Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der Verdacht ist berechtigt

In Beiträgen in der JF hatte sich Hans-Joachim von Leesen skeptisch über die Ende des vergangenen Jahres vom Dresdner Oberbürgermeister Ingolf Roßberg zusammengerufene Kommission von zwölf Wissenschaftlern geäußert, die die Opfer der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 ermitteln soll. Horst Boog, renommierter Luftkriegshistoriker, der der Kommission angehört, wehrte in der JF-Ausgabe 18/05 die Befürchtung ab, auf das Ergebnis werde politisch-ideologisch Einfluß genommen. Heute antwortet darauf Hans-Joachim von Leesen. Vorweg dieses: Mit keiner Silbe habe ich die wissenschaftliche Integrität des ehemaligen Leitenden Wissenschaftlichen Direktors des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Horst Boog, in Zweifel gezogen. Im Gegenteil – vor allem ihm verdanken wir Veröffentlichungen, aufgrund derer jeder, der es wissen will, erfahren kann, was es mit der Vorgeschichte, der Planung und der Durchführung des strategischen Luftkrieges gegen die Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg auf sich hat. Auf ihm ruht denn auch, wie ich es in meinem ersten Beitrag (JF 16/05) ausgedrückt habe, die Hoffnung auf ebenso seriöse Arbeit der Dresdner Kommission zur Ermittlung der Opferzahlen. Daß Boog sich schützend vor den Vorsitzenden des Ausschusses, Rolf-Dieter Müller, stellt und unterstreicht, Müller habe seine wissenschaftlichen Fähigkeiten „durch zahlreiche Veröffentlichungen unter Beweis gestellt“, ändert nichts an der Tatsache, daß Müller durch seine Äußerungen im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit in der Luftkriegs-Opferkommission sehr wohl Anlaß gibt, an seiner Unvoreingenommenheit zu zweifeln. Man kann es wohl kaum eine wissenschaftliche Ausdrucksweise nennen, wenn er in der Financial Times vom 12. Februar 2005 behauptet, „schon die Nazis“ hätten damit angefangen, die Zahl der Toten in Dresden zu mißbrauchen. Bereits die Wortwahl ist verräterisch. Wie kann er belegen, daß diese „Nazis“ noch vor Kriegsende in Berlin „mit einer Null am Ende eines Leichenbergungsberichtes“ die Anzahl verzehnfachten? Wer soll das gemacht haben? Und wann? Wenn sich Müller dabei auf den sogenannten „Tagesbefehl Nr. 47“ des angeblichen „Höheren Polizei- und SS-Führers“ berufen sollte, dann hat Wolfgang Schaarschmidt in seinem Buch „Dresden 1945“ nachgewiesen, daß der Bericht erst 1955 aufgetaucht ist und daß die von den prominenten Kommunisten Max Seydewitz und Walter Weidauer sogleich aufgestellte Behauptung durch nichts belegt werden kann. Weiterhin spricht es nicht für Müllers Unvoreingenommenheit, wenn er behauptet, ein Brief aus dem Büro des damaligen Dresdner Oberbürgermeisters aus den neunziger Jahren, in dem von 220.000 Toten die Rede ist, sei „eine offensichtliche Fälschung“. Mir liegen mehrere solcher Briefe aus dem Rathaus der Landeshauptstadt Dresden vor, und zwar aus dem­ Amt für Protokoll und Auslandsbeziehungen (Zeichen 0016/Mi), unterschrieben von der dortigen Sachgebietsleiterin Karin Mitzscherlich, die das sicherlich nicht aus eigener Machtvollkommenheit getan hat. Es entspricht auch nicht den Tatsachen, daß Müller, wie schon mehrfach behauptet, mit seiner Arbeit „Goebbels‘ Zahlen“ widerlegen wolle. Goebbels hat überhaupt keine Totenzahlen aus Dresden öffentlich genannt. Das zusammen mit den am 25. November 2004 in der Sächsischen Zeitung offenbar auf Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) zurückgehenden Vorgaben, die Kommission solle „den von rechtskonservativen und neonationalistischen Kreisen (…) europaweit bemerkenswertesten und haltlosesten Versuch einer Uminterpretation von deutscher Täter- in Opferschaft“ entgegentreten, gibt dem Unternehmen den Geruch der Auftragsarbeit. Wenn Müller alle sechs Wochen neue Zahlen veröffentlicht, die von Mal zu Mal nach unten korrigiert werden, und das, obwohl die Arbeit der Kommission keinesfalls abgeschlossen sein dürfte – der Abschlußbericht ist erst für 2006 vorgesehen -, dann kann man ihm nur raten, sich zurückzuhalten, wenn er den ramponierten Ruf der Wissenschaftlichkeit seiner Gruppe wiederherstellen will, und Zahlen erst wieder zu verlautbaren, wenn er sie so gründlich belegen kann, wie das Kommissionsmitglied Rüdiger Overmans tat, als er 1999 nach jahrelanger intensiver Arbeit die „deutschen militärischen Verluste im Zweiten Weltkrieg“ der Öffentlichkeit unterbreitete. Hans-Joachim von Leesen (Foto)

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