Das Versagen einer Zunft

Für die SED-Geschichtsschreibung war der Aufstand vom 17.Juni 1953, als die Arbeiter gegen die Regierung des „Arbeiter- und Bauernstaates“ in Ost-Berlin streikten und demonstrierten, ein überaus peinlicher Vorfall, im Rückblick der schwärzeste Tag in der 40jährigen DDR-Geschichte. Folglich mußte dieser Aufstand, sozusagen ein Betriebsunfall auf dem Weg zur „klassenlosen Gesellschaft“, weginterpretiert werden, um die „Partei der Arbeiterklasse“ von jedem Schuldeingeständnis, welches öffentlich gefordert worden war, zu befreien. Die politische Legende, die damals erfunden wurde, die man fortan in jedem Lexikon und in jedem Geschichtsbuch nachlesen konnte und die zum staatstragenden Mythos bis 1989 erhoben wurde, war die vom „faschistischen“ oder zumindest „konterrevolutionären“ Putschversuch, der von West-Berlin und Bonn aus inszeniert worden war. Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt Weniger bekannt ist, daß diese These in den Jahren nach 1953 auch von einer Reihe von DDR-Schriftstellern vertreten wurde, die in einem Dutzend Erzählungen und Romanen das Geschehen aus „parteilicher“ Sicht illustrierten. Das begann mit der 1954 veröffentlichen Erzählung Stephan Hermlins „Die Kommandeuse“ und führte in mehreren Zwischenstufen bis zu Stefan Heyms verbotenem Roman „Fünf Tage im Juni“, der nur in München erscheinen konnte. Davor schon gab es aber den wenige Tage nach dem Aufstand in Ost-Berlin als Flugblatt verteilten Aufruf des Parteidichters Kurt Barthel „Wie ich mich schäme“, auf den der 1956 verstorbene „Stückeschreiber“ Bertold Brecht mit dem sarkastischen Gedicht „Die Lösung“ reagierte, das allerdings erst im Nachlaß des Autors aufgefunden wurde: „Nach dem Aufstand des 17. Juni ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands in der Stalinallee Flugblätter verteilen, auf denen zu lesen war, daß das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe und es nur durch verdoppelte Arbeit zurückerobern könne. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ Daß während des Aufstandes auch Gefängnisse gestürmt und Gefangene befreit wurden, ist bekannt. In seiner Erzählung „Die Kommandeuse“ behandelt Stephan Hermlin diesen Teilaspekt des Aufstandes. Sein Text beginnt wie eine klassische Novelle: „Am 17. Juni 1953, kurz vor Mittag, betraten zwei Männer die Zelle einer gewissen Hedwig Weber in der Saalstedter Strafanstalt und machten, als die Weber auf die Frage nach dem Grunde ihrer Haft erwidert hatte, sie habe fünfzehn Jahre abzusitzen wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit, ihr mit den Worten: Solche wie Sie suchen wir gerade! Die Mitteilung, sie sei frei.“ Daß der Autor diesen Nebenaspekt des Aufstands, die Befreiung von insgesamt 1.297 Gefangenen, noch dadurch verkürzt, daß er die Aktion auf zu langen Haftstrafen verurteilte NS-Verbrecher eingrenzt, um dadurch die Ziele des Aufstands zu denunzieren, ist durchaus beabsichtigt. Tatsächlich hat es eine Aufseherin Erna Dorn aus dem Konzentrationslager Ravensbrück bei Berlin gegeben, die zu zehn Jahren verurteilt war und in der Strafanstalt Halle einsaß. Für den Verlauf des Aufstands war die Freilassung Erna Dorns, die immerhin in Stefan Doernbergs „Kurzer Geschichte der DDR“ (1964) erwähnt wird, kaum von Bedeutung. Bei Stephan Hermlin heißt die befreite Kommandeuse Hedwig Weber, wird in den „Saalstedter Führungsstab“ aufgenommen, was immer das sein mag, und hält als „Vertreterin der politischen Gefangenen“ am 19. Juni eine Rede auf dem Saalstedter Marktplatz, bevor sie erneut verhaftet und hingerichtet wird. Daß hier „der Faschismus“ am Werk ist macht der Autor an der Szene deutlich, wo die ins Zuchthaus eingedrungenen Aufrührer eine „Volkspolizistin“ umbringen: „auf dem ersten Treppenabsatz lag die fröhliche blonde Wachtmeisterin Helmke, mit zertrampeltem Gesicht, aber noch atmend.“ Grausamste Darstellung des Aufstandes vom 17. Juni Was Stephan Hermlin und andere Autoren wie Erik Neutsch beispielsweise über den 17. Juni schrieben, beruhte nicht auf authentischen Erlebnissen, sondern war böswillge Erfindung zur Verunglimpfung der Aufständischen und unterstellte dem 17. Juni eine Tendenz, die er nicht hatte. Hätte es solche Vorfälle, wie von Stephen Hermlin geschildert, gegeben, so wären sie von Stefan Doernberg und anderen DDR- Historikern ausschweifend dargestellt worden. Selbst der einzige Kulturminister Hans Bentzien schrieb in seinem 2003 erschienenen Buch „Was geschah am 17. Juni?“ den Satz: „Daß die Unruhen konterrevolutionär gewesen sind, ist zweifellos richtig, daß sie eine faschistische Zielstellung hatten oder von und mit faschistischen Elementen organisiert waren, ist nicht nachweisbar.“ In Erik Neutsches Roman „Auf der Suche nach Gatt“ (1973) sieht die „faschistische Tendenz“ des Aufstandes so aus: Der Held Eberhard Gatt, ein Kommunist, der mit der Partei seine Schwierigkeiten hat, gerät am 17. Juni unter die Aufständischen. Gemeinsam mit einem „Spanienkämpfer“ wehrt er sich gegen den „faschistischen Mob“, als plötzlich ein Lastwagen auf sie zurast: „Schreie gellten über den Platz. Das Entsetzen packte auch Gatt. An der Ladeklappe des Autos waren lange Stricke befestigt. An den Stricken hing ein menschlicher Körper, der an Händen und Füßen gefesselt war. Blutüberströmt wurde der Körper hinter den Wagen hergeschleift. Die Kleidung des Opfers, eine Polizeiuniform, war schmutzverkrustet und zerfetzt. Der Schädel schlug fortwährend auf das Pflaster, war nur noch eine Masse roten Fleisches und hinterließ eine Blutspur.“ Das ist ein DDR-Text, den man westdeutschen Lesern erklären muß. Es ist durchaus von Bedeutung, daß der neben Gatt stehende Mann „Spanienkämpfer“ ist. Ein Sinnbild, das der westdeutschen Leser leicht überliest und die dem Autor zur Einschätzung des Aufstandes dient. Hier soll ausgesagt werden, diese Konstellation „Arbeiter gegen Faschismus“ gab es schon einmal, 1936/39 im Spanischen Bürgerkrieg. Damals haben die „Faschisten“ gesiegt, 1953 werden sie nicht durchkommen. Die Aufständischen werden belächelt und verhöhnt Überall, wo der 17. Juni in der DDR- Literatur vorkommt, hat er eine bestimmte, vom Autor beabsichtigte Funktion. Bei Erik Neutssch und bei Karl Heinz Jakobs soll sich der ideologisch strauchelnde Held an diesem Tag bewähren und sozialistisches Bewußtsein entwickeln. Bei Fritz Selbmann, dem einzigen DDR-Minister, der noch am 16. Juni vor dem Ostberliner „Haus der Ministerien“ in der Leipziger Straße mit den aufständischen Arbeitern sprechen wollte, werden die Streikenden belächelt und verhöhnt. Der damalige Industrieminister hat 1974 unter dem Titel „Anhang, den Tag vorher betreffend“ aufgeschrieben, was er am 17. Juni erlebt hatte, und damit ein Stück Beschwichtigungsliteratur geschaffen, worin der Aufstand entpolitisiert wird. Die Arbeiter, unmündigen Kindern ähnlich, die nicht wissen, was sie wollen, scheinen bei Fritz Selbmann eine Art von Betriebsausflug zu unternehmen, der abgebrochen wird, als der Minister sie nach seiner Rede nach Hause „zu Muttern“ schickt. Ihre politischen Forderungen werden dadurch für nichtig erklärt, daß die Bauarbeiter von Leuten angeführt werden, die „wie Bauarbeiter aussahen, die aber eigenartigerweise völlig neue, weiße Maureranzüge“ trugen. Einer dieser falschen „Bauarbeiter“ hatte „gepflegte Hände“ und „eine weiße Hose an, völlig neu und sicherlich heute zum erstenmal getragen“. Mit einem Satz: Fritz Selbmann mochte diesen Aufstand nicht. Aus der Sicht des Kommunisten, der Zuchthäuser und Konzentrationslager im „Dritten Reich“ überstanden hatte, der den Gang der Weltgeschichte kennt und ihn mitgestaltet, waren diese Streiks und Aufmärsche des 17. Juni konterrevolutionär. Erst als die Sowjet-Panzer „brüderliche Hilfe“ geleistet hatten, war für ihn die sozialistische Welt wieder in Ordnung. In Hermann Kants Roman „Das Impressum“ (1972) tritt Fritz Selbmann schließlich als literarische Figur auf, heißt hier allerdings „Fritz Andermann“. Hermann Kant läßt seinen „Fritz Andermann“ das erleben, was Fritz Selbmann nicht erlebt hat, aber hätte erleben müssen: den Angriff der „Konterrevolution“! Der Minister ist in der Leipziger Straße vom Tode bedroht, durch Arbeiter, die wie Arbeiter aussehen, aber keine Arbeiter sind. Die Szene ist frei erfunden. Hermann Kant setzt sie ein, um zeigen zu können, wie furchtbar enttäuscht die „Arbeiterregierung“ am 17. Juni von den Arbeitern war, die gewagt hatten zu streiken und zu demonstrieren. In einem inneren Monolog rechtfertigt der Vertreter der „Partei der Arbeiterklasse“, der fast ermordet worden wäre, was nach dem 17. Juni kam: die Abrechnung mit den Arbeitern! Jetzt werden die Streikführer zu langen Zuchthausstrafen verurteilt, jetzt wird die Arbeiterbewegung, die seit dem 19. Jahrhundert ihre Zentren in Erfurt und Halle, in Leipzig und in Magdeburg hatte, rücksichtslos zerschlagen. Die Staatsmacht war am 17. Juni in höchster Bedrängnis, die Erinnerung daran soll aus dem öffentlichen Bewußtsein ausgelöscht werden. Auch Anna Seghers, die Altmeisterin der sozialistische Literatur, geht in ihrem Roman „Das Vertrauen“ (1968) auf den 18. Juni ein. Sie teilt die These ihrer Partei von der „Konterrevolution“ und eingeschleusten „Westagenten“, läßt aber die unzufriedenen Arbeiter offen reden: „Das ist kein Leben, dieses Gehetze, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche. Wir nennen es mit dem richtigen Namen: Antreiben. Ihr gebt ihm schöne Namen: Technisch begründete Arbeitsnormen, Planung, Sparsamkeit. Wir streiken, weil wir es Ausbeutung nennen.“ Nach 1953 hatte die Partei Angst vor den Arbeitern Stefan Heym schreibt in seinem unterdrückten Roman „Fünf Tage im Juni“ ( 1974) aus der Sicht des mit den Arbeitern sympathisierenden Kommunisten. Die Ursachen, warum es zum Aufstand kommen konnte, werden bereits erörtert. Sein Held ist der nachdenkliche Gewerkschaftsfunktionär Martin Witte, der im Gegensatz zum Parteisekretär weiß, wie die Arbeiter denken: „Der Betrieb gehört uns … Und was haben wir zu sagen in dem Betrieb, der uns gehört? …“ „So was nannte sich Arbeiterregierung, in großen Limousinen herumfahren, das konnten sie; das müßte sich alles ändern (…) Herrschaft der Arbeiterklasse – wir sind die Arbeiter, wo herrschen wir? Diktatur des Proletariats – wir sind das Proletariat, und nicht mal unsere eigenen Lohne dürfen wir diktieren.“ War nach dem 17. Juni alles wie vorher? So schien es, aber es stimmt nicht. Nach dem 17. Juni hatte die „Partei der Arbeiterklasse“ Angst vor den Arbeitern. Und das ist so geblieben bis zum 9. November 1989. Foto: Zerstörte Propaganda-Plakatwand am Berliner Leipziger Platz: Wie unmündige Kinder „zu Muttern“ nach Hause geschickt Dr. Jörg-Bernhard Bilke ist Literaturwissenschaftler. Er war Chefredakteur des Pressedienstes Kulturpolitische Korrespondenz und Vizepräsident des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA). Von 1961 bis 1964 war er politischer Häftling in der DDR.

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