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Finanzspekulationen
 

Flucht in den Euro-Faschismus

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Handelsraum der Frankfurter Börse: Sicherungsgeschäfte ohne Nachweis? Foto: Wikibedia/Dontworry

Nachdem wir die Orientierung verloren hatten, ruderten wir umso stärker – Mark Twains bissiger Spott über zwei seiner Bootsausreißer wird mehr und mehr zur Devise der Euro-Retter. Brüssel will die angeschlagene Gemeinschaftswährung verteidigen, „koste es was es wolle“, so der portugiesische EU-Kommissionspräsident José Manuel Durão Barroso.

Berlin hilft ihm, indem es ein altes Gesetz aus Deutschlands unseliger Vergangenheit reaktiviert: das Verbot der Börsenspekulation mit ungedeckten Termingeschäften.

Karl Schiller, der kompetenteste Wirtschaftsminister mit SPD-Parteibuch hatte es Anfang der siebziger Jahre im Zuge der von mir als seinem Abteilungsleiter initiierten Börsenreform aufgehoben. Dem NS-Regime war es seinerzeit nicht um den Schutz der Reichsmark gegangen. Das Verbot der Börsenspekulation diente dem Berufsverbot und der Diskreditierung eines Berufsstandes, von dem sie wahnhaft glaubten, daß er ein typisch „jüdischer“ sei.

Schiller ging es um die Leistungsfähigkeit des Finanzplatzes Deutschland – er sollte international mithalten können – und um ein sozialpolitisches Anliegen: Der Börse sollte der Ruch ihrer Exklusivität als Kapitalmarkt der Hochfinanz und Großkonzerne genommen werden.

Spekulation ist auch ein stabilisierendes Element

Mittelstand und Sparer sollten an den offenen und überwachten Kapitalmarkt herangeführt und zur direkten Teilhabe am Volksvermögen ermuntert werden. Es ging im westlichen und marktwirtschaftlichen Teil Deutschlands um die private und bürgernahe System-Alternative zum staatlichen „Volkseigentum“ in der DDR.

Genau dieser Aspekt geht in dem von der Bundesregierung entfachten Kampf gegen die „bösen Spekulanten“, die den Euro verderben, unter. Die Rettung des Euro und der mit ihren Euroanleihen in Schieflage geratenen Banken und Versicherungen durch den Staat und seine Steuerzahler hat mit Marktwirtschaft – egal ob „sozial“ oder „neoliberal“ interpretiert – nichts mehr zu tun. Das Berliner Parteien-Quintett erscheint wirtschaftspolitisch völlig orientierungslos.

Worum geht es bei dem von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) geplanten Verbot gedeckter oder ungedeckter Leerverkäufe von Aktien oder Währungen eigentlich? Worauf wird hier spekuliert? Und wo liegt die abzuwehrende Gefahr?

Gegengeschäft auf befristeter Basis

Der spekulative Markt für diese Geschäfte bietet seinen Kunden (Anlegern wie Unternehmen) gleich drei Vorteile auf einmal: Anleger mit kleinem Portemonnaie können so ihr eigener Bankier oder Fondsmanager werden. Sie kaufen oder verkaufen Aktien auf Zeit und nicht zum vollen Preis, sondern verbilligt über eine Option, ein sogenanntes Derivat.

Diese gibt es inzwischen in vielfacher Form und Ausgestaltung. Dem gerade nicht spekulierenden Unternehmer bieten sie die Möglichkeit, sich vor unberechenbaren, aber stets drohenden Verlusten aus Börseneinbrüchen oder Währungsrisiko auf billige Weise abzusichern: durch ein Gegengeschäft auf befristeter Basis. >>

Diese Gegen-Spekulation ist die private Selbstversicherung der Wirtschaft gegen Risiken, die in erster Linie durch staatliche Mißwirtschaft (siehe Griechenland und die anderen Defizitländer der Eurozone) entstehen. Und drittens glätten diese Termin- oder Derivate-Märkte den Kurvenverlauf an Börsen und Fremdwährungsmärkten.

Als am Schwarzen Freitag 1929 an der New Yorker Börse der kapitalistische Himmel ein erstes Mal mit verheerenden Folgen einstürzte, zeigten alle Analysen nach diesem big crash, woran es gelegen hatte: Die Marktakteure, die großen wie die kleinen, hatten einseitig auf ewige Hausse (anhaltend steigende Kurse) spekuliert. Was fehlte, waren die jetzt auf Schäubles Verbotsliste ganz oben stehenden ungedeckten Leerverkäufe (oder put-options).

Bei Schäuble ist der Euro in schlechten Händen

Hätte es diese Spekulationsmöglichkeit damals gegeben, hätte es bei einbrechenden Börsenkursen eine wachsende Nachfrage nach billigen Aktien gegeben. Die Baisse-Spekulanten mußten ja ihre gegen eine Gebühr geliehenen Aktien wieder zurückgeben, die sie zuvor bei hohen Kursen an die Hausse-Optimisten verkauft hatten. Der mörderische Kurssturz wäre so aufgefangen worden. Damals blieben die Währungen übrigens außen vor, denn sie waren noch goldgesichert.

Schäubles fatale Flucht in den Euro-Faschismus wird das Gegenteil des von ihm Beabsichtigten bewirken: Sie wird den Euro weiter schwächen und die Staatsfinanzen restlos ruinieren. Denn dann muß der Staat den Euro alleine stützen – nicht nur ohne Unterstützung der Märkte, sondern gegen ihr wachsendes Mißtrauen und Absicherungsbedürfnis.

Was Berlin verbietet, wird sich woanders machen lassen. Sinnvoll wäre allenfalls, solche Sicherungsgeschäfte vom Nachweis eines „realen“ Geschäftsabschlusses abhängig zu machen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sollte sich von einem Minister trennen, der nicht genug von Finanzmärkten versteht. Doch nicht nur der Euro ist bei ihm in schlechten Händen, die deutsche Finanzpolitik auch.

Prof. Dr. Wilhelm Hankel leitete unter Karl Schiller die Währungsabteilung des Wirtschaftsministeriums und war Chef der Bank- und Versicherungsaufsicht. Er veröffentlichte 2008 das Buch „Die Euro-Lüge und andere volkswirtschaftliche Märchen“.

JF 23/10

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