Freund, Feind, Todfeind, Parteifreund

Ob der von Rätseln umgebene Tod des Jürgen W. Möllemann die Bundesrepublik Deutsch-land verändert hat, kann erst die Zukunft zeigen. Einstweilen hat sich das tragische Ende des politischen Tausendsassas und „Stehaufmännchens“ Möllemann in die seltsame, virtuelle Medienwirklichkeit eingefügt, bei der man nie weiß, wo die Wahrheit anfängt und die Legende oder „Show“ aufhört. Dabei ging die „Show“ diesmal nicht von der Hauptperson aus. Viel eher sah es so aus, daß der 57jährige, der selber über Jahre hinweg ein recht gut angepaßtes Mitglied des „Establishments“ war, nun plötzlich nicht mehr mitspielen wollte – und als sei ihm diese Haltung besonders übelgenommen worden. Die Inszenierung des angeblichen Selbstmords – auch wieder nicht durch das Opfer, sondern durch seine (ehemaligen) Parteifreunde und durch die politische Klasse – gestaltete sich zu einem streckenweise makabren Spiel mit Worten. Die Unverfrorenheit, mit der ihm die gleichen FDP-Parteifreunde, die ihm vorher als „Quartalsirren“ (Ex-FDP-Schatzmeister Hermann Otto Solms) Staatsanwälte und Kriminalpolizei auf den Hals schickten, im Augenblick des Todes auf einmal Krokodilstränen nachweinten und von seinen plötzlich entdeckten Verdiensten redeten, könnte einem den Atem rauben. Verstehen diese Leute nicht, daß Schweigen besser wäre? Zu einem solchen Rollentausch – vom erbarmungslosen Ankläger zum untröstlichen Hinterbliebenen – gehört schon entweder eine gehörige Portion Unverfrorenheit oder die Eigenschaft eines „Gemütsathleten“. Niemals aber wurde die politische Scheinheiligkeit derart hüllenlos entlarvt wie in den diversen Beileids- und Untröstlichkeitskundgebungen seiner ehemaligen FDP-Parteifreunde. Unwillkürlich muß man an Konrad Adenauer denken, der einst meinte, die Steigerung von „Feind“ laute: Feind, Todfeind, Parteifreund. Man muß kein Anhänger des Verstorbenen gewesen sein, um bei dieser Selbstdecouvrierung maßgeblicher Politiker Abscheu und Entsetzen zu empfinden. Verstehen diese Leute nicht, daß es in dieser Lage besser gewesen wäre, zu schweigen, statt bedeutungsschwer in das übliche, wohlgestanzte Wortgeklingel zu verfallen? Es melden sich aber auch andere Stimmen zu Wort. Jene, die etwa sagen (oder schreiben), dieser Tod – dabei wird immer von Selbstmord ausgegangen – sei diesem Möllemann recht geschehen. Der sei doch schon immer ein Polarisierer gewesen, der jetzt den „rechten Rand“ für die FDP habe mobilisieren wollen. Auch die plötzliche Wendung des ehemaligen Vizekanzlers und Bundesministers nach „rechts“ gehört zu den vielen Mythen und Legenden, die sich schon jetzt um diesen Todesfall ranken. War Möllemann ein „Rechter“, der sich „auf dem Niveau der NPD“ bewegte, wie der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, meinte? Doch nur dann, wenn man die im Mai letzten Jahres geäußerte Kritik an einem bestimmten israelischen Premier, der selber doch eher rechts als links einzuordnen wäre, als „rechts“ oder gar als „rechtsextrem“ bezeichnet. Dann allerdings gäbe es eine erkleckliche Anzahl von nicht unprominenten Israelis, auf die der gleiche Vorwurf zuträfe. Möllemann war kein Polit-Star wie Fortuyn Mag sein, daß Möllemann, der bei aller Umtriebigkeit und Gerissenheit oftmals doch wie eine parsifalische Existenz durch die verminte politische Landschaft wanderte, selber nicht wußte, wie er einzuordnen sei. Vor seiner öffentlich geäußerten Kritik an der „intoleranten und gehässigen Art“ von Zentralratvize Friedman und dem später folgenden Scharon- und Friedman-kritischen Flugblatt zur Bundestagswahl 2002 wäre es keinem vernünftigen Menschen eingefallen, dieses „political animal“ (Ex-FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher) als „Rechten“ einzustufen. Auch die Thesen seines kürzlich erschienenen und nachträglich als Testament zu wertenden Buches „Klartext. Für Deutschland“ waren keineswegs „rechts“. Möllemann sah sich darin „jenseits von Links und Rechts“. Als Chef der Deutsch-Arabischen Gesellschaft kritisierte er „die politische Katastrophe der Ruinierung unserer Beziehungen zu den arabischen Ländern“. Er wollte „den Staat vom Kopf auf die Füße stellen“ und plädierte für die „Abschaffung des demokratischen Obrigkeitsstaates“. Es sei „Zeit für die Einführung von Volksabstimmungen“. Das deutsche Sozialsystem müsse die gleiche Grundversorgung für alle gleich garantieren und als gleiche Pflicht aller finanziert werden. Jedes Mehr sei Privatsache. Bildung und Ausbildung müßten allen offenstehen – per Bildungsgutscheinen. All dies klingt doch sehr „sozialliberal“. Er wollte „wirklichen“ Asylbewerbern erlauben, hier zu arbeiten -nach dem Motto: Hilfe am Start ja, Unterhalt auf Dauer nein. Die Zölle auf Einfuhren aus Entwicklungsländern sollten abgeschafft werden – das hätte auch von einem Grünen stammen können. Möllemann versuchte nur, eine Antwort auf die verfahrene innenpolitische, psychologische und ökonomische Situation der Bundesrepublik zu finden. Seine Erkenntnis, das deutsche Parteiensystem stecke in einer tiefen Krise, müßte doch, wären unsere Medien nicht derart verknöchert und auf das Nachplappern opportunistischer Halbwahrheiten festgelegt, längst in aller Munde sein. Oder ist etwa Möllemanns Aufforderung an seine einstigen Politik-Kollegen, die Finger aus den Taschen der Staatsbürger zu nehmen und endlich damit aufzuhören, den Menschen vorzuschreiben, was sie zu denken hätten, ein politisches Verbrechen? Nein, der passionierte Fallschirmspringer war keine politische Führungsgestalt, kein „Politstar“ wie der ermordete Holländer Pim Fortuyn, bei dessen Beerdigung Tausende weinten. Er war kein „Volkstribun“ wie Jörg Haider oder Umberto Bossi. Möllemann war eher ein Sturmvogel, ein Prophet kommender Gefahren und kommenden Unheils. Und wie so manche Propheten war er in das, wovor er am Ende seines Lebens warnen wollte, selber zutiefst verstrickt. Aber selbst wenn das so ist, ändert es nichts daran, daß er die prekäre Lage der Republik treffend analysiert und damit viele zum Nachdenken angeregt hat. Die Umstände, unter denen er zu Tode gekommen ist, sind und bleiben ein Rätsel. Selbst wenn Staatsanwälte und Polizei alles haargenau aufklären – man wird die Geschichte vom „Selbstmörder“ Möllemann wohl nicht glauben. So wie im nie ganz aufgeklärten Fall John F. Kennedy oder (geographisch näher) im Fall Uwe Barschel wird trotz noch so minutiöser polizeilicher Recherchen für den einfachen Bürger immer ein ungeklärter Rest übrigbleiben. Und der wird groß genug sein, um darauf alle möglichen Verschwörungstheorien aufzubauen. Dieses Ende hat er wohl nicht „verdient“ Irgend jemand sagte mir, Möllemann verdiene kein Mitleid. Und doch scheint es mir, als sei Mitleid in dieser mitleidslosen Zeit das Beste, was wir einem Verstorbenen mit auf den Weg geben können. Dieses Ende hat er wohl nicht „verdient“. Mitleid verdient aber auch dieses Land Deutschland, das mit seinen Talenten – und Möllemann war sicher eines – so wenig anzufangen weiß und das sich so schwer tut, zu sich selber zu finden. In diesem Sinne war Möllemann doch auch ein Opfer dieser zerfaserten Bundesrepublik, die nicht zu sich selber zu finden vermag und mit sich selber im Krieg zu liegen scheint. Möllemanns Tod hat zunächst nichts geändert und im Grunde nichts verursacht. Er hat uns nur das zum Teil durchaus selbstverschuldete Elend des Vaterlandes ins Bewußtsein rücken lassen. Das aber wäre bereits ein Anfang. Vielleicht bleibt Möllemann eine Fußnote in der Geschichte – so schnell vergessen, wie er aufgestiegen war. Vielleicht aber wird er doch etwas auslösen: die Erkenntnis, daß es so nicht weitergehen darf, daß wir so nicht miteinander umspringen sollten. Womit wir wieder beim Mitleid im Sinne von Mit-Leiden wären. Der tote Möllemann, bei dessen Tod viele glauben, es sei nicht mit rechten Dingen zugegangen (gegen diese Vermutung wird kein Kraut gewachsen sein), könnte dann durch die List der Geschichte zum Auslöser von etwas geworden sein, das man heute nicht sieht und nicht kennt. Foto: Jürgen W. Möllemann am 14. Mai im Düsseldorfer Landtag: „Wie viele Propheten war er in das, wovor er warnen wollte, verstrickt“

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