Der Schloßherr

Wenn Ende dieses Monats die Bagger und Preßlufthammer in Berlins Mitte anrücken, um zum Abriß der augenfälligsten architektonischen Hinterlassenschaft des DDR-Regimes anzusetzen, dann ist Wilhelm von Boddien seinem großen Ziel ein ganzes Stück nähergekommen. Denn bevor der Geschäftsführer des Fördervereins zum Aufbau des Berliner Stadtschlosses die gesammelten Spenden ihrem Zweck zuführen kann, muß erst jener Schandfleck getilgt werden, in dessen Name eine doppelte Lebenslüge steckte: Honeckers realsozialistische Repräsentanz war so wenig „Palast“, wie sein Staat „Republik“ war. Boddien, der den Verein seit 1992 führt, mußte bisher ein erhebliches Maß an Geduld und Beharrlichkeit aufbringen, um private Initiative und politische Instanzen zusammenzuführen. Denn vom 2002 gefaßten Abriß-Beschluß des Deutschen Bundestages bis zur praktischen Umsetzung gingen vier Jahre ins Land, in denen manches versucht wurde, das Vorhaben doch noch zu hintertreiben. Mag sein, daß die Abstammung des 1942 in Stargard geborenen Boddien aus einem Geschlecht pommerscher Landedelleute die nötigen Voraussetzungen schuf, das Ziel dennoch nicht aus den Augen zu verlieren. Sein größter Coup war sicherlich die Errichtung einer Schloßattrappe 1993: Besser als jedes Modell veranschaulichte die mit einer Ansicht der Fassade bemalte Plane die Schönheit des Hohenzollern-Schlosses. Klein beigegeben haben die Befürworter des Brache-Erhalts jedoch längst noch nicht; nachdem sie sich politisch nicht durchzusetzen vermochten, werfen sie Boddien und seinem Verein jetzt in einem an verschiedene Zeitungen lancierten Dossier ein zwielichtiges Finanzgebaren vor. Anstelle belegbarer Tatsachen bieten die Schloß-Gegner Vermutungen auf. Das Ziel der Kampagne ist klar: Wenn schon das Projekt Berliner Stadtschloß nicht mehr angreifbar ist, so doch der Initiator; ist seine Glaubwürdigkeit erschüttert, sein Renommee angekratzt, ist der letzte Schritt vom „Palast“ zum Schloß in weite Ferne gerückt. Denn Bedingung für die politische Zustimmung zur Wiedererrichtung der (alten) Fassade vor einem (neuen) „Humboldt-Forum“ war deren Finanzierung durch private Spenden. Die Plädoyers von Wolf Jobst Siedler und Joachim Fest für das Stadtschloß brachten den Landmaschinenhändler aus Bargteheide bei Hamburg, der nach Abitur, Reserveoffiziersausbildung und kaufmännischer Lehre den väterlichen Betrieb übernommen hatte, zum Engagement an der Spree. Nicht als Selbstzweck sieht Boddien das Schloß, sondern als Beitrag zur Reparatur des Stadtbildes. Längst ist aus dem unbekannten „Strippenzieher“ ein für seine Tätigkeit vielfach ausgezeichneter Prominenter geworden, aus dem „Treckerhändler, dem kein Regierender Bürgermeister die Tür auch nur einen Spalt öffnet“ (Boddien), der neue „Schloßherr“ und – laut einer Umfrage – der neuntwichtigste Berliner.

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