Joachim Kuhs

 

Zwischen Hoffen und Bangen

Je nach Denkform erscheint eine von atomaren Kräften durchdrungene Welt als Apokalypse oder als Heilszeit. Am Anfang der friedlichen Atomenergienutzung überwogen die Heilserwartungen. Man glaubte, so die Energieprobleme der Welt lösen zu können. Sogar Schiffe mit Atomantrieb (etwa die sieben russischen Eisbrecher) wurden auf See geschickt, doch es blieb letztlich Antriebsquelle von U-Booten und Flugzeugträgern. Die hohen Erwartungen wurden durch begrenzte Uranvorräte, ungelöste Entsorgungsprobleme und sogenannte Restrisiken gedämpft, zumal mit Blick auf Zeiten von Krieg und Terror. Auch Meteoriteneinschläge und damit verbundene Erdbebenwellen wurden als ein unkalkulierbares Risiko ausgemacht, bei dem sogar gleich mehrere Atomanlagen synchron einen GAU erleiden könnten. Umdenken nach der Katastrophe von Tschernobyl Was in ein optimistisches Weltbild nicht paßt, kann ausgeblendet oder als Nebensächlichkeit gewichtet werden, so daß die eigene Weltanschauung unangetastet bleibt. Einen großen Dämpfer erhielten die Vertreter der Heilserwartung aber durch die Katastrophe von Tschernobyl 1986. Aber auch hier kann argumentiert werden, daß es sich nur um eine die Regel bestätigende Ausnahme handelt, die auf ein in jeder Hinsicht marodes kommunistisches System zurückgeht, mag es auch schon Beinahekatastrophen in westlichen Anlagen gegeben haben, die schwerste 1979 in Harrisburg (USA). In Europa wurde nach 1986 zwar kein Atomkraftwerk eigens abgestellt, weil man die Technik etwa für unverantwortlich hielt. Es wurde aber nur eine neue Anlage gebaut: Der Bau des AKW Temelín (in der damaligen Tschechoslowakei) begann 1987, die Planung allerdings schon 1980. Erst im Jahr 2005 hat Finnland als erste EU-Nation den Schritt in den Wiederausbau der nuklearen Energiegewinnung gewagt. Der Grundstein für einen Druckwasserreaktor wurde gelegt, er soll 2009 ans Netz gehen. Großbritannien will laut Premier Tony Blair diesem Beispiel folgen. Auch das einzige AKW der Niederlande in Borssele (1973 erbaut) soll nun nicht 2013, sondern erst 2033 stillgelegt werden. Belgien, Schweden und Spanien halten bislang am schrittweisen Atomausstieg fest. In Deutschland wurden die zwei ältesten von insgesamt 20 Reaktoren, die 1968 in Obrigheim und 1972 in Stade ans Netz gingen, stillgelegt. Das wurde von der rot-grünen Bundesregierung als Anfang vom Ausstieg aus der Atomenergienutzung gefeiert. Doch von einem Atomausstieg kann nur insofern gesprochen werden, als keine neuen Atomanlagen mehr gebaut werden sollen, sondern die bestehenden Anlagen nach ihrer Betriebszeit stillgelegt werden. Wie lang diese Zeiten angesetzt werden sollen, darüber läßt sich streiten – trotz der Festschreibung des Atomausstiegs im „großen“ Koalitionsvertrag zwischen CDU, SPD und CSU. Den Anfang machte der wahlkämpfende baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU), denn das Ausstiegsvorhaben treffe das von ihm vertretene Bundesland besonders. Im Februar 2007 soll nämlich nicht nur das 1974 errichtete Atomkraftwerk Biblis A abgestellt werden, dessen Technik für wesentlich längere Laufzeiten nachzurüsten ohnehin zu aufwendig und die Zeit zu knapp wäre, sondern auch das 1976 gebaute Neckarwestheim 1 im Dezember 2008. Der Energiequasimonopolist EnBw kündigte Ende 2005 an, den Ausfall der Energieproduktion insbesondere durch den Einsatz von Erdgas ersetzen zu wollen, sobald das im „Ländle“ liegende AKW vom Netz geht. Das ruft in Erinnerung, daß eine Ersatzlösung nicht ohne höhere Kohlendioxidemissionen (CO2) zu haben ist, die Deutschland aber aus Klimaschutzgründen – entsprechend dem Kyoto-Protokoll – weiter senken soll. Längere Restlaufzeiten können, wenn das politisch gewollt ist, die Investitionen in Atomkraftwerke rentabler machen. Allerdings ist zu relativieren, daß nach weltweiten Erfahrungen eine Atomanlage im Durchschnitt kein Betriebsalter von 32 Jahren erreicht hat (wie sie die rot-grüne Bundesregierung angesetzt hat), sondern nur 20,7 Jahre. Der von Rot-Grün ausgehandelte Atomkonsens ist damit – auch unter Berücksichtigung einer überdurchschnittlich guten deutschen Technik – nicht als besonders schnell einzustufen. Hinzu kommt, daß nicht nur die Öl- und Gaspreise dramatisch gestiegen sind, sondern noch mehr die für Uran, nämlich allein im letzten Halbjahr um 100 Prozent. Schließlich wird derzeit nur die Hälfte des Urans gefördert, die weltweit verbraucht wird. Das heißt, die Atomkraftwerke laufen schon jetzt mit Reserven. Keine einfache Lösung für die globalen Energieprobleme Erst ab 2020 ist mit neu erschlossenen Minen zu rechnen. Weltweit steigt nach einem Szenario von Shell der Energieverbrauch bis 2025 (gegenüber 2000) um etwa 100 Prozent. Der Anteil der Atomenergie von derzeit wenigen Prozentpunkten soll bis dahin nicht nur gehalten, sondern deutlich gesteigert werden. Aber auch damit bleibt die Atomkraft nicht annähernd die führende Energieproduzentin in der Welt, sondern sie rückt als eine einfache Lösung für die globalisierten Energieprobleme in weite Ferne. Selbst wenn man die Atomenergieproduktion bis 2025 verzehnfachen würde und damit auch Elektroautos fahren ließe, würde das – einen störungsfreien Betrieb vorausgesetzt – zwar den CO2-Ausstoß zu Lasten anderer Probleme technisch lösen helfen, aber auch die Uranvorräte in wenigen Jahrzehnten erschöpfen. Der Kern der Energieprobleme in der Welt ist daher auch nicht die Produktionsweise, sondern der Bedarf. Den einzugrenzen, ist Phantasie und guter Wille gefragt. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung und sich globalisierenden zivilisatorischen Ansprüchen ist guter Rat allerdings teuer.

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