Neue Technologien: Natürliches Altern

Im Filmmusical „Chicago“, das gerade in den Kinos anläuft, spielt Richard Gere die männliche Hauptrolle. Vor zwanzig Jahren in „American Gigolo“ war Gere ein junger, gutaussehender Mann. Heute ist er nicht alt, aber alterslos geworden. Es ist, als hätte man ihn in eine enge Hülle gesteckt, in der das Fleisch konserviert bleibt. Die Hülle stört zwar etwas, aber Leben und Liebe können weitergehen wie bisher. Eine Fernsehwerbung zeigt eine Frau Ende fünfzig, die ihre Garderobe für einen Theaterabend wählt. Im Schrank hängen eine Menge schöner Kleider. Nun steht sie vor dem Spiegel und freut sich am meisten darüber, daß ihre neue Slipeinlage gleich zur ganzen Windel umfunktioniert wurde: „So fühle ich mich sicher!“ Schließlich albert die Inkontinenz-Patientin mit ihrem schmucken Begleiter auf dem nächtlichen Heimweg herum wie ein verliebtes Mädchen. Man kann das abstoßend finden, aber eines ist unübersehbar: Die Alten sind nicht mehr bereit, alt zu sein. Sie weigern sich einfach. Ganze Industriezweige helfen ihnen dabei, doch der Impuls geht von den Betroffenen selber aus. Und sie sind sehr diszipliniert dabei, ihr „Anti-Aging-Programm“ auszubauen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie in den Individuen genau die Wünsche sich regen, die technisch und wirtschaftlich sowieso auf uns zukommen. Sieht man ältere Leute beim Fitneß-Training oder in Senioren-Studiengängen, scheinen sie sich auf ein langes, aktives Arbeitsleben vorzubereiten. Berufstätigkeit, Führerschein, Partnersuche bis ins höhere Lebensalter rücken in den Bereich des Vorstellbaren. Jung werden diese Aktiven zwar nicht wieder – aber sie treten in einen Zustand ein, den es früher nicht gegeben hat, die Alterslosigkeit. So könnten sie auch zwei- oder dreihundert Jahre leben, es würde einem kaum auffallen. Einer Maus hat die Genetik schon zu den zweihundert Lebensjahren verholfen – allerdings umgerechnet auf ihre natürliche Lebenserwartung von nur zwei Jahren. In Italien hat eine 52jährige Frau gesunde Drillinge zur Welt gebracht. Sicher ist eine intensive Hormonbehandlung nötig, daher die vielen Mehrlingsgeburten in solchen Fällen. Auch die Panik verbreitende Ansicht, daß alte Menschen überwiegend hinfällig und pflegebedürftig sind, stimmt in den meisten Fällen nicht. Auch jenseits der 85 kommen noch immer 70 Prozent ohne fremde Hilfe aus und versorgen sich selbst. Noch ohne gentechnische Mittel befinden wir uns bereits auf dem Weg in eine Altersresistenz. Die romantischen Vorstellungen davon, wie alte Menschen ihre Einschränkungen hinnehmen und bescheiden in einer stillen Ecke auf den Tod warten sollen, sind längst nicht mehr haltbar. Mit immer besseren Methoden wird gegen das Alter gekämpft – als wäre es eine Krankheit. Wann werden wir uns für krank halten, wenn mit 70 die Kraft für den Abenteuerurlaub fehlt?

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