Die grünen Kreuze sind Zeichen des Protests der Landwirte Foto: Privat
Protestaktion am Erntedankfest

Mit grünen Kreuzen gegen das „Agrarpaket“

An vielen Feldrainen und auf Äckern stehen sie schon, und täglich kommen neue dazu: grüne Holzkreuze. Sie sind ein stiller Protest, eine Mahnung der Bauern gegen das von der Großen Koalition beschlossene „Agrarpaket“. Darin ist unter anderem vorgesehen, die EU-Agrarsubventionen künftig stärker an Auflagen zum Umwelt- und Klimaschutz zu binden. Das habe mehr Bürokratie und weniger Planungssicherheit zur Folge, kritisiert der Berufsstand.

Initiiert hat die Aktion mit den grünen Kreuzen der Agrarwissenschaftler und Autor Willi Kremer-Schillings („Bauer Willi“). Über soziale Netzwerke hat sich die Idee rasch verbreitet, auch weil sie ohne größeren Aufwand umsetzbar ist. „Landwirte sind in der Regel nicht die gesprächigsten Menschen. Aber zwei Latten und grüne Farbe haben alle auf dem Hof“, meinte Kremer-Schillings gegenüber der evangelischen Nachrichtenagentur idea. Mittlerweile haben auch zahlreiche Medien über die bäuerliche Graswurzelbewegung berichtet. Die Hoffnung der protestierenden Landwirte: daß Bundestag und Bundesrat noch Änderungen im Agrarpaket erwirken können.

Was die Bauern besonders auf die Palme bringt: Manche dieser Neuerungen seien aus fachlicher Sicht vollkommen kontraproduktiv. Mit dem Verbot bestimmter Pflanzenschutzmittel etwa werde eine schonende Bodenbearbeitung unmöglich gemacht, die Gefahr von Erosionen wachse. Wenn zudem Randstreifen nicht mehr genutzt werden dürfen, würden Flächen wertlos. Während derzeit etwa bei Gewässerrandstreifen noch nach Art der Pflanzenschutzmittel differenziert wird, manche also erlaubt sind oder mit Abschaltungen an den Spritzen ein bestimmter Abstand eingehalten werden muß, soll künftig generell ein Abstand von zehn Metern, in denen jeder Pflanzenschutz untersagt ist, gelten. „Das entzieht den Streifen jeglicher Nutzung. Ein Ausgleich dafür ist nicht geplant. Über unsere Fläche wird einfach so verfügt. Das ist Enteignung durch die Hintertür“ beklagt Kremer-Schillings.

Bauern fürchten um Wettbewerbsfähigkeit

Ein weiterer Punkt, der vielen seiner Berufsgenossen Sorgen bereitet, ist die geplante verschärfte Düngeverordnung. Einschnitte beim Einsatz von Dünger bedeuteten weniger Erträge, schlechtere Qualität und im Endeffekt mehr Flächenverbrauch. Durch die in der neuen Verordnung angelegten Stickstoffreduktion wird eine bedarfsgerechte Düngung verhindert, was zum Beispiel zur Folge haben wird, daß der Eiweißgehalt im Weizen sinkt. Der würde dann nicht mehr die Anforderungen, die in punkto Proteinmenge an Backweizen gestellt werden, erfüllen. Daß das Grundwasser geschützt werden muß, steht auch für die Bauern außer Frage. Sie kritisieren jedoch, daß Meßstellen häufig nicht repräsentativ verteilt seien und so pauschal für große Gebiete ein zu hoher Nitratgehalt ausgewiesen werde.

„Das ist kein Agrarpaket, das ist ein Strukturwandelbeschleunigungspaket“, schimpft ein niedersächsischer Landwirt im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT. Seine Befürchtung – und die vieler seiner Standesgenossen: Die deutschen Bauern sind künftig kaum noch wettbewerbsfähig, nicht einmal innerhalb der EU. Vor allem kleinere und mittlere Familienbetriebe seien bedroht. Mit den praxisfernen Auflagen für mehr Umwelt- und Klimaschutz werde es nicht mehr Bio-Bauern geben, sondern nur weniger Bauern. Die Lebensmittel für die preisbewußten Verbraucher produzieren dann zunehmend die großen Agrarfirmen, die sich die gestiegenen Pacht- oder Kaufpreise für landwirtschaftliche Flächen leisten können und die sich aufgrund ihrer Größe und Finanzkraft auch die erzwungene Nicht-Bewirtschaftung eines Teils ihrer Flächen leisten können.

Zudem werde die Produktion von Lebensmitteln ins Ausland verlagert – unter welchen Bedingungen und mit welchen Standards sie dort dann auch immer angebaut würden. Der Irrsinn in den Augen der Kritiker des Agrarpakets: Die erhöhten Auflagen bewirken faktisch das Gegenteil dessen, was man eigentlich zu erreichen vorgibt. Denn wenn immer mehr Nahrungsmittel importiert werden, gibt man im Endeffekt die Kontrolle darüber ab, wie die diese produziert werden.

Traditionelles Erntedankfest in Waldzell Foto: picture alliance/APA/picturedesk.com

Zahl der Höfe hat sich halbiert

Und während sich Politiker und – laut Umfragen auch der größte Teil der deutschen Verbraucher – in überwiegender Mehrzahl für eine bäuerlich strukturierte Landwirtschaft aussprechen, unterstützen sie wiederum mehrheitlich eine Agrarpolitik, die genau das Gegenteil bewirkt. Mehr Auflagen, mehr Bürokratie, weniger Erträge, steigende Kosten – kein Wunder, daß immer mehr Bauern aufgeben oder keinen Nachfolger finden. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Höfe in Deutschland halbiert. Davon die Hälfte wiederum sind Nebenerwerbsbetriebe, weil sie zur Ernährung einer Familie nicht mehr allein ausreichen. Im Jahr 2040 könnte es einer Studie zufolge in Deutschland bloß noch 100.000 Höfe geben, 2016 waren es nach offizieller Zählung noch rund 275.000. Allein die neue Düngeverordnung werde „tausenden Betrieben die wirtschaftliche Basis entziehen“, prognostizierte Niedersachsens Landvolkpräsident Albert Schulte to Brinke.

Unterstützung erhalten die konventionell arbeitenden Landwirte unterdessen aus der Wissenschaft. Der an der Universität Göttingen lehrende Professor für Nutzpflanzenwissenschaften, Andreas von Tiedemann, warnte unlängst vor einer ideologisch motivierten und undifferenzierten Verbannung von Pflanzenschutzmitteln. Um mit rein ökologischer Landwirtschaft die gleichen Erträge zu erzielen, bedürfe es etwa der doppelten Anbaufläche. Und genau an diesem Punkt beiße sich die Klimaschutz-Katze in den Schwanz. Denn: „Dann bräuchten wir einen Planeten B. Und wie ’Fridays for Future’ auf seinen Plakaten bereits richtigerweise festgestellt hat: Den haben wir nicht“, bemerkte von Tiedemann jüngst bei einem Vortrag vor Landwirten.

Der Frust sitzt bei vielen Bauern tief, daß sie mit ihren Anliegen nicht durchdringen. Für die Politik sind sie wegen ihrer gesunkenen Zahl anders als vor Jahrzehnten längst keine entscheidende Wählergruppe mehr, allen gegenteiligen Beteuerungen vor allem aus den Unionsparteien zum Trotz. Die Nähe zur Landwirtschaft ist den meisten Deutschen inzwischen abhanden gekommen, die meisten beziehen ihr Bild dieses Berufsstandes aus den Medien; und da wird häufig nicht der Normalfall, sondern der Skandal thematisiert. Die Gesellschaft sei sich doch längst darin einig, daß Bauern „die Umwelt vergiften, Tiere quälen, das Klima ruinieren und eh nur von Subventionen leben“, äußerte ein Landwirt ernüchtert.

„Wir wollen für den Erhalt unserer Höfe kämpfen“

Was nützt da die Einschätzung eines Fachmanns wie die des Agrarwissenschaftlers von Tiedemann, der einen direkten Zusammenhang zwischen verbesserter Lebensqualität und moderner Landwirtschaft sieht? „Landwirtschaft ist die Kunst, Geld zu verlieren, indem man 400 Stunden im Monat arbeitet, um Leute zu ernähren, die denken, man wolle sie umbringen“ meinte einst ein amerikanischer Farmer und Blogger sarkastisch. Der Ausspruch ist zum geflügelten Wort geworden.

Wenn sich „Bauer Willi“ und zahlreiche Gleichgesinnte am heutigen Erntedankfest mit einem grünen Kreuz in der Öffentlichkeit zeigen, dann ist das auch ein stiller Protest gegen die Mißachtung eines ganzen Berufsstandes. Er habe indes noch die „Hoffnung, daß man uns so bemerkt“, bekannte der 65jährige Landwirt in der aktuellen idea Spektrum: „Wir wollen uns noch nicht für tot erklären, wir wollen für den Erhalt unserer Höfe kämpfen.“ Konkrete Forderungen sollen bewußt nicht gestellt werden. „Die grünen Kreuze“, heißt es in einem begleitenden Text zur Aktion, „sollen als Mahnung an die Gesellschaft verstanden werden, sich des Wertes der heimischen Landwirtschaft bewußt zu werden.“

Die grünen Kreuze sind Zeichen des Protests der Landwirte Foto: Privat

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