Ideologie heizt nicht

Die Koalition zwischen der CDU und den Grünen in Hamburg ist perfekt. Und antagonistische Positionen in der Energiepolitik sind weichgespült. So nicken die Grünen den Elbausbau ab; die Schwarzen, daß dem Vattenfall-Konzern der Bau eines Kohlekraftwerks vermiest wird. Doch trotz Harmonie-Schleier – die Probleme bleiben. Wie steht es um die Energiepolitik in Deutschland? Die EWI/Prognos-Studie des Bundeswirtschaftsministeriums hat die Entwicklung der Energiemärkte bis zum Jahr 2030 untersucht. Ergebnisse: • Der Weltenergieverbrauch wird bis 2030 um sechzig Prozent steigen. Zwei Drittel des Zuwachses entfallen auf die Entwicklungsländer. • Die Abhängigkeit der Energieversorgung von politisch instabilen Ländern wächst, somit auch die Versorgungsrisiken. • Fossile Energieträger werden 2030 mehr als vier Fünftel des Globalverbrauchs decken. Erdöl und Erdgas werden deutlich teurer. In diesem Punkt ist man sich wohl einig: Die fossilen Träger (wie Braunkohle Steinkohle, Erdgas, Erdöl) sind nicht ewig verfügbar, ihre Verbrennung ist klimaschädlich. Kohle könnte noch 150 Jahre reichen, Gas 60 Jahre und Öl noch etwa 40 Jahre. Daher die Regierungspolitik: Ausstieg aus der Kernenergie (weil zu riskant) und vierzig Prozent weniger Kohlendioxid bis 2020. Ferner setzt man auf erneuerbare Energien. Die Folge: Offenbar droht uns ein Engpaß in der Stromversorgung. „Wir steuern in eine Stromlücke“, warnt E.on-Chef Wulf Bernotat. Auch Eberhard Umbach, scheidender Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, ist dieser Meinung (siehe Interview auf Seite 3). Schauen wir uns die Energieträger an – ihr Pro und Contra. Braunkohle. Deutschland ist weltweit größter Produzent. Es deckt seinen Bedarf vollständig aus heimischen Revieren und produziert so ein Viertel der Strommenge. Aber: Braunkohle ist Klimaverpester Nummer eins. Daher wurden „kohlendioxidfreie“ Kraftwerke entwickelt (CO2 wird unter der Erde gespeichert). Greenpeace kritisiert dies: zu teuer und gefährlich. Weiterer Nachteil: Braunkohleabbau frißt immense Flächen Land. Dörfer müssen umgesiedelt werden. Steinkohle. Sie schneidet bei der CO2-Bilanz besser ab als das Schmuddelkind Braunkohle. Und es ist genug da. Theoretisch könnten die Bestände bei gleichbleibender Förderquote 900 Jahre reichen. Doch das „schwarze Gold“ ist auf den Weltmärkten nicht konkurrenzfähig – zu teuer. Sie muß subventioniert werden: in diesem Jahr mit zwei Milliarden Euro. 2018 soll mit der Förderung Schluß sein. Erdgas. Unter den fossilen Energieträgern ist es am klimafreundlichsten. Der Anteil am Strom liegt bei 12 Prozent. Umweltverbände finden Erdgas gut. Aber: Wir hängen am Tropf Rußlands. Besonders, wenn die neue Pipeline St. Petersburg- Greifswald in Betrieb geht (2010) – dann steigt der Marktanteil des Russen-Gases hier langfristig auf gut vierzig Prozent. Eine McKinsey-Studie warnt davor deutlich. Die alternativen, erneuerbaren Energieträger. Langfristig (bis Mitte dieses Jahrhunderts) soll ihr Anteil die Hälfte der Versorgung garantieren (heute sind es 12 Prozent). So will es die Regierung. Der BUND hofft, daß Wind, Wasser, Sonne und Biomasse die Atommeiler problemlos ersetzen werden. Und wenn die Hoffnung trügt? Solar. Die Sonne schickt keine Rechnung …Schätzungsweise liefert sie das Zehntausendfache des Weltbedarfs pro Tag, und das noch die nächsten vier Milliarden Jahre. Solarkollektoren erhitzen kostengünstig Wasser zum Duschen und Heizen. Außerdem entlasten sie das Klima. Doch die Sonne scheint nicht immer. Wind. Rund 19.000 Windräder drehen sich schon im Land. Ein Boom, der durch lukrative Förderung angeheizt wurde. Doch viele Bürger wehren sich gegen die „Verspargelung“ der Landschaft. Jetzt sollen die Windräder aufs Wasser. Die Kosten sind enorm. Unklar auch, wie der Strom abtransportiert werden soll. Wasserkraft. Sie lieferte 2006 ein Drittel des Ökostroms. Trotzdem die grüne Kritik: Die Kraftwerke zerstörten die Lebensgrundlage von Tieren und Pflanzen, in Stauseen entstünden Treibhausgase. Erdwärme (Geothermie). Sie ist eine langfristig nutzbare Energiequelle. Mit den Vorräten könnte im Prinzip der weltweite Energiebedarf für über 100.000 Jahre gedeckt werden. Doch die Bohrungen sind teuer, die Investitionskosten hoch. Biomasse. Vorteil: keine Belastung durch CO2. Sicherer Transport und Lagerung. Ihr Anteil an der Stromerzeugung lag Ende 2006 bei 19,2 Prozent. Die Energiepflanzen konkurrieren mit dem Nahrungsmittelanbau. Die Umwandlung von pflanzlichen Rohstoffen in Biodiesel oder Bioethanol rief (zusammen mit anderen Faktoren) einen dramatischen Nachfrageschub auf den Weltmärkten hervor. Folge: Lebensmittel werden immer teurer, es drohen Hungersnöte. Letztlich sind Biomasse und die anderen alternativen Energieträger keine Allheilmittel. Es bleibt nur der Mix von Energien (plus Effizienzsteigerung) – und trotzdem droht die Stromlücke. Also Atom! Doch kein Begriff ist so emotional aufgeladen – spätestens seit Tschernobyl. Der Reaktorunfall wurde zum Totschlagargument. Mit dem Effekt, daß per Gesetz aus der Atomenergie ausgestiegen wird. Dabei sind ihre Vorteile offensichtlich: klimafreundlich, sauber, preiswert, effizient. Kein anderer Energieträger kommt da mit. Zudem wird eine Abhängigkeit von Öl- und Gasnationen verhindert. Aber, aber da ist doch das große Risiko … Es gibt keine Ideallösung für eine ausreichende, saubere und sichere Energie. Aber den Luxus eines Atom-Tabus sollten wir uns auch nicht leisten. Sonst könnte es eines Tages heißen: „Wenn das letzte AKW abgeschaltet ist und der letzte Kernphysiker verjagt wurde, werden wir feststellen, daß man mit Ideologie nicht heizen kann.“

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