Partnerwahl

Frauen, so beanstandet der Münchner Mediziner und Paartherapeut Stefan Woinoff, verhalten sich in der Partnerwahl heute nicht wesentlich anders als ihre Vorfahrinnen der Urzeit. Sie bevorzugen großgewachsene Männer, obwohl körperliche Überlegenheit längst nicht mehr ausschlaggebend für das Wohl und Wehe des etwaigen gemeinsamen Nachwuchses ist, und ihr suchender Blick ist in der sozialen Hierarchie nach oben gerichtet. Ihr „Beuteschema“ läßt sie Ausschau vor allem nach Männern halten, die in der Gesellschaft etwas gelten, über ein gutes Einkommen verfügen und ihnen daher unter dem Strich überlegen sind. Dieser Atavismus blieb folgenlos, solange die „klassische“ Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern galt und hochwertige Ausbildung, berufliche Karriere, aber auch politische und gesellschaftliche Verantwortung als Domänen des Mannes angesehen wurden. Heute jedoch sind in Deutschland 56 Prozent eines Abiturientenjahrganges weiblich, junge Frauen haben an den Hochschulen zahlenmäßig zu ihren Kommilitonen aufgeschlossen, erzielen im Durchschnitt bessere Abschlüsse als diese und sind auch in der Arbeitswelt mehr und mehr auf dem Vormarsch in Führungspositionen. Je weiter sie nach oben kommen, desto kleiner wird aber die Zahl der Männer, die über ihnen stehen und daher für sie in Frage kommen. Nicht zuletzt dieses Phänomen ist, meint Woinoff, dafür verantwortlich, daß gerade Akademikerinnen es immer schwerer haben, einen nach ihren Vorstellungen adäquaten Partner zu finden, und in der Konsequenz weitaus häufiger als der Rest der weiblichen Bevölkerung kinderlos bleiben. Kann aber ein Appell an die Frauen, doch bitte sehr die Kriterien für die Partnerwahl nach Jahrtausenden endlich einmal zu ändern, tatsächlich fruchten? Gerade ein Naturwissenschaftler wie Woinoff müßte eigentlich wissen, daß der Natur durch Willensentscheidungen allein in Einzelfällen ein Schnippchen geschlagen werden kann, nicht jedoch, wenn man eine Population insgesamt betrachtet. Weitaus erfolgversprechender wäre ein Versuch, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu ändern, daß der Frauenelite eine größere Auswahl zur Verfügung steht. Dies könnte erreicht werden, indem man Männer auch bei geringerer Befähigung und schlechterer Leistung in Schule und Universität durch bessere Noten und im Beruf durch einflußreichere Positionen und bessere Bezahlung grundsätzlich bevorzugt. Gerade einer Gesellschaft wie der unsrigen sollte eine derartige Negativauslese doch wohl möglich sein.

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