Staat“ gewesen sei. Bei den Ost-Berliner und Brandenburger Schülern lehnte hingegen deutlich weniger als jeder zweite diese deutliche Verharmlosung ab (44,7 bzw. 45,5 Prozent der Befragten). Der Aussage, daß die DDR 1989 „wirtschaftlich am Ende war und auch deshalb zusammengebrochen sei“, stimmen über 62 Prozent der bayerischen, knapp 58 Prozent der West-Berliner und 52,5 Prozent der nordrhein-westfälischen Befragten zu. Dagegen sind nur 35,8 Prozent der Ost-Berliner und 37 Prozent der Brandenburger Schüler dieser Meinung. Damit wird die von den Autoren bereits zu Beginn ihrer Untersuchung aufgestellte Theorie bestätigt, daß kritische Urteile über die DDR am ehesten von denen gefällt werden, die am meisten über sie wissen.    Die Untersuchung belegt ferner, daß es nicht allein am mangelnden Bildungswillen der Schüler liegt, wenn selbst einfache Fragen zur SED-Diktatur nicht beantwortet werden können. Viele Befragte gaben an, im Schulunterricht das Thema DDR kaum behandelt zu haben. Dieser Trend setzt sich an den Universitäten fort. Werden dort Vorlesungen zur DDR-Geschichte angeboten, dann steht das mitteldeutsche Kulturleben, die Sozialgeschichte bzw. der „Alltag“ im Mittelpunkt. Dagegen werden die Themen Widerstand und Repression kaum erwähnt. Ebenso kommt in der politischen Weiterbildung die SED-Diktatur nur am Rande vor.   Als weiterer Hemmschuh wird der wissenschaftliche und politische Deutungskampf um die DDR-Geschichte betrachtet. Selbst prominente Forscher wie Martin Sabrow oder Christoph Kleßmann scheuen eine eindeutige Zuordnung der DDR als Diktatur. Statt dessen werde von ihnen häufig der Begriff „Fürsorgediktatur“ oder „Konsensdiktatur“ benutzt, obwohl es — so die Autoren — „nachgerade zynisch“ sei, eine „von den Herrschenden erzwungene Gemeinsamkeit, mit der sich die Beherrschten arrangieren mußten, als ‘Konsens’ zu beschreiben“, so die Autoren. Zudem herrsche gerade unter führenden westdeutschen Historikern weiterhin eine grundsätzliche Abneigung gegenüber der Totalitarismustheorie, obwohl diese die DDR und das NS-System keineswegs gleichsetze. So sei es nahezu zwangsläufig, daß die Bewertung der kommunistischen Diktatur gegenüber der NS-Diktatur so unterschiedlich ausfällt. Denn während das pädagogische Lernziel im Hinblick auf die NS-Zeit als „Einsicht in den menschenverachtenden, destruktiven Charakter und in die wissenschaftliche Unhaltbarkeit dieser Weltanschauung“ formuliert werde, fehle in den Lehrplänen eine solche Absicht bei der Vermittlung von Wissen über die SED-Diktatur vollständig.          Nicht vergessen werden darf ferner, daß die Bewertung der DDR implizit auch immer eine Bewertung der Bundesrepublik darstellt. Somit stellt das seit der Wiedervereinigung immer stärker geschwundene Vertrauen, daß die Demokratie die Probleme der Bundesrepublik lösen kann, ein großes Problem dar. Vor diesem Hintergrund fällt die gezielte Beschwörung des Vermächtnisses der vermeintlich „sozialeren“ DDR linksstehenden politischen Kräften um so leichter. Monika Deutz-Schroeder, Klaus Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern — ein Ost-West-Vergleich. Verlag Ernst Vögel, München 2008, gebunden, 759 Seiten, 46 Euro Foto: Abriß von Plattenbauten in Weißwasser im DDR-Kfz-Kennzeichen: Statt Totalitarismus steht bei der Wissensvermittlung mehr das Kulturleben und die Sozialgeschichte im Mittelpunkt

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