Mitten im Irankrieg melden die beiden größten US-Energiekonzerne ExxonMobil und Chevron Milliardengewinne. Sind das jene Übergewinne, die deutsche Politiker gerne abschöpfen würden? 15 Prozent der Exxon-Kapazitäten liegen kriegsbedingt still, was im ersten Quartal 400 Millionen Dollar Verlust verursachte. Gleichzeitig sank der Konzerngewinn der früheren Muttergesellschaft der Tankstellenkette Esso um 46 Prozent auf 4,2 Milliarden Dollar. Grund dafür sind Terminkontrakte auf Lieferungen im Transport, die im nächsten Quartal wieder aufgelöst werden.
Rechnet man dies heraus, ist der Gewinn um 1,8 Milliarden Dollar gestiegen, allerdings auch wegen höherer Volumen in neuen südamerikanischem Ölparadies Guyana. Der Umsatz legte nur um fünf Prozent zu, obwohl der Ölpreis 57 Prozent höher liegt. Chevron ist mit nur fünf Prozent Ausfall im Golf konfrontiert, einem Gewinneinbruch von 36 Prozent auf 2,2 Milliarden Dollar aus den gleichen Gründen wie Exxon und einem um sieben Prozent geschrumpften Umsatz.

Übereinstimmend und unabhängig voneinander bestätigten beide Konzerne die Kontinuität ihrer Strategie, Rendite vor Volumen zu setzen. „Wachstum des Cash-Flows, nicht Wachstum der Fördermenge“, sagte Chevrons Finanzchefin Eimear Bonner. Wegen acht Wochen Hormus-Blockade ändere man langfristige Pläne nicht. Dumm für Donald Trump, dessen Republikaner im November die Zwischenwahlen überstehen müssen: Es wird keine kurzfristige Ausweitung der Ölproduktion im US-Fracking geben, das am ehesten Lieferengpässe ausgleichen könnte. Deutsche Ölriesen gibt es seit dem Verkauf von Wintershall Dea an die britische Harbour Energy nicht mehr. Auch die großen Raffinerien sind in ausländischer Hand. Die wahren Gewinner der derzeitigen Ölkrise sind meist die Förderländer oder Landeigentümer der Ressourcen.
Renditeorientierte Strategie der Ölkonzerne zahlt sich aus
Die Exxon/Chevron-Strategie ist rational, wenn man über die kurzfristigen Engpässe hinausblickt. Die Länder der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) eingeschlossen, herrscht global ein Kapazitätsüberschuss. Wer jetzt investiert, läuft Gefahr, auf unrentablen Investitionsruinen zu sitzen, sobald ein Iran-Deal wirksam wird. Dazu kommt der Opec-Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate, des drittgrößten Mitglieds nach Fördermenge. Von dem Ölkartell abgesprochene Förderbeschränkungen waren der Hauptgrund, weshalb der Ölpreis vor der Hormus-Krise nicht auf 50 Dollar pro Barrel gefallen war. Die Gefahr eines niedrigen Ölpreises steigert das Risiko neuer Investitionen.
Eine renditeorientierte Strategie verfolgt auch der bislang grünen Thesen zugeneigte BP-Konzern, Mutter der Aral-Tankstellenkette. Anders als die US-Konkurrenz konnten die Briten im ersten Quartal ein neues Rekordergebnis verbuchen, obwohl Meg O’Neill als vierte Vorstandsvorsitzende in nur drei Jahren gerade erst das Ruder übernommen hat. Mehr als drei Milliarden Dollar Gewinn schrieb der Konzern, der das Geld zur Tilgung von Schulden einsetzen will. BP soll nun nachholen, was die Amerikaner vorexerzierten: Ausstieg aus Experimenten mit „Erneuerbaren Energien“ bei Fokussierung auf das Kerngeschäft von Öl und Gas.
BP soll zur klassischen Struktur zweier Sparten zurückkehren: Suche nach Vorkommen und deren Förderung sowie Raffinerie und Vertrieb. Am geplanten Verkauf des Nordseeöls für 2,5 Milliarden Euro, das sich aufgrund der desaströsen britischen Steuerpolitik nicht mehr lohnt, sieht man, wie ernst die Sanierung ist. BP war einst ein Pionier der Nordseeförderung. Der Verkauf der Schmiermittelsparte Castrol im Dezember für 10,1 Milliarden Dollar diente ebenfalls der Schuldentilgung.
Der Pessimismus ist teils übertrieben
Herrscht beim Blick über den Hormus-Tellerrand ein Angebotsüberschuss, sieht die Lage noch längerfristiger betrachtet umgekehrt aus. Die Ausbeute vieler bestehender Ölfelder hat die Spitze überschritten. Diese Bedenken stecken hinter Shells Übernahme der kanadischen ARC Resources für 13,6 Milliarden Dollar, die Reserven zur künftigen Ausbeute auf Jahrzehnte hinaus sichern soll. Shell hatte eine Übernahme BPs ausgeschlagen. ARCs Schiefergasreserven passen gut zu Shells Flüssigerdgasterminal für den Asienexport an der kanadischen Westküste.
Und ist die Schließung der Straße von Hormus wirklich die „größte Energiekrise der Geschichte“, wie die Pariser Energiebehörde IEA warnt? Zu Beginn des Konflikts war sein schnelles Ende erwartet worden, doch langsam kippen die Erwartungen. Ende Mai könnten die Lagerbestände gefährlich knapp werden. Noch ist von Panik nichts zu spüren. Dem Fernsehsender CNBC sagte Trump, er sei überrascht, dass der Ölpreis nicht höher notiert und die Aktienmärkte nicht 20 Prozent im Minus liegen. Es mutet an wie die Ruhe vor dem Sturm.
Die Unkenrufe sind teilweise übertrieben, denn 80 Prozent der Ölförderung gehen eben nicht durch die Meerenge im Persischen Golf. Ein völliges Aus wird deshalb nicht kommen. Stattdessen wird die Nachfrage dort einbrechen, wo Energie billig sein muss. Energieverzicht wird anhalten, bis sich Angebot und Nachfrage auf einem höheren Preisniveau angleichen.
Benzin- und Diesel-Knappheit droht wohl nicht – nur noch höhere Kosten
Opfer sind zum einen energieintensive Branchen, die höhere Preise nicht an ihre Kunden weiterreichen können. Zum anderen sind es Länder und Regionen mit niedrigen Einkommen, in denen sich Menschen Energie nicht mehr leisten können. Es wird eine Wiederholung der Lage von 2022, als Robert Habeck in Katar um Flüssigerdgas (LNG) bettelte. Das war eigentlich Pakistan vertraglich zugesichert, aber Deutschland konnte mehr zahlen. In Pakistan kam es zu Blackouts.
Beispiele für Einschnitte schaffen es bereits in die Schlagzeilen. Branchenspezifische Verwerfungen sieht man bei der Lufthansa, die 20.000 Flüge strich. Ebenso scheiterte die Rettung der US-Billigfluglinie Spirit an den Kerosinpreisen. Regionale Engpässe mit sozialen Folgen werden aus Ländern in Südamerika, Afrika und Asien gemeldet, in denen Diesel und Kerosin knapp werden, weil verfügbare Mengen in reiche Industrieländer umgeleitet werden, die sich höhere Preise leisten können. Spürbare Benzin- und Diesel-Knappheit ist hierzulande derzeit nicht zu erwarten, nur höhere Kosten – wir exportieren gewissermaßen unsere Knappheiten in weniger zahlungsfähige Länder.






