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Innerer Schweinehund

Das menschliche Leben wird immer wieder vom Kampf gegen jene Dämonen bestimmt, die in uns wüten. Für den einen mag das nur die morgendliche Zigarette sein, die man sich eigentlich schon seit Jahren abgewöhnen möchte, für die anderen heißt das Problem vielleicht Alkohol oder Heroin. In Nicole Kassells Debüt-Spielfilm „The Woodsman“ wird Protagonist Walter (Kevin Bacon) von anderen Obsessionen geleitet: Es sind kleine Mädchen, zu denen er sich seelisch und körperlich hingezogen fühlt. Verurteilt wegen sexuellen Mißbrauchs Minderjähriger wird Walter nach zwölf Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Er findet einen Job im Sägewerk und versucht mühsam wieder Anschluß an die menschliche Gesellschaft zu finden. Doch Walter weiß, daß seine Umwelt ihm stets mit Mißtrauen, Ablehnung und Haß begegnet, sobald sie etwas von dem Grund seines Gefängnisaufenthalts erfährt. Auch seine Arbeitskollegin Vicki (Kyra Sedgwick), die ein Verhältnis mit ihm anfängt, distanziert sich anfänglich wieder, als sie seine Vorgeschichte erfährt. Walter hingegen muß nicht nur mit ständigen Drohungen und der Furcht vor Repressalien durch Arbeitskollegen und einen ihn dauerhaft belästigenden Polizisten (gespielt von dem Musiker Mos Def) leben. Seine größte Angst sind die eigenen Impulse, die durch Bekanntschaften zu jungen Mädchen wieder in ihm auszubrechen drohen. In quälenden Therapiesitzungen fragt er immer wieder, ob er je normal werden könne. Und sein Therapeut antwortet meist nur mit Gegenfragen wie jener, was Walter denn unter „normal“ verstehe. Nicole Kassell, die gemeinsam mit dem Bühnenautor Steven Fechter auch das Drehbuch schrieb (Fechter hatte den Stoff zuerst als Bühnenstück verarbeitet), hat sich an ein tabubehaftetes Thema herangewagt, zumal sie es aus der Sicht des Täters schildert. Ihr beeindruckender Film berührt aber vor allem dadurch, daß ihm jede aufdringliche moralische Wertung fehlt. Walter wird nicht als Monster dargestellt, sondern eher als schüchterner, mit sich selber ringender Mensch. Erst nach einer ganzen Weile erfährt der Zuschauer überhaupt von Walters Neigung. Und selbst nach der Offenbarung erscheint Walter nicht als rücksichtslos brutaler Vergewaltiger, sondern als ein Mensch aus Fleisch und Blut, der zwar die körperliche Nähe von Kindern sucht, aber nicht meint, gegen deren Willen handeln zu dürfen. Im Stil eines schnörkellosen Realismus – nichts wird beschönigt in diesem Film – nähert man sich so langsam den verschiedenen Personen und ihren Beweggründen. Die Glaubhaftigkeit des Geschehens wird dabei nicht zuletzt durch das meisterhafte Charakterspiel sämtlicher Akteure gewährleistet.

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