Leuchtender Lobbyismus

Legenden ranken sich bereits um ihre Erfindung, legendär ist ihr Siegeszug um die Welt: Seitdem Thomas Alva Edison 1879 die elektrische Glühlampe bis zur Wirtschaftlichkeit verbesserte, steht sie für den Beginn des elektrischen Zeitalters. Doch nun scheint die Glühlampe selbst ein Opfer des technisch-industriellen Fortschritts zu werden. Nach Maßgabe der sogenannten Eco-Design-Richtlinie der EU soll in diesem Jahr der Verkauf von Glühlampen schrittweise eingeschränkt werden bis zu einem generellen Verbot im Jahr 2016. Begründet wird dieses aus rein wirtschaftlicher Sicht unsinnige Verbot mit dem Klimaschutz. Eine moderne Energiesparlampe soll bei gleicher Lichtausbeute bis zu 80 Prozent effizienter arbeiten, versprechen die Hersteller Osram und Philips. Dadurch könne der CO2-Ausstoß um „Millionen von Tonnen“ reduziert werden, argumentieren nicht nur Umweltverbände. Daß diese einfache Rechnung so nicht stimmt, machte eine Untersuchung der Zeitschrift Ökotest deutlich (JF 42/08). So sinkt die Lichtstärke einer Energiesparlampe gegenüber einer Glühlampe mit steigendem Abstand drastisch. Auch problematische Inhaltsstoffe wie Quecksilber lassen Energiesparlampen keineswegs als leuchtende Umwelt-Engel erscheinen. Verständlicherweise wenig erfreut zeigten sich Lampenhersteller über das Ergebnis. Man könne das Licht von Glüh- und Energiesparlampen nicht einfach so vergleichen, argumentierten sie. Tatsächlich beruhen beide auf unterschiedlichen technischen Konzepten. Glühlampen sind Temperaturstrahler und ähneln in ihrem kontinuierlichen Spektralverlauf dem natürlichen Licht. Energiesparlampen dagegen funktionieren nach dem Prinzip der Gasentladung und spenden keine gleichmäßige Farbausleuchtung. Selbst hochwertige Energiesparlampen können diesen Effekt nur durch technische Simulation mildern, gänzlich beseitigen können sie ihn nicht – beruht die höhere Energieeffizienz doch gerade auf diesem Prinzip. Vergleichen läßt sich dies mit einem Musikstück, das eigentlich für ein großes Orchester geschrieben ist. Statt jede Stimme mit einem oder gar mehreren Instrumenten zu besetzen, könnten auch nur die vordergründigsten Stimmen spielen. So würde man eine große Anzahl von Musikern einsparen, und der Zuhörer könnte noch immer den Charakter des Stücks erkennen. Der Klangeindruck wäre dann freilich nur auf die Information reduziert. So werden nicht zuletzt ästhetische Gründe gegen die Energiesparlampe vorgebracht. Christoph Dutschkes Urteil fiel für die Energiesparlampe derart vernichtend aus, daß der Hersteller ebenso teurer wie exklusiver Lampen schlechterdings ihre Verwendung verweigert, da diese „am Sinn meiner Arbeit vorbeigeht“. Und auch in den Lebensbereichen, in denen es nicht so sehr auf eine qualitative Ausleuchtung ankommt, gehört die Zukunft wohl nicht der Energiesparlampe. Die Revolution der Leuchtdioden-Technik war nicht zuletzt auch für die Lichtbranche eine Überraschung. Inzwischen werden bereits LED-Panels als Leuchtmittel im Privatbereich angeboten. Sie sind zwar derzeit noch eher eine technische Spielerei, jedoch rechnen Experten in einigen Jahren mit konkurrenzfähigen Modellen – zu Verbrauchswerten, die im Vergleich auch Energiesparlampen als Stromfresser erscheinen lassen würden. Bis dahin könnte auch die Glühlampe durchhalten. Freilich mit dem Ergebnis, daß bis dahin die Sparlampenhersteller auf ihren kapitalintensiven Energiesparlampen sitzen blieben. Derzeit liegt deren Anteil an deutschen Haushalten bei unter 20 Prozent. Der Wiener Lichttechniker Nikolaus Thiemann sieht daher gegenüber dem Magazin Profil auch weniger den Umweltschutz als treibende Kraft hinter dem Glühlampen-Verbot, sondern vielmehr gewöhnlichen Lobbyismus. Ein Verbot lehnt er ab, „weil alle Lampentypen Vor- und Nachteile haben“. Zumindest aus Sicht der europäischen Marktführer besitzt beispielsweise die altehrwürdige Glühlampe einen ganz beträchtlichen Nachteil, der den verschiedenen Umweltverbänden bisher wenig bewußt ist. Seitdem nämlich chinesische Billigware den Markt überschwemmt hat, kann man mit konventionellen Glühlampen ganz einfach kein großes Geschäft mehr machen. Da käme ein Verbot unter dem Deckmäntelchen des Klimaschutzes gerade recht – zu Lasten nicht nur des Verbrauchers, sondern auch der Umwelt: Denn eine ausgebrannte Energiesparlampe ist nichts anderes als Sondermüll.

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