Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die Stadtluft wird für jeden anders wehen

Deutschlands Bevölkerung lebt weit überwiegend in Städten. Vor allem in kleineren Städten mit 10.000 bis 50.000 (32,7 Prozent) und in Mittelstädten mit 50.000 bis 100.000 Einwohnern (8,8 Prozent) und zu einem beachtlichen, doch nicht überwiegenden Anteil in Großstädten mit über 100.000 Einwohnern (30,7 Prozent). Auch von den übrigen 27,8 Prozent der Bewohner Deutschlands, die in Gemeinden unter 10.000 Einwohnern lebt, handelt es sich statistisch um Bewohner einer Stadt, die hierzulande als eine Gemeinde mit mehr als 2.000 Einwohnern definiert ist. Betrachtet man die Siedlungsstruktur des Landes, die die Ausstrahlungskraft von großen Städten in ihr Umland und nicht nur die schematische Ordnung nach Gemeindegrößeklassen berücksichtigt, ergibt sich das gleiche Bild. In Ballungsgebieten (Agglomerationsräumen) von sehr großen bzw. mehreren eng benachbarten Großstädten und einem Kranz von hochverdichteten und verdichteten Kreisen darum herum (Berlin, Hamburg, Stuttgart, München jeweils mit „Speckgürtel“, der Rhein-Ruhr-Raum von Bonn bis Dortmund, der Rhein-Neckar-Raum von Karlsruhe bis Frankfurt und das Halle/Leipzig-Sachsendreieck) leben heute etwa 43 Millionen (52 Prozent) von Deutschlands 82 Millionen Einwohnern; in den um einzeln liegende Großstädte gruppierten „verstädterten Räumen“ weitere rund 28,5 Millionen (35 Prozent); in den verbliebenen ländlichen Räumen ohne größere Städte nur noch gut 10,5 Millionen (13 Prozent). Die „Verstädterung“ Deutschlands im 19. und den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts war das Ergebnis einer ausgeprägten Landflucht. Doch diese ist mittlerweile innerhalb des Landes schon seit längerem zum Stillstand gekommen. So sehr auch die ländlichen Räume in Deutschland bei der Bevölkerungsverteilung ins Hintertreffen geraten sind, absolut und relativ verloren sie in den letzten Jahrzehnten gegenüber den Agglomerations- und den verstädterten Räumen nicht an Boden; sie wiesen prozentual in den achtziger und neunziger Jahren sogar etwas höhere Bevölkerungszuwächse auf als die Ballungsgebiete – zumindest gilt dies für Westdeutschland. In den neuen Bundesländern hingegen werden seit 1990 erhebliche Abwanderungsverluste verzeichnet. Unter dieser Auszehrung leiden aber nicht nur die dortigen ländlichen Gebiete, sondern in gleichem Maße auch ein großer Teil der verstädterten Räume. Nur die um einige „Leuchttürme“ gruppierten Ballungsgebiete werden davon weitgehend, wenn auch nicht vollständig verschont. Die Bevölkerungsverluste Mitteldeutschlands sind weniger das Ergebnis einer neuen „Landflucht“, sondern einer allgemeinen „Flucht“ aus Dörfern und Städten ohne wirtschaftliche Perspektiven in die bessergestellten Regionen Westdeutschlands und einige wenige mitteldeutsche Boomgebiete. Betrachtet man die Entwicklung der deutschen Siedlungsgeographie in den letzten Jahrzehnten näher, so läßt sich ein weiterer Trend beobachten: das Stagnieren bzw. Schrumpfen der „Kernstädte“ sowohl in Ballungsgebieten als auch verstädterten Räumen zugunsten ihres Umlandes. In den neuen Bundesländern ist dieser Trend ausgeprägter als in den alten und ebenfalls vor allem eine Folge der flächendeckenden Deindustrialisierung nach 1990. Aber auch eine Reihe von westdeutschen Städten mit sich auflösender monoindustrieller Struktur verzeichnen erhebliche Bevölkerungsverluste. Der Niedergang von Städten aufgrund gravierender wirtschaftlicher Wandlungen ist historisch ein bekanntes Phänomen. Relativ neu hingegen ist, daß sich ein – wenn auch mäßiges – Schrumpfen der Kernstädte auch in ökonomisch immer noch relativ gut gestellten, ja sogar prosperierenden Regionen wie beispielsweise dem Raum Stuttgart nachweisen läßt. Dieses in der ganzen westlichen Welt zu beobachtende Phänomen einer relativen und oft auch absoluten Auszehrung der Stadtkerne und Kernstädte zugunsten der Stadtrandviertel und des Umlandes hat eine Reihe von Gründen. Historisch setzte er überall im Westen in den goldenen Jahren des Kapitalismus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in Deutschland mit leichter Zeitverzögerung ein. In einer Zeit, in der große Teile der Mittelschichten zu einigem Wohlstand gelangten, konnten sich immer mehr Menschen ein Auto und ein Eigenheim zulegen. Das Auto bot die Möglichkeit, zu den städtischen Arbeitsstätten aus solchen Gebieten zu pendeln, in denen die Umgebung grüner und die Bodenpreise niedriger waren als in den Innenstadtvierteln; der Traum vom Eigenheim in angenehmer, dennoch stadtnaher Umgebung wurde für viele endlich realisierbar. Dieser Trend zur „Suburbanisierung“ ist trotz des Endes der „goldenen Jahre“ noch nicht an sein Ende angelangt, auch wenn in vielen Städten eine gewisse partielle Rückkehr in die Innenstädte zu beobachten ist. Auf der Basis überkommenen materiellen Wohlstandes können sich mittlerweile (und immer noch) viele Deutsche bei der Wahl ihres Wohnortes nicht nur von ökonomischen Gesichtspunkten leiten lassen, sondern auch von eigenen Präferenzen für eine bestimmte Lebensweise und eine dazu passende Umgebung. Aufgrund der Ausdifferenzierung unterschiedlicher urbaner Lebensstile ist die Option für das suburbane Eigenheim nicht mehr für alle die erstrebenswerteste Alternative. Die Wahl des Wohnquartiers nach dem oft nur auf Zeit gültigen Lebensstil kann in verschiedene Richtungen führen: Studentenzimmer oder WGs in den Universitätsvierteln, Einzimmerapartment für den Berufsanfänger in Nähe des ersten Arbeitsplatzes, luxussaniertes Innenstadt-Loft für den Yuppie, Reihenhaus am Stadtrand oder im Umland für die Familie mit Kindern, nach dem Auszug der Kinder Eigentumswohnung in urbaner, aber nicht unbedingt zentralstädtischer Umgebung für die sogenannten „Best-Ager“, betreutes Wohnen im Alter in fußläufiger Entfernung zu Ärzten und Apotheken etc. An der generellen Tendenz zur Ausbreitung der Stadtbevölkerung in der Fläche, die von der Forschung zum Teil als das weltweite Aufkommen einer ganz neuen Siedlungs- bzw. Stadtform interpretiert wird, der „Zwischenstadt“ als einer „verstädterten Landschaft und einer verlandschafteten Stadt“ (Thomas Sieverts), haben einzelne „reurbanisierende“ Gegenströmungen aber bislang insgesamt wenig geändert. Umgekehrt hat allerdings der Trend zur Sub- und zur Exurbanisierung in die Vorstädte und ins Umland auch nichts daran geändert, daß die Lebensweise der Bewohner dieser neuen Siedlungsformen weiterhin urbaner Art ist. Eine Deurbanisierung im Sinne einer „Reruralisierung“ der Mentalitäten findet nicht statt. Vielmehr ist in Deutschland im Gefolge von Verkehrs- und Kommunikationsrevolution der ausgeprägte Mentalitätsunterschied zwischen (Groß-)Stadtbewohnern und Landbewohnern, den Georg Simmel zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch konstatieren konnte, zugunsten vormals typisch städtischer Mentalitäten und Erwartungshaltungen auch auf dem Lande weitgehend abgeschliffen worden. Mittlerweile ist die mentale Urbanisierung des platten Landes erfolgt, so daß Urbanität und Urbanisierung hierzulande keine auf die Großstadt begrenzten Phänomene mehr darstellen. Daran wird auch das anhaltende Schrumpfen der deutschen Bevölkerung und vieler deutscher Kernstädte so schnell nichts ändern können. Allerdings haben bei weitem nicht alle Deutschen die Möglichkeit, sich Lebensstil und den dazu passenden Wohnort frei zu wählen. Da die Globalisierung auch hierzulande viele Verlierer erzeugt und sich die Einkommenslage der unteren Schichten nach 1990 eher verschlechtert hat, bleibt den Betroffenen meist keine andere Wahl, als dort zu wohnen, wo sie es sich gerade noch leisten können. Dies leistet einer Tendenz Vorschub, die die Soziologie als „residentielle“ oder „soziale Segregation“ bezeichnet: der ungleichen Verteilung der Wohnstandorte von sozialen Gruppen in einer Stadt. Die gilt in einem ausgewiesenen Sozialstaat wie dem deutschen jedenfalls dann als inakzeptabel, wenn sich nicht nur Villensiedlungen der Superreichen bilden, sondern beispielsweise aus einem Arbeiterviertel ein Arbeitslosenviertel wird, aus dem alle, die es doch noch irgendwie geschafft haben, so schnell wie möglich fortziehen. In den Jahren des Massenwohlstandes und des Ausbaus des Wohlfahrtsstaates konnte in der alten Bundesrepublik, anders als in den USA, die in rein kapitalistischen Staaten nahezu „natürliche“ Tendenz zur sozialen Segregation eingedämmt werden. Stadt- und Raumplanung, sozialer Wohnungsbau, aber auch bestimmte bauliche und urbane Traditionen verhinderten im allgemeinen, daß eine zu starke soziale „Entmischung“ der Stadtbevölkerung in ihren Wohnbezirken eintrat. Nach dem Ende der goldenen Ära der wohlgefüllten bzw. -kreditierten Stadtsäckel, aufgrund der Abwanderung der Besserverdienenden und vieler Wirtschaftsbetriebe ins Umland und unter dem Zwang, sich im Zuge der Globalisierung als Standorte für Wirtschaftsansiedlungen gegeneinander profilieren und dafür die Mittel bereitstellen zu müssen, ist heute jedoch der Spielraum der meisten deutschen Städte für eine „antisegregationistische“ Politik stark geschrumpft. Ob Slumbildung in größerem Maßstabe in Zukunft vermieden werden kann, ist ungewiß. Ebenfalls wenig erfreulich sind die Aussichten, die sich ergeben aufgrund einer anderen, in Deutschland bis in die sechziger Jahre hinein unbekannten Form von Segregation, der „ethnischen“. Die damals einsetzende massenweise Zuwanderung von Gastarbeitern erfolgte hauptsächlich in die Großstädte hinein, und zwar in diejenigen Stadtviertel, die von den zu Wohlstand gekommenen Deutschen verlassen wurden. Es handelte sich zunächst nicht um einen Prozeß der Verdrängung, sondern der „Unterschichtung“. Die zuziehenden Ausländer mit eher geringem (bzw. anfangs meist noch zum Transfer in die Heimat bestimmtem) Einkommen mußten aber nicht nur in die „billigen Gegenden“ ziehen, sie zog es von Anfang an immer wieder zu ihresgleichen. Die Möglichkeit, untereinander soziale Kontakte zu pflegen sowie ein vergleichsweise vertrautes Milieu aufzubauen und darin zu leben, die Hoffnung der Neuankömmlinge auf Hilfe durch ihre Verwandten und Landsleute und später der Nachzug von Angehörigen ohne deutsche Sprachkenntnisse trugen dazu bei, daß sich einige der „billigen Stadtviertel“ zu Gebieten entwickelten, die weitgehend von „Migranten“ einer einzelnen Ethnie bewohnt und geprägt werden. Die Herausbildung eigener ethnischer Viertel in vielen deutschen Städten ist weniger eine Folge von Diskriminierung, sondern entspricht durchaus den Präferenzen vieler Migranten. Dennoch hat auch diese in erheblichem Umfang (auf seiten der Migranten) freiwillige ethnische Segregation in Deutschland sehr problematische Folgen. Eine besondere Schärfe erhält diese Lage dadurch, daß es seit den siebziger Jahren allein die Zuwanderung aus dem Ausland ist, die die Auszehrung der Kernstädte durch den Wegzug von Deutschen kompensiert und in der Einwohnerstatistik das negative Bevölkerungswachstum ausgleicht. Das Phänomen der von bestimmten Einwandererethnien geprägten Stadtteile wird so auf absehbare Zeit zur Wirklichkeit städtischen Lebens in diesem Lande gehören und sich sogar weiter ausdehnen. Ob es angesichts der geschrumpften Spielräume für eine antisegregationistische Stadtpolitik möglich sein wird, die ethnischen Viertel in bloße Durchgangsstationen für die Integration und den sozialen Aufstieg von Einwanderern in Deutschland zu verwandeln, ist mehr als zweifelhaft. Foto: Straßenszene in Mannheim 2008: Ethnische Segregation wird sich zukünftig noch beschleunigen

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