Erinnerungen einer grauen Eminenz

Das Werk Daschitschews ist ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliches Buch. Der russische Historiker und Politologe analysiert in scharfer Form anhand von Fakten, persönlichen Denkschriften für Leonid Breschnew, Andrej Gromyko, Juri Andropow, Michail Gorbatschow, für das Zentralkomitee der KPdSU und das Außenministerium der UdSSR die sowjetische Außenpolitik. Vieles davon wird an dieser Stelle überhaupt zum ersten Mal veröffentlicht. Dabei verzichtet der Autor auf einen Übersetzer und verfaßt die 543 Seiten gleich selbst in deutscher Sprache, und schon dies ist eine einmalige Leistung. Das Buch – von Michail Gorbatschow und einem „Prolog“ von Hans-Dietrich Genscher eingeleitet – stellt ein bedeutendes Dokument der Zeitgeschichte dar, das eines der herausragenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts beleuchtet und zugleich die Memoiren des Autors darstellt. Kern der wissenschaftlichen Analysen wie des persönlichen Lebens des Autors ist seine These, daß die hegemoniale Politik (der Sowjetunion) immer der destruktivste Faktor der internationalen Politik war, und er belegt dies vom Hitler-Stalin-Pakt bis zum Ende des Kalten Krieges, zur Wiedervereinigung Deutschlands und zum Untergang der Sowjetunion. Detailliert und faktenreich belegt er die sowjetische Machtpolitik und begründet ihr unvermeidliches Scheitern. Doch noch wichtiger erscheint es, daß der Autor aus seiner tiefen Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen frühzeitig Gegenpositionen einnahm, Alternativen entwickelte und Vorschläge unterbreitete, wie sein Land – denn trotz aller Kritik blieb die Sowjetunion immer sein Land – aus der verfehlten Außenpolitik herauskommen könnte. Dabei stützt sich der am 9. Februar 1925 in Moskau geborene Autor nicht zuletzt auf seine zweibändige Arbeit über die „Strategie Deutschlands im Zweiten Weltkrieg“, von der Marschall Schukow einmal im sowjetischen Generalstab sagte: „Wenn Ihr etwas über den Zweiten Weltkrieg wissen wollt – lest Daschitschew!“ Schon zuvor befaßte sich der Autor mit dem Wirken von Immanuel Kant, Karl Clausewitz sowie dem Chef des deutschen Generalstabs, Ludwig Beck. Letzterer beeindruckte ihn wohl vor allem wegen seines Widerstandes gegen Hitler. Hinzu kommt, daß den Verfasser vielfältige, zum Teil erschütternde Lebenserfahrungen prägten. Sein Vater – Generalmajor und Oberbefehlshaber der 51. Armee – wurde 1942 auf Befehl Stalins ohne Angabe von Gründen verhaftet und kehrte erst 1952 als völlig gebrochener Mann zurück. Der Autor selbst erlebte das Ende des Zweiten Weltkrieges als junger Leutnant in der Nähe von Prag, er studierte später an der Moskauer Universität Geschichte, internationale Beziehungen und Germanistik. Nach seiner Promotion arbeitete er an verschiedenen Militärzeitschriften, später im Forschungsamt des sowjetischen Generalstabes. Mitte der sechziger Jahre wurde sein Name dadurch bekannt, daß er sich offen gegen die von Breschnew betriebene Restalinisierungspolitik und die damit verbundenen Fälschungen der Geschichte des Zweiten Weltkrieges wandte. 1969 schied er als Oberst aus der Armee aus und fand seine wissenschaftliche Heimat bis heute im Akademie-Institut für internationale ökonomische und politische Studien. Unter dem sowjetischen Außenminister Schewardnadse war er Vorsitzender des wissenschaftlich-konsultativen Beirates des Ministeriums. Insbesondere in diese Zeit fallen seine Anstrengungen, das Problem der deutschen Einheit wieder auf die Tagesordnung der sowjetischen Politik zu setzen, was allerdings mißlang, Daschitschew aber nicht entmutigte. Immer wieder rührte er an diesem Problem, analysierte: „Die fortdauernde Teilung Deutschlands liegt nicht im Interesse der Sowjetunion“, nannte die Berliner Mauer „ein Relikt des Kalten Krieges“ und forderte in einem Memorandum an Gorbatschow eine Änderung der sowjetischen Deutschlandpolitik und ihre Orientierung auf die deutsche Einheit. Die vielen Denkschriften, Memoranden und Berichte, die der Verfasser in seinem Buch veröffentlicht, erlauben einen tiefen Einblick in die internen Prozesse, die sich bei der Durchsetzung des „neuen Denkens“ in der sowjetischen Außenpolitik vollzogen. Manchmal wird von deutschen Beobachtern der Entwicklung in der Sowjetunion nur zu schnell behauptet, Daschitschew würde seinen Einfluß auf diese Entwicklung selbst überschätzen. Wichtig erscheint jedoch etwas anderes: Der schwerfällige Prozeß des Umdenkens in der sowjetischen Außenpolitik ist trotz solcher Analytiker wie Daschitschew und trotz Gorbatschow nicht rechtzeitig zum Kern der Problematik vorgestoßen. Außerdem wirft die couragierte Haltung Datschischews eine Frage auf, die auch sein neues Buch nicht beantwortet: Wie konnte Datschitschew die sowjetischen Zeiten der Inquisition, der Repressalien, der Verleumdungen nur überstehen? Er muß trotz allem gute Freude gehabt haben, und er hat sie noch immer. Wjatscheslaw Daschitschew: Moskaus Griff nach der Weltmacht. Die bitteren Früchte hegemonialer Politik. Verlag Mittler & Sohn, Hamburg 2002, gebunden, 543 Seiten, 29,90 Euro Prof. Dr. Wolfgang Seiffert war bis 1994 Direktor des Instituts für osteuropäisches Recht der Universität Kiel und lehrt jetzt am Zentrum für deutsches Recht der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau.

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