Eine kurze Zeit der Euphorie

Rügen hat mit Stralsund und dem umliegenden Landkreis Nordvorpommern nicht nur die meisten Touristen und die längsten Küsten des Landes Mecklenburg-Vorpommern; es ist auch die politische Heimat der ersten deutschen Kanzlerkandidatin. Seit der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 hat Angela Merkel ihr Direktmandat im Wahlkreis 15 stets behaupten können. Es soll seinerzeit eine ganze Nacht gedauert haben, bis sich Merkel 1990 als Direktkandidatin durchsetzen konnte – gegen einen Kandidaten aus den alten Bundesländern. Seitdem hat sie den Wahlkreis, als Ministerin unter Kohl und als Parteivorsitzende, immer mit großem Vorsprung gewonnen. Doch wie sieht es nun aus, mitten in der Urlaubszeit im Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern? Vier Wahlkreisbüros stehen Merkel zur Verfügung und sollen helfen, die CDU-Politik im Nordosten der Republik zu vermitteln. In Bergen auf Rügen, in Stralsund, Grimmen und in Ribnitz-Damgarten hat die Kandidatin ihre „Zweigstellen“ eingerichtet, potentielle Anlaufstelle für die 257.000 Einwohner des 3.200 Quadratkilometer großen Wahlkreises. Der Schwung scheint bereits wieder verpufft Als die Neuwahlen im Mai nach dem Machtverlust der SPD in Nordrhein-Westfalen durch Gerhard Schröder und Franz Müntefering auf den Weg gebracht wurden, gab es auch in Merkels Wahlkreis eine kurze Zeit der Euphorie. Endlich jemand „aus dem Osten“, hieß es: „Das muß doch mal was bewirken.“ Doch der Schwung scheint nun zu Beginn des heißen Wahlkampfes bereits wieder verpufft. Haben „die Menschen“ (Merkels Synonym für „Volk“) hier überhaupt Interesse an einer Kanzlerin aus „ihrem“ Land? An Bergen, der Kreishauptstadt Rügens, fahren die zahlreichen Touristen in der Regel auf ihrem Weg zum Strand vorbei. Direkt im Zentrum der 16.000 Einwohner zählenden Stadt, auf dem Marktplatz, wird der Besucher schnell fündig, wenn er die Zentrale der Union sucht. Über dem Geschäft einer Drogeriekette prangt gut sichtbar das Schild „CDU Rügen“. Ein Druck auf den Klingelknopf mit der vergangenen Europawahlwerbung „Sicher in die Zukunft“ öffnet einem auch sofort die Tür. Im ersten Stock des frisch sanierten Hauses residiert das Wahlkreisbüro. Vor einer verregneten Aussicht auf den Marktplatz – selbst auf der sonnenverwöhnten Insel ließ das Wetter in den vergangenen Wochen zu wünschen übrig – empfängt Büroleiter Klaus-Dieter Schönfelder den Besucher. Bereitwillig gibt der ältere Herr über seine Chefin Auskunft. Nein, Urlaub habe die Kanzlerkandidatin in diesem Jahr nicht hier gemacht, aber Arbeitsbesuche seien etwas völlig Normales. Seit der Nominierung Merkels als Spitzenkandidatin der Union häuften sich die Besuche von Interessierten im Wahlkreisbüro, wobei nicht nur Einwohner und potentielle Wähler „mal so vorbeikommen“. Unionsanhänger reisten sogar eigens mit dem Bus an, sagt Schönfelder, der seit 1996 (ehrenamtlich, wie er bekräftigt) hier arbeitet. Vorher fuhr er 32 Jahre lang zur See. Zu ihrem nächsten Wahlkampftermin auf der Insel, an diesem Freitag im Ostseebad Binz, werde die CDU-Vorsitzende sich wie Otto Normalbürger mit einem Auto durch den täglichen Stau auf dem überlasteten Rügendamm quälen und nicht etwa im Helikopter einschweben, weiß Schönfelder zu berichten. In einem kleinen Restaurant in der Nähe hat die prominente CDU-Frau bislang noch nicht vorbeigeschaut. Der Mann hinter der Theke will von der Politik auch lieber verschont werden: „Die spinnen doch eh alle“, lautet sein Kommentar. „Hier macht niemand Parteipolitik, weder grün noch rot, braun oder schwarz, das lassen wir nicht zu.“ Etwas redseliger ist Inhaber Tim Plümecke. Merkel habe sich zwar noch nicht blicken lassen, des öfteren springe hier aber der Kandidat der Grünen umher. Die Grünen scheinen hier dem 19 Jahre alten René Gögge einiges zuzutrauen – wahrscheinlich mehr, als der junge Mann, übrigens der einzige Kandidat, der tatsächlich aus Bergen kommt, erreichen kann. „Aber zumindest besucht uns die Bürgermeisterin von Bergen des öfteren, und die ist ja auch ein Freundin von Angie“, weiß der Lokalgründer zu erzählen und zeigt auf einen Tisch in der Ecke, an dem die genannte CDU-Frau Andrea Köster beim Mittagessen sitzt. Überhaupt seien hier schon mehrfach Prominente aufgekreuzt – und wie zur Bestätigung betritt der Ost-Schauspieler Wolfgang Lippert den Gastraum. Draußen auf dem Marktplatz ist bei den Einwohnern kaum Interesse an der prominenten Direktkandidatin vorhanden – egal, wen man fragt. Fast scheint es, als ob bei diesem „Mistwetter“ nur Nichtwähler unterwegs sind. Die Reaktionen reichen von „Mir wurscht“ über „Ich war noch nie wählen“ bis hin zu „‚Ne andere Regierung ändert auch nix“. Auch die drei Aktivisten von Greenpeace haben sich keinen guten Tag ausgesucht. Sie versuchen die Passanten zum Spenden für ihre Organisation zu animieren. Dabei hätte man annehmen können, sie seien wegen Merkel hier vorstellig geworden. Darauf angesprochen, reagieren die Umweltschützer überrascht. „Ach so, die – was, hier ist ihr Büro?“ Zurück über den Rügendamm ist das Wahlkreisbüro in Stralsund schnell gefunden: direkt in der Fußgängerzone der 60.000-Einwohner-Stadt, wieder im ersten Stock über einem leeren, zu vermietenden Laden. Sascha Brok verstärkt hier wegen der vielen Arbeit während des Wahlkampfes das Büro. Der 32jährige war schon in Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Merkel tätig und berichtet, wie seine Chefin ihren Urlaub verbracht hat. In Bayreuth, bei den Wagner-Festspielen, sei sie gewesen (wo sie neben ihrem Gatten durch überaus farbenfrohe Kleidung auffiel). Zudem habe sie Salzburg besucht. Aber selbstredend mache sie auch Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern, fügt der Mann sogleich hinzu. Wenn die CDU-Chefin vor einer schwierigen Entscheidung stehe, ziehe sie sich immer in das Fischland-Hotel in Dierhagen zurück – wenige Kilometer entfernt von der Datscha des letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz. Stolz präsentierte Brok das frisch gedruckte Werbematerial und erklärt, daß die beiden Großbuchstaben in „teAM Zukunft“ für die beiden Anfangsbuchstaben von Angela Merkel stehen. „Und so schön poppig kommt das Orange der Partei, oder?“ Draußen auf der Einkaufsmeile bummeln die potentiellen Wähler ziemlich teilnahmslos vorbei. Trotz des schönen polierten Messingschildes, das auf das Wahlkreisbüro hinweist, nimmt man kaum Notiz von der Anlaufstelle. Direkt gegenüber, im „Haus der Schönheit“, wo es laut Schaufensteraufschrift „Alles für’n 10er“ gibt, endet bereits der Einflußbereich. Madlen, eine 23 Jahre alte Friseuse, hat noch nie etwas von der Außenstelle der CDU-Kanzlerkandidatin in der Straße bemerkt. Nur ihre Kollegin wundert sich immer, wenn „der ganze Broadway voller Schwarzjacken steht“. Dann weiß man, daß „Angie“ wieder mal zu Besuch ist – und doch nicht auf einen Termin beim Friseur erscheint.

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