Der Profiteur

Als Jürgen Rüttgers 1999 die Führung der nordrhein-westfälischen CDU übernahm, sprach wenig dafür, daß der Jurist aus dem rheinischen Pulheim eines Tages Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslandes werden könnte. Alles sprach vielmehr gegen Rüttgers: Die Sozialdemokraten saßen in Nordrhein-Westfalen so fest im Sattel wie sonst nur die CSU in Bayern. Der CDU-Landesverband ist traditionell zwischen Rheinländern und Westfalen gespalten. Rüttgers selbst gilt als Mann ohne besondere Ausstrahlung. Charisma hat er nicht. Aber trotzdem hat er die Chance, die Landtagswahl am Sonntag zu gewinnen. Der 53jährige Vater von drei Söhnen begann seine politische Laufbahn bereits 1975 als Ratsmitglied in Pulheim. Die Karriere verlief geradlinig: Nach der Wahl in den Bundestag wurde Rüttgers Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion. Schnell erkannte Helmut Kohl die Fähigkeiten des jungen Politikers, der zwar kein großer Redner und schon gar nicht ein Mann mit Ecken und Kanten war, dafür aber ein um so geschickterer Strippenzieher hinter den Kulissen. Immerhin erzielte er durch die Einführung des „Meister-Bafög“ einige Aufmerksamkeit, mit dem junge Handwerker leichter die Meisterprüfung erreichen können. Niemand würde ernsthaft die These aufstellen, daß Rüttgers als Politiker etwas Großes bewegt oder wenigstens eine wegweisende Rede gehalten hätte. Einmal machte er mit dem Slogan „Kinder statt Inder“ von sich reden. Der CDU-Mann erinnert an die große Schar unauffälliger Polit-Karrieristen, deren Namen und Gesichter austauschbar sind. Sie gewinnen keine politische Schlachten durch Überzeugungen oder mit besseren Konzepten, sondern profitieren vom Versagen des politischen Gegners. Rot-Grün hat in Nordrhein-Westfalen eine Wüste hinterlassen: Eine Millionen Menschen sind zwischen Rhein und Weser arbeitslos. Die industriellen Strukturen sind teilweise zusammengebrochen. Das Bildungssystem ist so schlecht wie die Straßen – die Schwäche des Gegners die einzige Chance Jürgen Rüttgers‘. Selbst in der eigenen Partei ist Rüttgers nicht besonders beliebt. Daß Angela Merkel ihm nicht über den Weg traut, ist nichts Ungewöhnliches. Die CDU-Chefin traut niemandem. Dabei hatte sich Rüttgers viel Mühe gegeben, auf Bundesparteitagen Stimmung für Merkel und gegen den als Gastredner auftretenden CSU-Chef Edmund Stoiber zu machen. So wie er einst Kohl stets zu Diensten war, biedert er sich jetzt Merkel an. Aber bei den Wahlen zur CDU-Führung erzielte der Durchschnittspolitiker Rüttgers stets nur durchschnittliche Ergebnisse. Wenn der Wähler Rüttgers am Sonntag mit der Regierungsbildung beauftragen sollte, dürfte dies ein Akt der Verzweiflung über rot-grüne Politik sein. Und für den möglicherweise ersten CDU-Ministerpräsidenten seit 39 Jahren gilt der alte Satz, daß der Mensch mit dem Amte wachsen kann.

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