Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die andere Wurzel des Zweiten Weltkriegs

Am 2. September vor sechzig Jahren nahm US-General Douglas MacArthur an Bord des US-Schlachtschiffs „Missouri“ die Unterschrift unter der Kapitulationserklärung von der japanischen Delegation entgegen. Damit endete formal der Zweite Weltkrieg. Begonnen hatte dieser Krieg eigentlich schon am 7. Juli 1937 einige Kilometer westlich von Peking, an der Marco-Polo-Brücke (Loukouchiao), als japanische Truppe bei einer Nachtübung von unbekannter Seite beschossen wurden. In den folgenden acht langen Jahren standen die japanischen Streitkräfte Tag für Tag in China im Gefecht. Eine solche Kurzbeschreibung des Zweiten Weltkrieges dürfte den durchschnittlichen Europäer irritieren. Doch spricht objektiv einiges für diese Datierung, denn allein in China wurde zwischen 1937 und 1945 ununterbrochen Krieg geführt, während auf allen anderen Kriegsschauplätzen des Zeiten Weltkrieges wesentlich kürzer gekämpft wurde. Zwar wurde von japanischer Seite China nie offiziell der Krieg erklärt – es war stets nur vom „China-Zwischenfall“ die Rede. Auch von chinesischer Seite erfolgte erst am 9. Dezember 1941 eine formale Kriegserklärung. Gekämpft jedoch wurde schon zuvor in China mit aller Härte und mit unzähligen Opfern. Während die japanischen Streitkräfte dort von 1937 bis 1945 knapp 500.000 Tote zählten, kamen etwa 3,5 Millionen chinesische Soldaten ums Leben. Über die Zahl der zivilen chinesischen Opfer liegen sehr unterschiedliche Schätzungen vor, die zwischen 6 und 18 Millionen schwanken, je nachdem, wieweit indirekte Kriegsopfer durch Hungersnöte und Krankheiten einbezogen werden. Fast einhundert Millionen Menschen verloren zwischen 1937 und 1945 durch den Krieg auf dem ostasiatischen Festland ihre Heimat oder begaben sich zumindest zeitweise auf die Flucht. Die japanische Expansion in Asien begann bereits 1905 Trotz der immensen Zahl der Opfer in China ist dieser Teil des Zweiten Weltkrieges in der offiziellen europäischen „Erinnerungskultur“ kaum präsent. Der 1. September 1939 und der 8. Mai 1945 werden meist als sein Anfang und Ende und Deutschland als sein einziger Verursacher memoriert. Bestenfalls erinnert man sich noch daran, daß Japan in Ostasien am 7. Dezember 1941 durch den Angriff auf die US-Flotte in Pearl Harbor einen Nebenschauplatz eröffnete, auf dem es zu See-Luft-Schlachten und einem „Inselspringen“ kam, bis das Land durch den Abwurf zweier Atombomben zur endgültigen Kapitulation gezwungen wurde. Aber der Zweite Weltkrieg wurde erst durch die japanische Kriegserklärung vom 7. und die deutsche und italienische vom 11. Dezember 1941 an die USA zu einem wirklichen Weltkrieg, als die beiden zuvor getrennten Kriege in Europa und in Ostasien zusammengebunden wurden. Dabei hatte der Krieg in Ostasien völlig eigenständige Wurzeln. Die japanische Politik trug dabei zweifellos in erheblichem Umfang Mitverantwortung für dessen Ausbruch 1937 und dessen Ausweitung Ende 1941. Dies nahmen die Siegermächte nach 1945 zum Anlaß, durch das Internationale Militärtribunal in Tokio Japan die Alleinschuld am Kriege in Gestalt einer „Verschwörung gegen den Frieden“ anzulasten. Anders als in Deutschland hat sich aber die japanische Öffentlichkeit, wie jüngst Manfred Kittel im Hinblick auf die dortige „Vergangenheitsbewältigung“ gezeigt hat (JF 06/2005), von dieser Konstruktion nicht sonderlich beeindrucken lassen. Die Ursprünge des Krieges in Ostasien waren viel zu komplex, um mit so einfachen Formeln gefaßt werden zu können. Selbst wenn man nur Japan in den Blick nimmt, muß man konstatieren, daß bei allen seinen politischen und militärischen Zügen, die es zwischen 1890 und 1945 auf dem asiatischen Festland unternahm, untrennbar sowohl offensive als auch defensive Motive, der Wunsch nach äußerer Sicherheit und der nach Herrschaftserweiterung eine Rolle spielten. Sicherheit vor allem durch eigene Stärke zu erlangen, war zur Obsession der japanischen Eliten geworden, seit 1853 amerikanische Kriegsschiffe das bis dahin nach außen abgeschlossene Land zur Öffnung seiner Häfen gezwungen hatten. In einer beispiellosen Kraftanstrengung und unter Inkaufnahme blutiger Bürgerkriege gelang es den Japanern innerhalb nur einer Generation, industriell, technologisch und militärisch zu den europäischen Vorbildern aufzuschließen. Bei allen inneren Zwistigkeiten bestand bis 1945 über die fundamentalen Voraussetzungen der Selbstbehauptung der Nation in der Welt Konsens: „Fukoko Kyohei“, ein reiches Land und eine starke Armee. Tatsächlich konnten die Japaner aus dem Verhalten der imperialen Mächte in Asien, wie besonders das Beispiel des Nachbarn Chinas zeigte, keinen anderen Schluß ziehen, als daß nur eigene wirtschaftliche, vor allem aber militärische Stärke das nationale Überleben und die politische Unabhängigkeit sichern konnte. 1889/1890 war die innere Konsolidierung eines modernen japanischen Staatswesens gelungen. Chinas anhaltende Mißerfolge bei dem gleichen Vorhaben führten aber in Ostasien zu einem scharfen Machtgefälle, das in der Nachbarschaft Japans einen Raum entstehen ließ, in dem eigene Expansionsbestrebungen jedenfalls über lange Zeit hinweg auf keinen nennenswerten autochthonen Widerstand zu stoßen schienen. Vor allem aber brachte Chinas Schwäche die Gefahr mit sich, daß sich andere Mächte in den für Japans Sicherheit gefährlichen Zonen seiner festländischen Gegenküste festsetzen konnten. In den siegreichen Kriegen von 1894/95 gegen China und 1904/1905 gegen Rußland (JF 22/05) schlug das Inselreich deshalb nicht nur seine „Rezeptionspartien“, durch die es in den Kreis der Groß- und Kolonialmächte Aufnahme fand. Es hatte auch den gefährlichen russischen Vormarsch in Ostasien gestoppt und Anspruch auf Mitsprache bei der weiteren Gestaltung der Verhältnisse im Raum des chinesischen Reiches gewonnen. Nach dem Erwerb der deutschen Südseeinseln im Ersten Weltkrieg setzte das Land, nachdem seine sicherheitspolitischen Probleme vorerst befriedigend gelöst zu sein schienen, vor allem auf die Karte der wirtschaftliche Entwicklung. Die Gründung Mandschukuos stellte eine Provokation dar Dies änderte sich Anfang der dreißiger Jahre. Durch die Große Depression von 1929 geriet in dem stets stark außenhandelsabhängigen Japan nicht nur die Wirtschaft unter Druck, sondern auch das gesamte politische System, das zuvor ansatzweise bereits parlamentarisiert worden war. Gleichzeitig änderte sich die äußere Lage Japans durch die immer mächtiger werdende Sowjetunion und durch den Aufstieg der Kuomintang in China. Unter der Führung von Tschiang Kai-Schek vollzog sich eine innere Einigung des zuvor zwischen diversen Kriegsherren zerrissenes Festlandreiches. Beide Entwicklungen bedrohten die besonderen Interessen Japans in der Mandschurei. Dabei gelang es einigen Stabsoffizieren der japanischen Kwantung-Armee im September 1931, durch ein vorgetäuschtes Eisenbahn-Attentat die anschließende militärische Besetzung der gesamten Mandschurei durch japanische Truppen und die anschließende Ausrufung eines von China losgelösten japanischen Satellitenstaates „Mandschukuo“ herbeizuführen. Die Regierung in Tokio hatte zunächst noch versucht, dieses Vorpreschen der Armee während des „mandschurischen Zwischenfalls“ zu verhindern, es aber am Ende doch politisch gedeckt, zumal ernsthafter militärischer Widerstand ausblieb und sich weder einzelne Großmächte noch der Völkerbund zu ernsthaften Sanktionen entschlossen. Die nationalchinesische Regierung nahm die Sezession trotz aller Proteste de facto zunächst hin, um die innere Einheit Kernchinas weiter konsolidieren zu können. Das chinesisch-japanische Verhältnis normalisierte sich ansonsten wieder. Der neue „Zwischenfall“ vom Juli 1937 war nicht das Ergebnis einer vorangehenden neuen politischen Verschärfung. Obwohl lokale japanische Militärbefehlshaber damals um die Sezession weiterer nordchinesischer Gebiete bemüht waren, wurde nach dem heutigen Stand des Wissens die Schießerei an der Marco-Polo-Brücke nicht von japanischer Seite inszeniert. Nach dem Aufflammen erster kleiner Kämpfe zeigten sich beide Seiten zunächst an einer Deeskalation interessiert. Aber das wechselseitige Mißtrauen war zu groß. Tschiang Kai-Schek schickte – nach den Erfahrungen in der Mandschurei verständlich – größere Truppenverbände in den Norden, um eine weitere Abspaltung der dortigen Provinzen zu verhindern. Die Japaner reagierten umgekehrt mit der Entsendung von Verstärkungen nach Nordchina, die dort rasch größere Gebiete unter ihre Kontrolle brachten. Im August weiteten im Gegenzug die Nationalchinesen den Kampfraum aus, indem sie ihre besten, von deutschen Militärberatern ausgebildeten Verbände nach Schanghai verlegten, wo sie sofort in Kämpfe mit der kleinen japanischen Garnison gerieten. In Japan setzten sich nun endgültig jene politischen Kräfte durch, die den sich „ungebührlich“ benehmenden Chinesen eine Lehre erteilen wollten. Der „China-Zwischenfall“ wuchs sich zu einem massiven Krieg aus. Weit früher als das Deutsche Reich hatte sich Japan – nicht ohne eigene Schuld, aber ohne ursprünglich aggressive Absichten – auf eine bewaffnete Auseinandersetzung eingelassen, die es nicht mehr aus eigener Kraft beenden konnte. Die Militärs hatten im Spätsommer 1937 zwar gehofft, wie schon oft zuvor durch einige harte Schläge die chinesische Regierung zur offiziellen Anerkennung Mandschukuos und der japanischen Sonderinteressen in Nordchina bewegen zu können. Doch Tschiang Kai-Schek setzte von Anfang an auf einen langwierigen Abnutzungskrieg. Zwar stellten sich die Chinesen in den ersten zwei Jahren wiederholt, wenn auch meist erfolglos zur Schlacht, zogen sich aber nach dem sukzessiven Verlust ihrer damaligen Hauptstädte Nanking und Hankow Ende 1938 in die inneren Provinzen Chinas zurück. Die trotz massiver Vermehrung unter der Überdehnung der Fronten leidenden japanischen Truppen konnten ihnen dahin nicht folgen. Es entwickelte sich ein grausamer Partisanenkrieg Selbst in den offiziell von ihnen okkupierten Teilen des Landes besetzten sie effektiv meist nur die großen Städte und die wichtigsten Verkehrslinien. In den Zwischenräumen entwickelte sich in den Folgejahren ein grausamer und endloser Partisanen- und Bandenkrieg zwischen japanischen Besatzern und lokalen Verbänden kollaborierender Chinesen einerseits, Nationalchinesen und chinesischen Kommunisten andererseits – mit den angedeuteten verheerenden Folgen für China. Das japanische Kaiserreich war so in den Treibsand eines ressourcenverzehrenden Krieges geraten, während seine wichtigsten machtpolitischen Konkurrenten, die Sowjetunion und die USA, immer stärker wurden. Aus dem Morast glaubte sich das Land am Ende schließlich nicht mehr anders befreien zu können als durch einen großen Schlag. Der europäische Krieg eröffnete dabei ab 1940 militärisch die Zugriffsmöglichkeit auf die südostasiatischen europäischen Kolonien, das heißt auf die Rohstoffgebiete in Malaysia und Hinterindien (und zugleich die Aussicht, China in Burma von jeder äußeren Hilfe abzuschneiden). Ohne diesen Zugriff wurde die ökonomische Abhängigkeit von den Schlüsselimporten aus den USA immer größer, jeden Schritt in die Südrichtung beantwortete die amerikanischen Regierung aber damit, den ökonomischen Hahn immer mehr zuzudrehen. Zwar bemühte man sich seitens Tokios bis zum Schluß noch um eine Verhandlungslösung mit den USA. Diese stellte ihrerseits immer härtere Bedingungen, die auf eine Unterwerfung unter eine anglo-amerikanische Hegemonie hinausliefen. Für die damalige politische Elite Japans war diese Alternative völlig unakzeptabel, sie riskierte lieber das Vabanque-Spiel eines großen Krieges gegen die Westmächte. Erst nach 1945 sollte sich herausstellen, daß Japan auch ohne starke Armee ein reiches Land sein konnte. Foto: Japanische Soldaten posieren mit chinesischen Gefangenen, Schanghai 1937: Verheerende Folgen Karte: Japans Einflußsphäre in Ostasien im Jahr 1940: In den Treibsand eines ressourcenverzehrenden Krieges geraten abreißen

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