Sommerzeit aus Vergnügungssucht

Am 30. März kommt sie wieder, die Sommerzeit. Wie jedes Jahr seit 1980 (und seit 1996 nach Brüsseler Richtlinie) werden die Uhren um eine Stunde vorgestellt. Abends bleibt es dann scheinbar länger hell. Diese Zeitumstellung sollte Energie sparen helfen, weil dann das Tageslicht besser genutzt würde: Licht und Wärme von der Sonne sind umsonst, Licht von der Glühbirne und Wärme von Heizungen kosten was. Aber es kommen Zweifel auf. Energie wird keineswegs gespart, im Gegenteil, der Stromverbrauch pflegt mit der Sommerzeit sogar zu steigen – um bis zu vier Prozent. Das jedenfalls hat eine Forschergruppe der University of California herausgefunden, nachdem sie über drei Jahre hinweg die Stromzählerstände von mehr als sieben Millionen Privathaushalten im US-Bundesstaat Indiana ausgewertet hatte. Wohl gebe es geringfügige Einsparungen im Frühjahr, aber sie würden durch einen um so höheren Stromverbrauch im Spätsommer und Herbst zunichte gemacht. Für diese negative Bilanz machen die Forscher vor allem den erhöhten Heizbedarf in den dunklen Morgenstunden und die stärkere Benutzung von Klimaanlagen an den längeren Nachmittagen und warmen Sommerabenden verantwortlich. Es liegt nahe zu vermuten, daß dies nicht allein in Indiana so ist. Also wäre die Sommerzeit, um Energie zu sparen, nicht mehr nötig. Folglich könnten wir bei der Normalzeit, heute Winterzeit genannt, bleiben und brauchten unsere Uhren und uns nicht zweimal im Jahr umzustellen. Doch das wird wohl nichts werden. Die Menschen unserer Freizeitgesellschaft finden es schön, die Illusion der längeren abendlichen Helligkeit auf Terrassen oder beim Wandern zu genießen. Gegen diese Art von Hedonismus wird schwer anzukommen sein.

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