„‚Befreiung‘ von unserer Identität“

Herr Dr. Weißmann, der Publizist Johannes Gross hat 1984 sarkastisch bemerkt: „Der Widerstand gegen Hitler nimmt jeden Tag zu“. Ist es dieser Zeitfaktor, der auch aus der Niederlage vom 8. Mai 1945 nun eine „Befreiung“ macht? Weißmann: Ganz ohne Zweifel. Je mehr wir uns chronologisch vom Kriegsende entfernen, um so eindeutiger erscheint das Ereignis. Das ist an sich nicht verwunderlich, fast immer wirken weiter zurückliegende Daten klarer beurteilbar; das liegt aber vornehmlich daran, daß man immer weniger Genaues über das Geschehen weiß. So auch hier: Mit dem Verschwinden der Erlebnisgeneration wird das Datum 8. Mai 1945 abstrakter, und je entschlossener man dann den Befreiungsaspekt in den Vordergrund schiebt, um so unverständlicher wirken alle Zweifel an der entsprechenden Vorstellung. Welche Funktion erfüllt nach Ihrer Ansicht die Chiffre „Befreiung“ in der politischen Psyche der Deutschen heute? Weißmann: In erster Linie dient sie dazu, die „Befreiung“ der Deutschen von ihrer Identität ins Werk zu setzen. Die Hölle, das sind die Ahnen. Und nur derjenige kann der Hölle entkommen, der sich von den Vorfahren, von der eigenen Geschichte lossagt. Darüber dürfen auch die angestrengte Vergangenheitspolitik und der wachsende Markt für historytainment nicht hinwegtäuschen: Es geht darum, die deutsche Geschichte vor 1945 „abzutreiben“, endlich so zu werden wie die anderen, also auch ein „Sieger“ oder hilfsweise ein „Befreiter“. Glauben Sie die Deutschen haben innerlich die Deutung von der Befreiung mittlerweile akzeptiert, oder handelt sich um einen sozusagen medial eingeredeten Begriff – um eine Art politischer Massensuggestion? Weißmann: Das läßt sich so nicht beantworten. Es ist eher ein Zusammenspiel aus Suggestion und Autosuggestion. Ohne Zweifel ist das politische und kulturelle Establishment daran interessiert, den Befreiungsbegriff durchzusetzen, aber die Leute akzeptieren das auch ganz gern. Die Motive dafür sind disparat: Unverschuldete Ahnungslosigkeit bei den Jüngeren, Konformismus bei den mittleren Jahrgängen und Amnesie bei den Älteren. Dazu ein schönes Beispiel: In einem Dritten Programm war unlängst eine alte Frau zu sehen, die sich darüber mokierte, wie sehr sie als Jugendliche der NS-Propaganda ausgesetzt gewesen seien. Denn wie sie jetzt wieder entdeckt habe, hatte sie im September 1939 in ihr Tagebuch eingetragen: „England erklärt uns den Krieg“. Absurd – dabei hätten doch wir den Krieg begonnen! Absurd war natürlich vor allem, daß sie offenbar in einem solchen Maße der heute üblichen politisch korrekten Darstellung des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt ist, daß sie glatt vergessen hatte, daß in der Tat – nämlich am 3. September 1939 – England Deutschland den Krieg erklärt hatte und nicht umgekehrt. 1965 analysierte der konservative Publizist Caspar von Schrenck-Notzing in seinem „für den frommen Bundesbürger schockierenden“ (Rheinischer Merkur) Standardwerk „Charakterwäsche“ die „Reeducation der Deutschen und ihre bleibenden Auswirkungen“. Ist die Durchsetzung des Begriffs „Befreiung“ auch als Frucht der „Reeducation“ zu betrachten? Weißmann: Einerseits haben die Alliierten den 8. oder 9. Mai immer als „Tag des Sieges“ gefeiert, und wo gesiegt wird, da muß es auch Besiegte geben. Daß die Deutschen die Besiegten waren, ist der Erlebnisgeneration auf der deutschen wie der alliierten Seite natürlich klar gewesen. Eisenhower, Churchill, de Gaulle, Adenauer oder Schumacher wären nie auf die Idee gekommen, von einem Akt der „Befreiung“ im Hinblick auf die Deutschen zu sprechen. Das taten nur Kommunisten, und wer nahm das ernst? Die „Russenpartei“ wußte man schon einzuschätzen, in der Bundesrepublik ebenso wie in der DDR. Anders stand es aber bei den Jüngeren, die dann die Alterskohorten der Achtundsechziger bildeten. Zwar sahen die in den Siegermächten – vor allem den USA und allgemein dem kapitalistischen Westen, weniger in der Sowjetunion – einen „äußeren Feind“, aber sie zogen daraus keine nationalpolitische Konsequenz, denn das wäre tatsächlich riskant geworden, vielmehr nutzten sie die Chance, sich mit dem Faschismusdauervorwurf eine Waffe gegen den „inneren Feind“ zu schaffen; und die Argumente, die sie verwendeten, stammten allerdings aus dem Repertoire der Umerziehungspädagogik. Dazu ein Satz des Philosophen Rüdiger Safranski, der ja zu den Repräsentanten der Achtundsechziger gehört: „Wir haben 1968 eine Erregtheit erreicht, in der die eine Generation gegenüber der anderen Generation einen Generalverdacht geäußert hat. Aus dieser tribunalistischen Geschichtsbetrachtung sind wir noch gar nicht raus.“ Weißmann: Es kommt nicht oft vor, aber in diesem Fall gebe ich Safranski recht. Man müßte allerdings noch ergänzen, mit was für einer miserablen Legitimation die Achtundsechziger diese Tribunalisierung ins Werk gesetzt haben. Denn sie verschrieben sich ja einem „Gegentotalitarismus“, dessen Äußerlichkeiten – von der Leninkappe über den Proletkult bis zum offenen Stalinismus der K-Gruppen – man heute für Folklore hält, während die RAF sowieso nicht dazugehört. Tatsächlich haben sich die Achtundsechziger aber einem Totalitarismus aus Langeweile verschrieben, während die Väter sich ihm aus Not auslieferten, was ich persönlich für verzeihlicher halte. In der Grundstruktur ist aber kein Unterschied. Der bekannte „Trendforscher“ Matthias Horx, auch ein Achtundsechziger, hat einmal ehrlicherweise gesagt: „Spätestens ’33 wären wir alle dabei gewesen“. Ist es zulässig, die Präsenz der Chiffre „Befreiung“ als eine Art ziviler Fortsetzung des alliierten Besatzungsregimes zu deuten? Kann man also von einem geistigen „Befreiungsregime“ sprechen? Weißmann: Sie überschätzen die direkten Einflußmöglichkeiten. Die Alliierten, vor allem die Angelsachsen, haben von Anfang an gewußt, daß ihr Konzept nur funktionieren konnte, wenn die Reeducation durch eine Selfreeducation ergänzt würde, so daß die Deutschen dann mit eigenen Leuten und eigenen Mitteln fortsetzten, was sie angefangen hatten. Und das hat nur deshalb geklappt, weil eine Analyse, auf der die ganze Umerziehung aufbaute, richtig war. – Die Verbreitung des „autoritären Charakters“ bei den Deutschen, die Liebe zum Parieren, zum vorauseilenden Gehorsam, oder, wenn Ihnen Clausewitz lieber ist: ein ausgeprägtes Empfinden der „überraschenden Süßigkeit des Dienens“. In Ihrem Buch „Die Besiegten – Die Deutschen in der Stunde des Zusammenbruches“ sehen Sie die 8.-Mai-Rede Richard von Weizsäckers 1985 als Beginn der Durchsetzung der Befreiungsdeutung. Weißmann: Ich habe gesagt, daß diese Rede meiner Meinung nach die „Magna Charta der Neuen Mitte“ war: eine Menge von Interpretationsangeboten, die seit Anfang der achtziger Jahre von einem breiter werdenden Konsens getragen wurde. Den kann man durchaus als Ergebnis allgemeiner Resignation verstehen. Die Neue Linke hatte resigniert vor dem Versuch einer sofortigen und vollständigen Umwälzung der Verhältnisse, die Bürgerlichen hatten resigniert vor der Aussichtslosigkeit eines großen roll back. Also bot Weizsäcker eine Friedensformel an, durchaus klug erwogen, nicht allzu offensichtlich falsch, aber gerade deshalb verheerend in der Wirkung. Wenn das Staatsoberhaupt erklärt, die Vertreibung sei eine erzwungene Wanderung gewesen und der
8. Mai ein Tag der Befreiung, was dann? Aber natürlich darf man auch nicht überziehen: Der Nimbus, den Weizsäcker bis heute genießt, erklärt sich daraus, daß er eine bestehende Tendenz verstärkt, nicht, daß er sie „gemacht“ hat. Solches Einfühlungsvermögen erklärt einen guten Teil seiner politischen Karriere, wahrscheinlich handelt es sich um ein Talent, das man sich gar nicht aneignen kann, sondern von Hause aus haben muß. 1986 gab es den Historikerstreit, der – obwohl er eigentlich eine wissenschaftliche Kontroverse hätte sein sollen – rasch zur geschichtspolitischen Auseinandersetzung ausartete: Er markierte auch die Bruchlinie zwischen einer nationalgeschichtlichen und einer atlantischen Geschichtsbetrachtung in Deutschland und lief damals noch mitten durch die Ordinarien. Weißmann: Diese Deutung teile ich nicht. Die „Viererbande“ – Ernst Nolte, Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrandt und Michael Stürmer – bestand doch nur aus „Atlantikern“, von Hillgruber war lediglich in einem Zusammenhang eine prononcierter „nationale“ Perspektive eingenommen worden, aber trotzdem verkörperte er wie die anderen bis dahin einen Teil des bundesrepublikanischen common sense. Der ganze „Historikerstreit“ war, wie der Historiker Imanuel Geiss richtig bemerkt hat, nur eine „Habermas-Kontroverse“, angezettelt mit dem Ziel – worauf Geiss ebenfalls sehr früh hingewiesen hat – den Pluralismus in der Geschichtswissenschaft zu beseitigen. Da waren Zunftinteressen im Spiel und natürlich der Machtwille von Habermas und seinem Bielefelder Fußvolk. Deshalb spielt es auch gar keine Rolle, daß Nolte jeden Tag mehr recht hat und seine Gegner jeden Tag mehr unrecht haben. 1995 gab es die – allerdings rasch zusammengebrochene – „nationalkonservative“ Initiative „8. Mai 1945 – Gegen das Vergessen“ mit Unterzeichnern wie Peter Gauweiler, Heinrich Lummer oder Alfred Dregger. Mit dieser Politikerinitiative verlief die „Frontlinie“ allerdings nicht mehr wie noch 1986 durch die Reihen der Geschichtswissenschaft, sondern war sozusagen „hinter“ die Ordinarien zurückgenommen. Wo sehen Sie die Bruchlinie heute verlaufen? Weißmann: Zwischen uns und dem Rest. Was meinen Sie damit? Weißmann: Ich meine Sie und mich und ein paar Dutzend Unentwegte, die glauben, daß sie Volk und Vaterland diesen Dienst schuldig sind, ohne Aussicht auf Pfründen, Anerkennung und Ehren. Aber darauf kommt es bei einem gerechten Kampf auch nicht an, und natürlich wird die Geschichte immer nur von Minderheiten bewegt. Es kommt allerdings darauf an, daß diese Minderheiten einen gewissen Grad an Geschlossenheit erreichen und genügend Angriffslust haben und die Lage richtig verstehen. Für das Institut für Staatspolitik haben Sie den Band „Die Besiegten“ herausgegeben. Eine Antwort auf die politisch korrekte Deutung des 8. Mai? Weißmann: Der Band soll vor allem als Korrektur dienen. Es geht nicht darum, die Wertungen umzudrehen, sondern ein zutreffendes Bild der historischen Realität zu zeichnen. Deshalb sind die Akzente ganz bewußt auf Zusammenhänge gesetzt worden, die bei der ganzen politisch-korrekten Darstellung fehlen: der Untergang der Wehrmacht mit seinen furchtbaren Begleiterscheinungen, die Flucht, die Vertreibung, die Massenvergewaltigungen, der Vorgang der Besetzung, die Säuberungen, die Internierung und die Gefangenschaft und nicht zuletzt das Chaos in den Wochen, die auf den 8. Mai folgten. Wagen Sie eine Prognose für den 8. Mai 2015? Weißmann: So Gott will, wird alles ganz anders sein als heute. Schröder hat sich nach seinem Sturz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Jetzt muß er sich vor den Kamerateams verstecken, die ihn auffordern, Rechenschaft für seine Teilnahme an der Siegesparade in Moskau am 9. Mai 2005 zu leisten, und Guido Knopp moderiert im ZDF eine Diskussionsrunde über die fatalen Folgen der Verdrängung, zu der ich als prominenter Gast eingeladen werde, um zu erklären, wie es kommen konnte, daß man unserer Nation alles Selbstbewußtsein ausgetrieben hatte. Das meinen Sie wohl kaum ernst? Weißmann: Kleine Utopien müssen erlaubt sein. Aber ich bin im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Lage gar nicht pessimistisch. Faktisch hat die herrschende Ideologie so bizarre Formen angenommen und sich solche Repressionsmöglichkeiten verschafft, daß das Unbehagen wächst und das Gerechtigkeitsgefühl vieler dauernd verletzt wird. Sogar in der FAZ wurde unlängst bemerkt, daß abweichende Geschichtsdeutungen in der Bundesrepublik mittlerweile als „entartet“ gebrandmarkt werden. Das ist doch immerhin ein Anfang, und im übrigen rechne ich darauf, daß die Achtundsechziger, nachdem immer deutlicher ihre politisch-praktische Unfähigkeit zutage tritt, auch in ihrer ganzen ideologischen Dürftigkeit bloßgestellt werden. Dann wird abgeräumt, was jetzt noch als sakrosankt gilt: der Hedonismus, der Multikulturalismus und auch dieses Sammelsurium merkwürdiger Geschichtsdeutungen. Karlheinz Weißmann Jahrgang 1959, ist promovierter Historiker und leitender Mitarbeiter des Instituts für Staatspolitik, für das er zum Jahrestag des Kriegsendes den Projektband „Die Besiegten – Die Deutschen in der Stunde des Zusammenbruchs 1945“ (Edition Antaios, 2005) herausgegeben hat. Vorabdrucke erschienen bereits in JF 15/05 und JF 17/05. weitere Interview-Partner der JF

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