Illustrierte Unterhaltungsware

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist in aller Munde. Doch Nachhaltigkeit und Globalisierung der Wirtschaft nach dem Vorbild der Wohlstandsstaaten sind nicht unter einen Hut zu bringen. Das bemerkten Kritiker schon anläßlich der UN-Umweltkonferenz 1992 in Rio de Janeiro. Kein Wunder also, wenn das Magazin Zeit Wissen seine Sommerausgabe dem „Öko-Dilemma“ widmet – und auf dem Titelblatt verspricht: „So wird Öko logisch“. Aber über die Widersprüche der globalen Entwicklung erfährt der Leser so gut wie nichts. Behandelt werden lediglich Lebensstilfragen, die nur ein Baustein des Dilemmas sein können. Sicher, Studien werden eingestreut, wie es um die Gesamtökobilanz etwa von Autos steht – nicht nur um ihren Energieverbrauch. Dann wird illustriert, wie Menschen versuchen, ökologisch zu leben, ohne zu verzichten – das seien die neuen Ökos. Berater helfen beim Energiesparen, Städte sollen durch Umbau nachhaltiger werden. Das war’s – der Rest beschäftigt sich mit Gummibärchen und Technik gegen den Terror. Da wurde man vorige Woche aus der FAZ-Kolumne von Hubert Markl über „Nachhaltigkeit – Vision oder Chimäre?“ weit schlauer. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ sei „völlig leer geschwätzt“ und werde „beliebig gefüllt“, während die Menschheit unter ihrem Bevölkerungsdruck ins Chaos stürze. Zur Problemlösung brauche man neben vorurteilsfreiem Denken vor allem auch die Natur- und Technikwissenschaften, denn „allein von Juristen wird die Menschheit sicher nicht überleben können“, mahnt Markl, während man in der Zeit Wissen die globalen Zukunftsprobleme zur illustrierten Unterhaltungsware herabwürdigt. Bald verschwindet das Zeit-Heft aus den Kiosken, ohne daß es jemand wird missen müssen.

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