Dualistischer Gegensatz

Von Mozarts insgesamt 51 Symphonien sind nur noch die letzten fünf (gezählt als Nr. 36 bis 41, bei Nr. 37 stammt nur der erste Satz von ihm) regelmäßig auf den Spielplänen unserer Orchester zu finden. Wie die frühen Symphonien Haydns sind auch diejenigen Mozarts nur selten zu hören. Freilich können sie sich an Wucht, Größe und Charakteristik nicht mit den späteren monumentalen Werken der Gattung messen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wog die Symphonie noch leichter. Die dreisätzige italienische „Sinfonia“ war eigentlich nur eine Operneinleitung mit sehr knappen Sätzen. Der Stil solcher Werke kam wohl einem komponierenden Knaben entgegen: kurze Sätze und eine feststehende Form, die keine umstürzenden Empfindungen, sondern Unterhaltung und heiteres Genießen verlangte. 1764 oder 1765, während einer Konzertreise nach London, schuf der achtjährige Mozart seinen symphonischen Erstling (KV 16) in Es-Dur, was aller Wahrscheinlichkeit nach ohne die Begegnung mit Johann Christian Bach, dem jüngsten Sohn des großen Johann Sebastian, nicht erfolgt wäre. Der gab dem jungen Mozart wesentliche Anregungen für sein Schaffen. So entstand die dreisätzige erste Symphonie, konzipiert für Streicher, zwei Oboen und zwei Hörner. Der erste Satz (Molto allegro) beginnt mit einem lapidaren Dreiklangsmotto, dem sich acht Takte seltsamer leise verhaltener Bläserakkorde anfügen, die das damalige Publikum mit Gewißheit haben aufhorchen lassen. Dieser dualistische Gegensatz zwischen rauschendem Forte-Tutti-Einsatz und kontrastierendem, meist sanglichen Pianomotiv innerhalb eines Themas wird von Mozart bis zur Jupiter-Symphonie immer wieder angewandt. Ein zweites Thema, in der Dominanttonart B-Dur gehalten, schließt sich an. In diesem wird den Bratschen erlaubt, spieltechnisch mehr als sonst üblich zu bewältigen. In der Durchführung wird der Symphoniebeginn nach Moll versetzt, die Bläserakkorde gewinnen etwas Fahl-Unheimliches, die Reprise beginnt interessanterweise mit dem zweiten Thema. Der zweite Satz, ein dunkles, fast schon dämonisch zu nennendes Andante steht in c-moll; ein lastendes ostinates, rhythmisch gegen die Oberstimmen drängendes Baßmotiv bleibt stets gegenwärtig. Im 7. bis 10. Takt stimmt das erste Horn das große Mozartsche Leitthema es-f-as-g fast wie einen schicksalhaften Vorspruch an. Dieses Motiv, sieht man von einigen kleineren Kompositionen ab, erscheint erneut in der Durchführung der B-Dur-Symphonie KV 319 (Nr. 33) von 1779 und führt neun Jahre später (nach C-Dur versetzt) das fugierte Finale der letzten, der Jupiter-Symphonie, zu einem triumphalen Ausklang. Das ostinate Baßmotiv verleiht dem ganzen Satz etwas Altehrwürdiges, fast Barockes. Um so freudiger der letzte Satz, ein Dreiachtel-Presto, das mit seinem tanzmäßigen Hauptgedanken sorglos vorüberwirbelt. Zwei Aufnahmen dieses Werkes mögen erwähnt sein: diejenige unter Trevor Pinnock mit dem English Concert auf Originalinstrumenten und die mit dem Northern Chamber Orchestra, geleitet von Nicholas Ward, diesmal gespielt auf „modernen“ Instrumenten. Mozart-Statue, Burggarten, Wien Foto: Anto / Wiesenhofer

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