Politik an sinkender Geburtenrate schuld

Berufstätigkeit von Frauen und steigende Geburtenzahlen müssen kein Widerspruch sein. Viel-mehr hängt diese Entwicklung weitgehend von den politischen Rahmenbedingungen ab, wie aus einer letzten Monat vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln veröffentlichten Studie hervorgeht. Eindrucksvoll wird dies bei der Entwicklung der durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau belegt. Während diese Quote in Deutschland von 1945 bis heute von 1,8 auf nur noch 1,4 Kinder zurückging, veränderten sich die Geburtenraten in Skandinavien jeweils nur um wenige Hundertstelprozentpunkte und liegen derzeit zwischen 1,5 und 1,7 Kindern. Und das, obwohl in Nordeuropa rund 80 Prozent aller Frauen einer geregelten Arbeit nachgehen, gegenüber 60 Prozent in Deutschland. In Südeuropa ist dagegen ebenso wie in Deutschland eine zurückgehende Geburtenziffer zu verzeichnen. So ging diese etwa in Spanien von 2,4 Kindern 1945 auf nur noch 1,2 Kinder im Jahr 2001 zurück. Abgesehen von Ländern, die traditionell eine hohe Geburtenrate aufweisen, wie etwa die USA, Frankreich und Irland, ist es vor allem von der Politik abhängig, ob Frauen ihre Wünsche nach Kindern und Arbeit unter einen Hut bringen können. Dies geht klar aus dem von der OECD entwickelten „Vereinbarkeitsindex“ hervor. Dieser faßt die Faktoren zusammen, die es Frauen erleichtern, Kinder und Karriere zu verbinden. In diesen Index fließen die gesetzlichen Regelungen zum Mutterschutz ebenso ein wie der Umfang der Kinderbetreuung durch private oder staatliche Einrichtungen und die familienfreundliche Ausgestaltung der Arbeitsverhältnisse (Teilzeitarbeit, flexible Arbeitszeiten oder Freistellungen). Je höher der Wert, desto leichter die Vereinbarkeit von Kind und Beruf. Einfluß auf die Bereitschaft zum Kinderkriegen sowie zur Berufstätigkeit hat dem Kölner Institut zufolge auch das Einkommensniveau. So arbeiten etwa in Skandinavien Frauen überdurchschnittlich Vollzeit, da sie und Männer in etwa gleich bezahlt werden. Angesichts dieser hohen Erwerbsquoten ist dann auch die Kinderbetreuung sehr gut organisiert. Dagegen verdienen Frauen in Frankreich deutlich weniger als Männer, so daß es viele Französinnen vorziehen, sich ganz der Familie zu widmen. In Südeuropa spielt das nach wie vor sehr niedrige Einkommensniveau eine wesentliche Rolle, so daß sich immer mehr Frauen eine Arbeit suchen. Da es zudem kaum Kinderbetreuungsmöglichkeiten gibt, liegen die südeuropäischen Frauen bei der Geburtenrate auch abgeschlagen auf den hinteren Plätzen – etwa Italien mit 1,1 Kindern. In Deutschland und Österreich wird hingegen eine „moderne Versorgerehe“ praktiziert. Diese ist dadurch gekennzeichnet, daß nach wie vor der Vater der Haupt-Brotverdiener ist, während die Mutter aufgrund mangelnder Möglichkeiten zur Kinderbetreuung Teilzeit arbeitet. So arbeitete hierzulande die Hälfte aller erwerbstätigen Mütter mit Kindern unter 18 Jahren wöchentlich weniger als 20 Stunden. Im Durchschnitt aller Frauen traf dies hingegen nicht einmal auf jede dritte zu. Insgesamt sind heute in Deutschland rund 60 Prozent aller Frauen erwerbstätig. Vor 30 Jahren lag die weibliche Beschäftigtenquote dagegen noch deutlich unter der Hälfte aller Arbeitnehmer. Eindrucksvoll belegt wird dies durch die folgenden Zahlen: Die heute 70jährigen Frauen haben durchschnittlich 2,2 Kinder großgezogen. Nicht einmal jede Zweite war dabei im Alter zwischen 30 und 40 Jahren berufstätig. Dagegen beschränken sich ihre Nachkommen seltener allein auf Hausarbeit. Von den heutigen Mitt- und Enddreißigerinnen haben fast drei Viertel einen Job, kommen im Durchschnitt aber lediglich auf 1,5 Kinder. Wie schwierig Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen sind, zeigt die folgende Statistik: Im Jahr 2000 arbeiteten nach Erkenntnis des Kölner Instituts fast neun von zehn kinderlosen Frauen im Alter zwischen 25 und 45 Jahren. Dagegen war nicht einmal die Hälfte der Mütter, die ein dreijähriges oder jüngeres Kind zu versorgen hatten, berufstätig. Und von diesen befanden sich wiederum 40 Prozent im Erziehungsurlaub. Demographen beobachten diese Entwicklung mit großer Sorge. Denn durch die sinkende Geburtenrate wird es in der Zukunft immer schwieriger, der älteren Generation die Rente zu bezahlen. Während nämlich 1970 noch zwei Beitragszahler einen Rentner finanzierten, waren es im vergangenen Jahr nur noch 1,3 Beitragszahler. Und es ist zu befürchten, daß sich dies in den kommenden Jahren weiter verschlechtert, zumal auch die Zahl der Ausländer, die eine Rente bekommen, immer weiter steigt. In den siebziger und achtziger Jahren trugen neu nach Deutschland kommende Ausländer noch zur Stabilisierung der Rentenkassen bei, was jetzt aber nicht mehr gegeben ist. Der oben beschriebene Rückgang der Geburtenzahlen ist ein entscheidender Faktor für die immer leerer werdenden Rentenkassen. Denn seit ungefähr zehn Jahren kommen die geburtenschwachen Jahrgängen ins erwerbsfähige Alter, während sich die geburtenstarken Jahrgänge schon bald in den Ruhestand verabschieden. Zur Schieflage der Renten hat auch die höhere Lebenserwartung beigetragen, die bei Männern um 4,2 Jahre und bei Frauen sogar um 4,7 Jahre stieg. Damit müssen die Ruhegehälter über einen deutlich längeren Zeitraum hinweg ausgezahlt werden. Zwar sind die Rentenerhöhungen in diesem Jahr erstmals seit Einführung der Riester-Rente nicht mehr voll an den Anstieg des Bruttoarbeitsentgelts gekoppelt. Vielmehr gibt es einen Abschlag in Höhe des maximal förderfähigen Betrags zur privaten Altersvorsorge. Nach Ansicht des Instituts der deutschen Wirtschaft ist es aber „mehr als fraglich, ob dies ausreicht, um die Rentendynamik dauerhaft zu bremsen“. Ändere sich aber nichts an der Berechnung der Ansprüche, müßten die Erwerbstätigen mit einer weiter steigenden Beitragsbelastung rechnen. Da als weitere unangenehme Folge zudem die Arbeitskosten der Unternehmen aus dem Ruder liefen, verschlechterten sich damit auch die Beschäftigungschancen vor allem der Geringqualifizierten. Dadurch gerieten dann aber die Sozialversicherungen noch mehr unter Druck. Zur Brechung dieses Teufelskreises böten sich insbesondere die auch von der Rürup-Kommission befürwortete Abstimmung der Renten auf die demographische Entwicklung der Beitragszahler und Rentner an sowie ein höheres Renteneintrittsalter, heißt es in der Studie.

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