Nur Mängel statt Minne

Vielleicht war sie sich ihrer Sache nicht ganz sicher? Oder hatte ihr das Theater Basel doch nicht recht über den Weg getraut? Wie dem auch sei: Beim Regiedebüt von rosalie (um ihren wirklichen Namen treibt die Design-Künstlerin eine große Geheimniskrämerei) bei Wagners „Tristan und Isolde“ tauchte im Programmheft mit Brigitta Bidlingmaier unvermittelt eine „Co-Regisseurin“ auf. Gefruchtet hat das nicht viel. Bekanntermaßen klagt – nur ein Beispiel – die irische Königstochter bereits im ersten Aufzug über die Qual, vom „hehrsten Mann“ Tristan „ungeminnt“ zu bleiben. In Basel könnte Isolde auch schlicht am Minnemangel gestorben sein, statt dem Liebestod anheimzufallen. Zumindest legt dies das Szenario nahe: Umarmungen? Heiße Küsse gar? Fehlanzeige. Die Minne, die im zweiten Aufzug rauschhaft besungen und beschworen wird, findet zwischen den beiden schlichtweg nicht statt – Tristan und Isolde stehen bestenfalls brav und bieder nebeneinander. Nicht einmal Händchenhalten ist drin. Dem Publikum bleibt vornehmlich „heil’ger Dämm’rung hehres Ahnen“ mit Betonung auf das letztere. Zudem scheiterten rosalie & Co. an der Tendenz, die Geschichte wenngleich nicht auf den Kopf zu stellen, so doch ohne sinnige Motivation stets ein wenig anders als gewohnt zu erzählen. Vom reinen Regiehandwerk her gesehen ist der Abend – alles zusammengenommen – mit manniglich Mängeln behaftet, die den tieferen Sinn der Sache eher vernebeln als erhellen. Punkte sammeln konnte rosalie hingegen mittels Ausstattung und vor allem durch eine ausgeklügelte Lichtregie, welche die Bühne mit ihren raumhohen Plexiglaspanelen immer wieder in verführerische Farben tauchte. Hier bietet dieser „Tristan“ dem Auge nicht wenig. Selbst die knallig bunten Schlafsäcke, aus denen die Protagonisten kriechen, passen sich einer Ästhetik des Schönen nicht minder ein als die orange lackierten und von innen leuchtenden Paletten, die über weite Teile des Abends die Spielfläche markieren. Hätte sich rosalie dann noch von einigem Gerümpel getrennt, das sie ohne ersichtliche dramaturgische Funktion zudem auf die Bühne gewuchtet hat – man hätte einer wahrhaft fulminanten Optik ohne Einschränkung das Wort reden mögen. Bei allen szenischen Ungereimtheiten lohnt ein Besuch dennoch, allein schon Annalena Perssons wegen: Ihre Isolde war schlichtweg ideal. Anders als der Tristan von Richard Decker konnte sie den viereinhalbstündigen Abend lang aus dem Vollen schöpfen, derweil der Tenor seine Kräfte für die sodann hoch achtbar gemeisterten Herausforderungen des letzten Aktes aufsparte, im zweiten Aufzug jedoch auch wunderbar lyrische Töne anschlug. Brigitte Pinters Brangäne blieb ob unsauberer Intonation problematisch. Als König Marke schlug sich Xiaoliang Li wacker, aber etwas farblos. Textverständliches Singen und Phrasieren war auch in Basel – wie heute oft – bei allen Ensemblemitgliedern leider die Ausnahme. Marko Letonja hatte mit dem Sinfonieorchester Basel seinen Wagner gut und fließend im Griff, vermochte aber die Binnenspannung dieser Partitur nicht allzeit aufrechtzuerhalten. Die nächsten Vorstellungen finden statt am 23. Mai um 18.30 Uhr und 29. Mai um 17 Uhr. Kartentelefon: 00 41 / 61 / 2 95 11 33, Internet: www.theater-basel.ch

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