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Neue Technologien: „Identität und Körper“ – Tagung der Evangelischen Akademie in Berlin

Das sogenannte „Cochlea-Implantat“ ist eine Art Brille für die Ohren. In den Gehörgang eingesetzt, übernimmt es bei Gehörlosen die Umwandlung von Schallwellen in elektrische Impulse, die dann auf gewohntem Wege zum Gehirn weitergeleitet und ausgewertet werden. Zumindest theoretisch. Denn bisher funktioniert dieses Ersatz-Organ nur in Ausnahmefällen so gut, daß der Träger am normalen Gespräch teilnehmen kann. Meist wird aus dem Gehörlosen bloß ein Schwerhöriger, der zusätzlich mit Lippenlesen arbeiten muß und auf die Rücksicht seiner Kommunikationspartner angewiesen bleibt. Hinzu kommt die Störanfälligkeit des Geräts, so daß auch dort immer wieder Hilfe von außen notwendig wird. Aus diesem Grund lehnt ein gewichtiger Teil der Gehörlosen diese medizintechnische Neuerung ab. Auf der Tagung der Evangelischen Akademie „Identität und Körper. Was bleibt angesichts Neurowissenschaften und moderner Transplantationsmedizin vom Menschen?“ vertritt Katrin Bentele von der Universität Tübingen den Standpunkt dieser selbstbewußten Minderheit. Die Gehörlosen haben eine Zeichensprache entwickelt, in der sie sich untereinander fast so schnell und mühelos verständigen können wie die Hörenden. Sie empfinden ihre Gehörlosigkeit deshalb nicht unbedingt als „Behinderung“, sondern sehen darin eine Besonderheit, wie alle Menschen sie in irgendeiner Form aufweisen. Vorher hatte Peter Vogt, Spezialist für Plastische-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Klinikum Hannover, einen beeindruckenden Vortrag über die modernen Möglichkeiten beim Ersatz amputierter Gliedmaßen gehalten. Heute handelt es sich meist um Verkehrsunfälle oder Tumoroperationen, bei denen Körperteile abhanden kommen. Die Bilder sind schrecklich, und auf einmal sieht man sich selbst im Krankenhausbett liegen und mit dem Arzt über die Art der Prothese verhandeln, mit der man sich künftig fortbewegen soll. Ist es soweit, berichtet Prof. Vogt, sind die meisten Patienten erstaunlich einsichtig und kooperativ. Schwieriger ist es bei den inneren Organen. Nicht nur die Immunabwehr muß ständig durch starke Medikamente niedergehalten werden, auch psychisch bleibt häufig ein Fremdheitsgefühl. Die Angehörigen des Spenders haben wiederum das Problem, einen Fremden mit dem Herzen des Geliebten umherlaufen zu sehen. Noch bizarrer wäre freilich das Leben mit einer Schweine- oder Rinderleber, die auch auf dem Teller hätte landen könne. Auch die Philosophie kann die Identität nicht wiederherstellen, sondern bloß den Riß reflektieren, wie Norbert Meuter von der Humboldt-Universität dies reichlich abgehoben versucht. Die Kirche hält sich angenehm im Hintergrund – obwohl die Veranstaltung vom 21. bis 22. November in den wunderbar hergerichteten Gewölben des Französischen Doms in Berlin stattfand.

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