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„Triumph der Gleichgültigkeit“

Herr Dr. Böckelmann, Sie waren Mitglied der Subversiven Aktion, die als Mitinitiatorin und Ideengeberin der folgenden Achtundsechziger-Bewegung gelten kann. Man könnte Sie also als einen der Väter von 1968 bezeichnen. Böckelmann: Als einen Initiator, der schon 1965/66 an den Revolutionskonzepten der Neuen Linken verzweifelte, aber 1967/68 noch mitmachte, weil er hoffte, die Praxis sei der Theorie voraus. Die Subversive Aktion hatte sich 1963 als „Paria-Elite“ von Unruhestiftern mit utopischer Zielsetzung gegründet. Wir Subversiven betrachteten die bürgerlichen Karrieren als fade Ersatzexistenz, mißtrauten der Fortschrittsgläubigkeit und suchten das Reale im Verborgenen und Verleugneten. Verraten Sie uns: 1968 – was war da eigentlich wirklich los? Böckelmann: Im Vollgefühl moralischer Überlegenheit rebellierten Studenten und Schüler gegen alle Fesseln, Bindungen und Prägungen, die den einzelnen in seinem Wunsch nach Selbstverfügbarkeit behinderten. Man sagte dem Kapitalismus den Kampf an – aber de facto leistete man der totalen Ökonomisierung der Lebenszeit und des Zusammenlebens Vorschub. Also eine negative Bilanz? Böckelmann: Vierzig Jahre danach muß man sagen: Ja. Die Entfesselung führte nicht zu neuer Gemeinschaftlichkeit und Rollenvielfalt. Egal, was wir sind und was wir tun, unsere Selbstwertschätzung ist standardisiert, nach Einkommen und öffentlicher Beachtung. Auch der alte Anti-Achtundsechziger-Kämpe Günter Zehm betrachtet die Bewegung als gescheitert (siehe Interview Seite 3). Dennoch, die meisten ihrer Protagonisten sehen die Bilanz nicht so negativ. Böckelmann: Man verbucht Souveränitätsgewinne und redet sich ein, man habe sie gegen den erbitterten Widerstand der Herrschenden erkämpft. Und das ist nicht der Fall? Böckelmann: Bedenken Sie, wie verblüffend leicht die Rebellen recht bekamen. Fast widerstandslos wurden die Forderungen nach Selbstbestimmung und Enttabuisierung und Gleichberechtigung von Minderheiten öffentlich begrüßt und von allen Wohlmeinenden unterstützt. Von der Kapitalismuskritik abgesehen – bei der es sich aber letztlich um ein Scheingefecht handelte – rannte die Protestbewegung offene Türen ein. Wurden die Geschlechterrollen und Elternrollen, der Respekt vor Autoritäten und die nationalen Traditionen denn noch ernsthaft verteidigt? Als die sogenannte Herrschaft des Patriarchats aufgebrochen wurde – kam es da zu irgendwelchen handgreiflichen Auseinandersetzungen oder auch nur zu massenhaften Streiks oder Verweigerungen von seiten der Männer? Demnach war die Revolte von 1968 eher ein Kraftakt der Anpassung an den ökonomischen Trend? Böckelmann: Diese Emanzipationen entsprechen dem Interesse an weitgehend berechenbaren, also gleichen, vergleichbaren und steuerbaren Konsumenten, Haushalten und Arbeitskräften. Prüderie und Traditionsbindung stören. Der anspruchsvolle Single wurde geboren, den kein familiärer und sozialer Puffer mehr vor der direkten Einwirkung von Sozialtechniken schützt. Jedefrau und jedermann ist es sich nun wert, beim aktuellen Trend und Gegentrend dabei zu sein. Die Auflösung der alten Rollenbilder ist unverzichtbar für die Strategien der Rationalisierung, für gutes Marketing und gute Prognosen. Alles wird gleichberechtigt, wenn es zuvor beliebig wird. Sie meinen, Selbstbestimmung ist realiter nichts weiter … Böckelmann: … als der Triumph der Gleichgültigkeit! Ja, sofern sie Selbstzweck ist. Die Selbstbestimmung des einzelnen ist der Fetisch unserer Zeit. Sie verwirft alle historischen, nationalen und kulturellen Bindungen. In Verruf kommt jede Anhänglichkeit, die mit der Flexibilität konkurriert. Und damit auch jeder unerklärte Eigensinn. Wie es Andy Warhol gesagt hat: „Die, die am meisten über Individualität sprechen, sind diejenigen, die gegen Abweichung am meisten einzuwenden haben.“ Darin besteht übrigens auch der elementare Selbstwiderspruch einer Partei wie die Grünen. Für Kinderwohl und Umweltschutz konsequent einsetzen können sich keine entbundenen einzelnen, sondern nur Menschen, die sich als Angehörige einer ortsgebundenen Gemeinschaft verstehen. Denn nur solche Gemeinschaften, nicht der einzelne als einzelner, sind an ihrer Zukunftsfähigkeit vital interessiert. Bis heute wird das „Brechen des Schweigens der Väter“ über die NS-Verbrechen auf der moralischen Habenseite der Achtundsechziger verbucht. Gerade tobte eine Feuilleton-Debatte um die These des Alt-Achtundsechzigers Götz Aly, der in seinem Buch „Unser Kampf“ (JF 12/08) meint: Im Gegenteil, sie haben die Aufarbeitung behindert. Böckelmann: Man muß unterscheiden: das plakative Selbstverständnis der Protestbewegung einerseits, die praktischen Beweggründe der Abrechnung andererseits. Die Abrechnung mit dem Nationalsozialismus wurde im Drang nach Abgrenzung gegenüber der Eltern- und Großelterngeneration als plausibles Motiv entdeckt. In diesem Punkt ist Götz Aly zuzustimmen. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begann schon lange vor 1968. Die Achtundsechziger drückten sich um sie herum, indem sie die Nazi-Keule taktisch einsetzen. Gegenüber den Älteren spielten sie sich selbstgefällig als nachgeborene Widerstandskämpfer auf. Die USA wurden mit SA und SS gleichgesetzt. An den wohligen Schauder dabei erinnere ich mich noch gut. Also war die Anklage der NS-Vergangenheit der Eltern nur Mittel zum Zweck? Böckelmann: Sie bot sich eben an und befriedigte den Drang nach Abgrenzung, der entstand, weil die Älteren keine Vorbilder mehr waren und keine Orientierung mehr gaben. Sie waren mit ihren einstigen Werten und Überzeugungen gescheitert und in die Defensive geraten. Sie waren Verlierer und deshalb mit ihren Vorschriften und Erwartungen unerträglich geworden. An ihnen war nichts, das verpflichten konnte. Sie waren nicht einmal mehr respektable Gegner. Das heißt, im Grunde war das für die Achtundsechziger Provozierende an der Adenauer-Gesellschaft nicht deren Autorität, sondern der Mangel an Autorität? Böckelmann: Was zur Rebellion aufstachelt, ist die Anmaßung dessen, der seine Autorität eingebüßt hat, sie aber noch beansprucht. Die Haltung der Eltern und Lehrer ist in den sechziger Jahren aber bereits so diffus, daß bloße Abgrenzung ihnen gegenüber nicht mehr ausreichte, um den eigenen Charakter zu festigen. Zum einen mußte die rebellische Jugend daher ihren Einsatz ständig erhöhen, mußte alle Regeln verletzen, um die vielleicht doch noch bestehenden Grenzen zu testen. Zum anderen teilte sich die Verzagtheit und Desorientierung der Älteren den Nachkommen mit. Eine nicht unähnliche Situation gab es auch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. War 1933 das Achtundsechzig der Weimarer Republik? Böckelmann: Was die Rebellion von 1968 von den bürgerlichen und kommunistischen Revolutionen und auch von der Machtergreifung der Nationalsozialisten unterscheidet, ist der Umstand, daß keine neue Ordnung entsteht und der „Vatermord“ daher unendlich oft wiederholt wird. Immer wieder müssen dann Restriktionen, Verbote, Grenzen, Unterdrückung und Verklemmtheit entdeckt und dramatisiert werden, damit die Emanzipation, der Ausbruch aus der Enge, überzeugen und mitreißen kann. Die Achtundsechziger interpretierten die Adenauer-Gesellschaft als unterschwellige Fortsetzung des Nationalsozialismus. War sie aber nicht eher die Fortsetzung der konservativen Weimarer Republik, während die Achtundsechziger selber dem Wesen nach mit den revolutionären Nazis verwandt waren? Böckelmann: Solche historischen Parallelsetzungen sind immer fragwürdig. Aber in einem Punkt stimmt die Analogie: Die Kulturstürzer von 1967/68 hielten sich – wie die Nationalsozialisten 1933 – dem korrupten „System“ gegenüber für moralisch unendlich überlegen. Sie sahen auf ihrer Seite die Jugend, die Zukunft, die Kraft, das selbstgegründete Recht gegenüber dem morschen Vergangenen. Allerdings – und dies wird von Götz Aly ignoriert – war das aggressive Jakobinertum der meisten Achtundsechziger symbolischer Natur, eine Art von Dauersimulation vergangener Kämpfe. Mitsamt den Autoritäten werden alle Unterscheidungen als „Diskriminierungen“ auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. 1968 mündet in eine Lebensstilreform, in Pseudopolitik. Übrig bleibt am Ende nur das von den Massenmedien ausgehandelte Prestige der Marken und Ego-Marken. Angeblich ist die Bundesrepublik erst durch 1968 wirklich demokratisiert worden. Endlich ein Verdienst – oder ein weiterer Mythos? Böckelmann: Es ist heute ein Gemeinplatz, daß die Bürger mittels der 1968 eingeübten Unverfrorenheit gegenüber Potentaten den Untertanengeist überwunden und mündige Staatsbürger geworden seien, die selbstbewußt ihre Meinung vertreten. Aber eine erstarkte repräsentative Demokratie müßte sich ja wohl dadurch auszeichnen, daß in Parlament und Regierung die Interessengegensätze und die politischen Sympathien und Antipathien bei wichtigen Fragen intensiver als nur lobbyistisch zur Geltung kommen. Das ist nicht der Fall. Unsere Parteien- und Fernsehdemokratie ist weitaus volksferner als das politische System in den fünfziger Jahren. Damals repräsentierten die Parteien noch unterschiedliche soziale Schichten und Weltbilder. Heute arrangieren sie sich untereinander in einer den Staatsbürgern völlig enthobenen Sphäre. Die gegenwärtig gefeierte „Rückkehr der sozialen Frage“ widerspricht dem keineswegs, im Gegenteil. Und die Protestler von 1968 haben sich mit der vormundschaftlichen Netzwerk-Demokratie bestens arrangiert. Martin Walser sagte vor wenigen Jahren, unter dem restaurativen König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen habe es trotz Zensur mehr Freiheit gegeben als heute. Böckelmann: Martin Walser hat auf doppelte Weise recht. Die Denkenden und Handelnden damals mußten nicht erst Myriaden von Texten, Anleitungen, Bildern und Vorbildern die Stirn bieten, um eigene Gedanken zu fassen. Und sie wußten noch, wozu sie sich befreien wollten, nicht nur, wovon. Ich muß mich zu meiner Herkunft bekennen und einen Ort in der Welt haben, um mich zur Welt hin öffnen zu können. Aber heute geht aus der Auflösung der alten Ordnung keine neue hervor. Der Hunger nach ungebundener Selbstbestimmung ist ein eifersüchtiger Autokrat. Er kann nicht anders, als immer nur wieder sich selbst zu wählen. Achtundsechzig gab es auch in den USA und Frankreich. Dennoch hat man das Gefühl, daß es sich eigentlich um ein spezifisch deutsches Phänomen handelte. Warum? Böckelmann: Zumindest war 1968 in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin ein genuin deutsches Ereignis. Nach dem Ende des alten Reiches entstand die deutsche Nation als die „verspätete Nation“, und eine gesellschaftliche, eine bürgerliche Umwälzung fand nur ansatzweise statt, hauptsächlich im Reich des Geistes. Ganz dieser Tradition verpflichtet, war die Gesinnungsrevolte von 1967/68 heillos unpolitisch. Viele Rebellen von 1968 beanspruchten ein freischwebendes, gleichsam schaumgeborenes Weltrichteramt. Zu diesem Amt ermächtigten sie sich durch innige Selbstverachtung. Sie schämten sich für ihre mörderischen und mitläuferischen Vorfahren und sahen sich, legitimiert durch diesen Akt der Selbstkasteiung – gleichsam als die einzig wahrhaft Umerzogenen und Geläuterten -, dazu auserwählt, der Großmacht USA und mit ihr allen Regimes der Welt den Prozeß zu machen. Und niemand fragte, was denn die materielle und politische Grundlage dieses Weltrichteramtes sei. Man gab einfach vor, das Gute um des Guten willen zu tun. Bis heute steht in Deutschland diese bizarre Vorstellung vom Politikmachen in hohem Ansehen. Ex-Achtundsechziger wie Jörg Friedrich, Bernd Rabehl, Günter Maschke oder Gerd Koenen – Horst Mahler sowieso – deuten die Bewegung heute als letzten Akt der deutschen Nationalbewegung: Emanzipation Deutschlands von den alliierten Besatzern und ihren deutschen Kollaborateuren des Adenauer-Bürgertums. Böckelmann: Es gab in der Tat Ansätze zu einer nationalen Selbstermutigung gegen die Vormundschaft der Vereinigten Staaten und der anderen Siegermächte, die den Deutschen praktisch auf ewig vorschreiben wollten, was sie zu tun und zu lassen hatten. Es gab sie bei Rudi Dutschke, Bernd Rabehl, Hans-Jürgen Krahl, Peter Brückner, Klaus Röhl und anderen Wortführern. Aber in den Manifestationen der Studentenbewegung überwog bei weitem die Verdammung der eigenen Herkunftsgemeinschaft. Allerdings wurde noch ganz selbstverständlich vom Volkswillen gesprochen, auch beim Aufsagen maoistischer Litaneien wie etwa „Dem Volke dienen“. Rabehl deutet heute Dutschke als nationalen Revolutionär gegen die deutsche Teilung. Trifft das zu, und was wäre aus Dutschke wohl geworden, wenn er am 11. April 1968, also heute vor vierzig Jahren, nicht niedergeschossen worden wäre? Böckelmann: Dutschke bekämpfte sowohl die Bourgeoisie in Westdeutschland als auch die Monopolbürokratie in der DDR. Auf dem Weg der Wiedervereinigung in christlich-sozialistischem Geist sollten die Deutschen, wie Dutschke sagte, ihre „Identität und Geschichte zurückgewinnen“. Dabei berief er sich auf die „geschichtliche nationale Substanz“ des geschlagenen Volkes im Herzen Europas. Gegen den deutschen Selbsthaß und die Kollektivschuldthese war er immun. Er war ein Liebender, ein bodenständiger Kosmopolit. Seine Lauterkeit überzeugte auch dann, wenn er ein wenig blauäugig die baldige Umwälzung der herrschenden Verhältnisse ankündigte. Und hat er gegenüber den sogenannten Realisten nicht recht behalten? Ja, was wäre aus Dutschke geworden? Vermutlich hätte er die Grünen kritisch unterstützt und sich spätestens 1990, als die Grünen der DDR nachtrauerten, von ihnen abgewandt. Und heute, da bin ich sicher, würde er die Privatisierung der Politik verdammen. In welchem Verhältnis stand die vielzitierte „Basis“ der Bewegung zum Begriff des Volkes? Böckelmann: Man propagierte das utopische Modell einer außerparlamentarischen Basisdemokratie oder Rätedemokratie. Das muß man der Protestbewegung von 1967/68 lassen – sie trat außerparlamentarisch und antiparlamentarisch auf und mißtraute gründlich der Repräsentation durch Karrieristen in Parteiapparaten. Als virtuell revolutionäres Volk hatte demnach das deutsche Volk noch Lebensrecht. Wie steht es diesbezüglich heute um Deutschland? Böckelmann: Deutschland und die europäische Wirtschaftsunion frönen als Schützlinge der Vereinigten Staaten und als Weltbeglücker einem entleerten Universalismus, der zwar ökonomisch eigennützig ist, aber souveränes Handeln verhindert. Deutschland und die EU sehen ihre Zukunftstauglichkeit nur noch darin, sich selbst aufzugeben. Daß Meinungswandel und Parteineugründungen daran etwas ändern werden, bezweifle ich. Um einen eigenen Platz in einer multipolaren Weltordnung zu finden – das wäre Zukunftstauglichkeit -, wird es auch nicht ausreichen, die amerikanische Leitwährung durch den Euro abzulösen. Doch Hoffnung besteht, denn Europa wird auf eine völlig neue globale Mächtekonstellation reagieren müssen. Die furioseste Verwandlung hat für viele Horst Mahler durchgemacht, der heute als „intellektueller Rechtsextremist Nummer eins“ gilt – obgleich er darauf hinweist, nach wie vor links zu sein. Böckelmann: Mahlers Manifeste zu lesen, gleicht einer Geisterbahnfahrt. Viele Aussagen treffen ins Schwarze, andere sind Ausdruck eines surrealen obszönen Humors, etwa wenn Mahler in Hitler und Dutschke „die beiden charismatischen Führer“ des deutschen Volkes im 20. Jahrhundert erkennt oder Dutschke ein „heilsgeschichtliches Individuum“ nennt und mit Jesus von Nazareth vergleicht. Übrigens wird oft übersehen, daß Mahler vor dreißig bis vierzig Jahren schon ganz ähnlich geredet hat. Außerdem steht hinter vielen Urteilen über den politischen Paria Mahler die Furcht, mit ihm zusammen isoliert und verfemt zu werden. Was mich an Mahler befremdet, ist sein starres Systemdenken, seine Herleitung der Politik aus der „Philosophie des objektiven Geistes“, basierend auf dem „Begriff des Rechts“. So verklärt er 1968 zur „Weltrevolution“ und zum „weltgeschichtlich ersten Aufstand für das Reich der Freiheit“. Da muß ich passen. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts läßt sich hegelianisch nicht mehr begreifen. Mahler tendiert zu einer Pop-Philosophie, die ihre provokative Wirkung noch verstärkt, indem sie ernsthaft und mit unbewegtem Gesicht vorgetragen wird. Wie erklären Sie sich die Wende mancher Achtundsechziger nach rechts? Böckelmann: Wenn jemand im Geiste der Außerparlamentarischen Opposition einen Volksentscheid über die Aufnahme der Türkei in die EU fordert – steht er dann links oder rechts? Wenn jemand die sogenannte Gerechtigkeitslücke als Ausdruck des Verlusts von nationaler Nächstenliebe deutet – ist das eine linke oder eine rechte Diagnose? Und wenn ich im Kult der Selbstbestimmung ein Instrument sozialer Gleichschaltung erkenne – nehme ich damit eine linke oder eine rechte Haltung ein? Was Freund Maschke sowie Friedrich, Rabehl und Röhl betrifft, so ist ihr Werdegang gewiß nicht symptomatisch. Sie sind imponierende Einzelgänger, wahrhafte Selbstdenker, höchst seltene Exemplare für Wandlungsfähigkeit kraft autonomer Einsicht. Sie bilden also keine Gruppe, die von hier nach dort gewandert ist. Aber alle vier haben darauf reagiert, daß die einst unwiderstehlichen Postulate der Emanzipation und der Selbstbestimmung heute buchstäblich ins Nichts führen. Diese Erfahrung bringt die von uns verächtlich ignorierten Gestalten unserer Geschichte wieder zum Sprechen und macht die einst heftig abgewerteten Institutionen unersetzlich – jedenfalls bis zur Konsolidierung einer postamerikanischen Großraumordnung. Dr. Frank Böckelmann war zusammen mit Rudi Dutschke, Dieter Kunzelmann unter anderem Mitglied der Subversiven Aktion, einer der zentralen Vorläufer-Initiativen, aus denen die Revolte von 1968 entstand. Geboren 1941 in Dresden, studierte er in München Philosophie und Kommunikationswissenschaft und arbeitete als Journalist und Medienforscher. Er publizierte zahlreiche Bücher, zuletzt: „Die Welt als Ort. Erkundungen im entgrenzten Dasein“ (Karolinger-Verlag, 2007). Foto: Studenten in Berlin (1968): „Die Kulturstürzer von ’68 hielten sich – wie die Nationalsozialisten 1933 – dem korrupten ‚System‘ gegenüber für moralisch unendlich überlegen“ weitere Interview-Partner der JF

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