Hort für das Menschsein

Dem kulturalistischen Trend in den Humanwissenschaften folgend, startet jetzt Alfred Kröner im Rahmen seiner klassischen Taschenausgaben eine neue Reihe zur „Europäischen Kulturgeschichte“. Ihr designierte Koordinator, Andreas Gestrich, Neuhistoriker an der Universität Trier, fungiert gleich als Herausgeber des ersten Bandes über die „Geschichte der Familie“, welche eben als 376. Titel der TA erschienen ist. Dem intellektuellen Standard des Verlags schließt sich auch diese Universalhistorie an, deren drei große Teile entfallen auf Griechenland und Rom, europäisches Mittelalter, dann Neuzeit und Moderne. Der Herausgeber selbst hat dabei den letzten Teil, Jens Krause, Althistoriker in München, die Antike, Michael Mitterauer, Wirtschafts- und Sozialhistoriker an der Universität Wien, den mediävistischen Part übernommen. Entstanden ist ein veritables Kompendium europäischer Sozialforschung aus den letzten Jahrzehnten mit den Schwerpunkten: Familie, Geschlechterverhältnisse, Sozialisationsformen, Ethnologie der Verwandtschaftssysteme und Alltagsgeschichte von Leben, Wohnen, Essen und religiöser Praxis. Von der Vendetta bis zum Wohnkollektiv All das entfalten die Autoren souverän aus dem Blickpunkt des aktuellen Diskussionsstands systematisch in einer Abfolge dichter Themenkapitel, wobei man komparatistisch nicht nur der reichen Binnendifferenzierung des vielgestaltigen europäischen Raums Rechnung trägt, sondern auch außereuropäische Fakten einbezieht. Methodisch spielt der quantifizierende Aspekt in der Problemanalyse eine bedeutende Rolle, es wird statistisch argumentiert und dem Text zahlreiche Schaubilder zur Seite gestellt. Die für alle Teile des Bandes zentralen Fragekomplexe stellt Gestrich einleitend vor. Es sind dies: „Familie und Verwandtschaft“, „Europäische Haushaltstrukturen“, „Wohnverhältnisse“, „Partnerwahl und Eheschließung“, „Rollen“, „Familie – Erbschaft – Gesellschaftsstruktur“ und die „Veränderung in der Gegenwart“. Das breite ausgewertete Quellenspektrum reicht von den kaiserzeitlichen ägyptischen Haushaltsdeklarationen über die Hausväterliteratur der frühen Neuzeit bis hin zu modernen Heiratsannoncen. Über die Friesen berichtet eine Brabanter Quelle des 13. Jahrhunderts: Wird ein Mann von Mitgliedern eines anderen Clans erschlagen, bestattet ihn die eigene Familie nicht. Vielmehr wird er am Herdplatz „aufgehängt, bewahrt und im Haus getrocknet“, bis sein Tod von den Verwandten gerächt wird. Das makabre Ritual sollte also die Notwendigkeit der Vendetta anmahnen. Moderne Entrüstung greift hier zu kurz, entgeht ihr doch gerade der Realgehalt, das relative Vernunftpotential, das selbst dieser exotischen Praxis inhärent ist. Mitterauer erschließt drei Erklärungsmomente: Der Totschlag wird nicht individuell aufgefaßt, vielmehr der ganzen Verwandtschaftsgruppe zugerechnet. Daher die Kollektivhaftung. Spielt die soziale Interaktion dabei im ethischen Horizont einer „Schamkultur“, welche die Wahrung der Ehre, den Würdestatus der eigenen Gruppe stark macht, muß auf dessen Verletzung hin notwendig Vergeltung folgen. Mitterauer verdeutlicht, daß solche Privatkriege auch „Ausdruck einer schwach entwickelten Zentralgewalt sind, deren Gerichtsbarkeit sich nicht genügend durchzusetzen vermag“. Somit sind Fehden „ein legitimes Mittel, die verletzte Ordnung wiederherzustellen“. Besonders fällt dabei ins Auge die „quasipersonale Einheit“ des Blutsverbands, die kollektives Handeln erzeugt. Dafür steht auch markant ein Typus der Witwenerbschaft, die schon aus dem Judentum bekannte „Leviratsehe“, bei der der Bruder die verwitwete Schwägerin heiratet. Das Phänomen taucht auf in patrilinearen Sozial- und Verwandtschaftsordnungen mit komplexer Familienstruktur und starkem Interesse an männlichen Nachkommen, war in Mitteleuropa jedoch eher untypisch. Dies auch weil die christliche Kirche Partnerwahl und Familienformen stark prägte und Endogamie, Bigamie oder Konkubinat bekämpft hat. Sie und das Institut des Lehenswesens begünstigten im mitteleuropäischen Bereich das Modell der Kernfamilie. „Multiple“ Großfamilien mit komplexer Mehrgenerationenstruktur entstanden hingegen in Osteuropa und Rußland. Verbunden sind damit die Fragen von Heiratsalter und Koresidenz oder Neolokalität. Für diese gibt die „Hajnal-Linie“ allen Familienforschern ein Grundschema vor. Sie zieht sich geographisch von Triest nach St. Petersburg und bezeichnet drei nach Heiratsalter, Familiengröße und Wohnform unterschiedene Großräume in Europa. Westlich von ihr lag stets das Heiratsalter bei beiden Geschlechtern hoch, östlich davon niedrig; mehrere Familien in vertikaler wie horizontaler Linie lebten zusammen. Im Mittelmeerraum war das feminine Heiratsalter niedrig, das maskuline weit höher. Alle drei Pauschalwerte bezeichnen zeitübergreifende Strukturdominanten, denen weitere Invarianten zur Seite treten. Vom antiken Hellas bis zu den heutigen Mittelmeeranrainern, zumal den islamischen Kulturen, reicht die geschlechtsspezifische Topographie des sozialen Raums: Der Privatbereich des Hauses ist den Frauen, der öffentliche den Männern zugeordnet. Dieses Schema betont „die Trennung der Geschlechter als grundsätzliche gesellschaftliche Gliederung und nicht die von Familien“ (Gestrich). Die Wandlung des Wohnens änderte die Familienstruktur Wie Geschlechts- und Sozialordnung einander entsprechen, so drücken Form und Struktur des Hauses das familiäre Leben aus und prägen dieses. Eine Familiengeschichte muß deshalb Haustypen und Wohnstrukturen analysieren. Einräumigkeit der Wohnung blieb auch neuzeitlich lange vorherrschend, bis die „Monofunktionalität vieler Räume“ die „Multifunktionalität des einen Raumes“ ablöste. Dieser Differenzierungsvorgang setzt sich mit dem bürgerlichen Haus im 18. Jahrhundert durch, er trennt nicht nur Wohnen und Wirtschaften, sondern ermöglicht erstmals auch Privatheit und Intimität. Ganz anders dagegen die proletarische Wohnsituation der drückenden Enge, der bürgerliche Reformer vor einhundert Jahren etwa mit der Gründung von „Gartenstädten“ abzuhelfen suchten. Diese Eigentumsförderung und Privatisierung der Arbeiterfamilie zeigen indes auch einen Aspekt sozialer Kontrolle: das Klassenbewußtsein sollte entschärft werden. Diesem Zweck diente auch die Temperenzlerbewegung, der Karl Kautsky 1891 entgegentrat, indem er das Wirtshaus als einziges „Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariats“ bezeichnete und vor einer Sprengung des sozialen Zusammenhalts warnte. Spiegelbildlich dazu machte in dieser Zeit Werner Sombart auf seiner USA-Reise die verblüffende Erfahrung, daß es in der Neuen Welt keinen Sozialismus gab. Er erkannte hier einen gesetzmäßigen Zusammenhang von Konsumdemokratie und Entsolidarisierung. Diese soziale Atomisierung schreitet bis zum Radikalliberalismus der Gegenwart fort, wobei immer weitere Sozialisierungsschübe gleichzeitig die Privatheit aushöhlen. Andererseits vereinzelt das komplexe Sozial- und Kommunikationssystem die Individuen radikal, indem es sie normenkonform nach Funktionsaspekten aufsplittert. Der Mensch, der sich „als Einheit und Ganzheit in keiner realen Situation mehr zum Thema machen kann“, hat nun die prekäre Integrationsleistung und Identitätsbildung seiner selbst rein privatim zu leisten, wofür sich als Ort die Familie anbietet, in der er nun „ganz Mensch“ sein möchte. Die zwischenmenschlichen Beziehungen läßt ein solches Wunschsyndrom vielfach scheitern. Unzählige Themen werden erörtert, so griechischer oikos, Sklaven, römischer pater familias, Mitgift, Familie als Kultgemeinschaft, Ehe als Sakrament und reformatorische Familienheiligkeit, mittelalterliche Burg- und Stadtentwicklung, Erbschaftsmuster et cetera. Statistische Daten sind Erkenntnisgewinn, wenn sie etwa für 1952 noch große Mehrheiten für Werte wie „Gehorsam und Unterordnung“ (30 Prozent) und „Ordnungsliebe und Fleiß“ (50 Prozent) bezeugen, nach 1968 jedoch „Selbständigkeit und freier Wille“ weit voranstellen. Verblüffend auch die Auskunft (1998), das Tischgebet sei aus 85 Prozent der katholischen Familien bereits verschwunden. Andernorts befremdet der Statistikwahn: Wer sich dafür interessiert, mag zum Beispiel nachlesen, wie sich laut einer Erhebung 1980 für die Sozialforscher die Verteilung beim Abwasch im internationalen Vergleich darstellte. Dankbar orientiert sich der Leser schließlich im hundertseitigen Apparat, der neben den Anmerkungen eine umfangreiche Bibliographie und ein außerordentlich brauchbares Sachregister zu bieten hat. Andreas Gestrich, Jens-Uwe Krause, Michael Mitterauer: Geschichte der Familie. Kröner Verlag, Stuttgart 2003, gebunden, 750 Seiten, Abbildungen, gebunden, 24 Euro

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