Aus Lust an Macht und Aggression

Zu den bis heute wirksamen ideologischen Folgen der Kulturrevolution von 1968 gehört das „Anthropologieverbot“ (Odo Marquard). Es behindert die Diskussion jeder Auffassung, die eine unveränderliche Natur des Menschen behauptet. Denn der Mensch soll als Wesen erscheinen, das letztlich durch Sozialisation – neuerdings: Konstruktion – beliebig zu formen ist, was auch heißt, daß sich eine Optimierung der Sozialisationsbedingungen unmittelbar auf die Optimierung des Menschen auswirkt. Die Ursache für die Hartnäckigkeit, mit der die Linke an dieser Auffassung festhält, ist eine Geschichtsphilosophie, die den Fortschritt nicht nur als Verbesserung materieller Bedingungen deutet, sondern ausdrücklich als Aufstieg des Menschen, dem es im Lauf der Zeit gelingen soll, alles Elend, alle Not und alles Böse zu besiegen. Zum Kern des Bösen gehören Gewalt und Krieg, weshalb durch das Anthropologieverbot auch jede Auffassung bekämpft wurde und wird, die die Natürlichkeit von Gewalt und Krieg behauptet. Das erklärt die heftige Polemik gegen die ältere Gesellschaftswissenschaft (Arnold Gehlen) und Verhaltensforschung (Konrad Lorenz), aber auch die Verdächtigungen, denen sich heute die Soziobiologie ausgesetzt sieht. Die Soziobiologie entstand in den sechziger Jahren in den USA und verknüpft Erkenntnisse von Soziologie und Biologie, so daß sich ein einheitliches Muster für die Entwicklung von Pflanzen, Tieren und Menschen – also allem, was der Evolution unterworfen ist – ergibt. Zu den Grundannahmen der Soziobiologie gehört, daß das Überleben, nicht der „Art“, sondern des individuellen genetischen Codes das eigentliche Ziel aller Lebewesen sei. Besonders zugespitzt hat diese Annahme Richard Dawkins mit seiner Rede vom „egoistischen Gen“, das den Körper nur als „Überlebensmaschine“ brauche, um sich zu reproduzieren. Daß Aggression in diesem Zusammenhang eine sinnvolle Strategie sein kann, liegt auf der Hand. Das gilt auch und gerade für Aggressionen, die sich gegen die eigene Spezies richten. Soziobiologen haben beispielsweise auf die Beobachtung hingewiesen, daß Löwenmännchen, die gegen einen Rivalen die Leitung eines Rudels übernehmen, die Nachkommen ihres Vorgängers töten, um die Weibchen schneller wieder empfängnisbereit zu machen und damit die Chance zur Weitergabe ihres eigenen Erbguts zu erhöhen. Wie die Aggression gegen andere Gruppenmitglieder kann auch die Zusammenarbeit soziobiologisch effektiv sein. Sie hat nur nichts mit Uneigennützigkeit zu tun und erklärt sich auch nicht aus einem Instinkt der „Arterhaltung“, sondern aus Kalkül. Kooperation ist besonders wichtig, wenn es darum geht, sich als Teil der Gruppe gegen andere zu verteidigen oder diese gemeinsam anzugreifen – womit das Grundmuster von Krieg gegeben wäre. Mitte der achtziger Jahre war die Öffentlichkeit noch verstört, als die berühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall mit der Vorstellung von der Friedfertigkeit unserer tierischen Verwandten brach und eine Untersuchung zu „Bandenkriegen“ von Schimpansen publizierte. Seitdem ist die Menge ähnlicher Beobachtungen so groß geworden, daß kaum jemand zu bestreiten wagt, daß Schimpansen regelrechte Feldzüge planen, um andere Horden zu vertreiben, Kinder und Weibchen zu rauben oder einfach ihr Territorium auszudehnen – selbst wenn das keinen praktischen Zweck haben sollte. Die Ähnlichkeit dieses „Urkriegs“ mit dem, was bei den letzten indigenen Völkern beobachtet wurde, ist auffällig. Der Altmeister der deutschen Verhaltensforschung, Irenäus Eibl-Eibesfeldt, hat immer wieder darauf hingewiesen, daß Menschen grundsätzlich „Pseudospezies“ bilden, das heißt Gruppen, die sich von anderen als wesentlich verschieden bestimmen und insofern eine prinzipielle Unterscheidung von „Freunden“ und „Feinden“ treffen. Treten diese in organisierten Verbänden zum Kampf gegeneinander an, ist das aus der Perspektive der Soziobiologie durchaus nachvollziehbar. Jürgen Schnell, einer der wenigen deutschen Vertreter dieser Denkschule, hat die Gründe in drei Thesen zusammengefaßt: „Wenn der Krieg von Anfang an zur Geschichte der Menschheit gehört, dann ist anzunehmen, daß der Krieg überwiegend positive Funktionen erfüllt. Wäre es nicht so, dann hätte die Evolution sicherlich längst dafür gesorgt, daß der Krieg als Phänomen verschwunden wäre.“ „Die Natur ist offensichtlich von A bis Z auf Wettbewerb angelegt, und Kriege sind ihrem Wesen nach spezifische gewaltsam ausgetragene Formen des Wettbewerbs zwischen sozialen Großgruppen. Worum wird konkurriert? Im wesentlichen um Macht, Ressourcen und die Vorherrschaft der eigenen kulturellen Identität.“ „Der Krieg hat seinen Ursprung jedoch nicht nur in den Kosten-Nutzen-Kalkülen der Kontrahenten. Die eigentlichen treibenden Kräfte liegen tiefer. Es ist die Lust an der Macht und an der erfolgreichen Aggression.“ So plausibel die Argumentation der Soziobiologie wirkt, es bleibt doch zu betonen, daß die Kriege des Menschen nicht einfach nur Fortsetzung dessen sind, was in der Stammesgeschichte angelegt war und was schon das Tier tat. Der amerikanische Völkerkundler Paul Roscoe hat bei seiner Untersuchung an etwa zweihundert Ethnien auf Papua-Neuguinea eine Merkmalsreihe des menschlichen Krieges aufgestellt, die den Krieg im genaueren Sinn eher als ein Produkt der Kultur als der Natur erscheinen läßt: „Die Entwicklung des Menschenhirns hat nicht nur unsere kognitiven Kapazitäten allgemein erweitert, sondern auch unsere Fähigkeit, Gewalt zu organisieren, sie als strategisch-politisches Mittel einzusetzen und die Emotionen anderer Menschen zu manipulieren.“ Typisch menschlich ist insofern der Entwurf eines nicht nur aktuellen, sondern dauernden „Feindbildes“ („Die da waren schon immer unsere Feinde“), die Neigung, das Racheprinzip zu überdehnen – für den eigenen Gefallenen wird auf der Gegenseite nicht nur ein Krieger getötet, sondern zehn – und vor allem die Fähigkeit, bei wachsender sozialer Kompetenz Systeme (Staaten) zu schaffen, die eine immer wirksamere Ausübung gemeinschaftlicher Gewalt erlauben. Vor dem Hintergrund solcher Annahmen erklärt sich auch eine neue Diskussion über das Verschwinden des Neandertalers. Während lange Zeit allgemein akzeptiert war, daß dieser Frühmensch allmählich „ausgestorben“ sei, weil er unfähig war, sich – ähnlich einer Tierart – den veränderten Lebensbedingungen anzupassen, verfechten jetzt einige Forscher die Meinung, daß es vor etwa 40.000 Jahren einen Konflikt zwischen dem Neandertaler und dem Homo sapiens gegeben habe, der schließlich in einen regelrechten Vernichtungskrieg mündete, bei dem der Jetztmensch die Oberhand gewann. Die Gründe für dessen Überlegenheit waren höhere Intelligenz und damit verbunden verbesserte Kriegsfähigkeit, genauer: Die Intelligenz des Homo sapiens erhielt durch die Auseinandersetzung entscheidende Impulse, um größere Gruppen zu bilden, deren Zusammenhalt differenziertere Führung und Verständigung verlangte, und wahrscheinlich wurde der Krieg auch in bezug auf die Technik – wie später noch oft – zum „Vater aller Dinge“ (Heraklit). Daß ein zunehmendes zivilisatorisches Niveau gerade nicht für größere Friedfertigkeit spricht, ist auch der weiteren Geschichte zu entnehmen. Der Archäologe Dirk Husemann hat hervorgehoben, daß es erst seit der Jungsteinzeit, ab etwa 8.000 v. Chr., vermehrt Hinweise auf den gewaltsamen Tod von Menschen durch Menschenhand gebe. Vielfach wurden in Gräbern Pfeilspitzen zwischen den Knochen gefunden. In der Nähe von Talheim bei Heilbronn ließ sich sogar ein Massengrab mit 34 Leichen nachweisen, neben neun Männern neun Frauen sowie sechzehn Kinder, die meisten mit schweren Schädelverletzungen. Offenbar handelte es sich um Opfer eines organisierten Überfalls, die man nach dem Massaker rasch verscharrt hatte. Eine ähnliche Deutung liegt für eine Ausgrabung bei Uffington nahe; dort wurden die Reste von vierzehn Toten geborgen, deren Leichen die Angreifer offenbar bewußt Aasfressern wie Hunden oder Wölfen überlassen hatten. Die nächste Steigerung kriegsförmiger Gewalttätigkeit ist wohl durch die „Neolithische Revolution“ zu erklären, den Übergang von der Existenz als Jäger und Sammler zur Seßhaftigkeit der Bauern. Eine gewisse Zeit existierten beide Lebensweisen noch nebeneinander, was zu einer steigenden Zahl von Konflikten geführt haben muß. Dabei mag es um Gebietsansprüche oder Nahrungsreserven gegangen sein, um Frauenmangel oder Gruppengröße, aber wichtig war sicher auch der „Identitätskonflikt“, das heißt die Wahrnehmung der anderen als andere. Eine Bestätigung für diesen Zusammenhang zwischen Differenzierung der Lebensverhältnisse und Kriegführung bietet die Untersuchung amerikanischer Wissenschaftler in der mexikanischen Provinz Oaxaca. Hier läßt sich eine erste Besiedlung durch Jäger und Sammler ab etwa 8.000 v. Chr. nachweisen, ab etwa 2.000 v. Chr. entstanden Dörfer, ab etwa 1.600 v. Chr. fertigte man Steine mit Bildern von toten und verstümmelten Gefangenen sowie Pfosten, auf denen die Schädel gefallener Feinde befestigt waren. Außerdem gibt es Hinweise auf Wall- und Palisadenanlagen, die im Laufe der folgenden tausend Jahre immer weiter perfektioniert wurden und zum Bild einer Zivilisation beitragen, die sich zunehmend militarisierte und deren Verhalten von einer Art „Rüstungsspirale“ bestimmt wurde. Jedenfalls waren die Lebensverhältnisse der Menschen mittlerweile sehr weit von denen entfernt, die herrschten, als Clans von zwanzig oder fünfundzwanzig Personen das Gebiet durchstreiften. Die Bedeutung des Zusammenstoßes von Seßhaften und Nomaden für die Frühzeit des Krieges kann den Blick auf eine Interpretation lenken, die nichts mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft, weder mit Soziobiologie noch Archäologie, zu tun hat, aber dennoch erhellend wirkt: Im dritten Kapitel des Buches Genesis wird der Anfang aller menschlichen Konflikte erklärt mit dem Brudermord, den Kain an Abel verübte. Kain war ein seßhafter Bauer, Abel ein nomadisierender Hirte; derjenige, der das modernere Kulturkonzept vertritt, tötet den, der an der Tradition festhält, wird begnadigt und verjagt. Dann heißt es in der Bibel, daß die Nachfahren Kains die kulturelle Weiterentwicklung vorantrieben, Städte bauten, die Arbeitsteilung einführten und die Erzbearbeitung erlernten. Auf diesem Tun lag aber kein Segen, die Kainiten waren gewalttätig wie ihr Ahnherr und sogar noch blutdurstiger. Im Hintergrund dieser Herkunftserklärung der Hochkultur steht der Übergang von der Vor- zur Frühgeschichte des Menschen, der Aufstieg der ersten großen Zivilisationen im Orient und damit die Beseitigung aller Hemmnisse, die der Durchsetzung des Krieges im heutigen Sinn entgegenstanden. Anfang des letzten Jahres fanden Archäologen im Nordosten Syriens Hinweise auf „das älteste bekannte Beispiel eines Angriffskrieges“ (Clemens Reichel). Bei Ausgrabung der Stadt Hamoukar stieß man auf Mengen hartgebrannter Lehmkugeln, die große Schleudern – eine Art Artillerie – verschossen. Sie wurden in der Siedlung wie andere Waffen auch seriell hergestellt und im konkreten Fall zur Verteidigung gebraucht. In einem Haus lagen Lehmkugeln verschiedener Fertigungsstufen noch säuberlich aufgereiht, vorbereitet für den Einsatz, zu dem es aber nicht mehr kam, weil Dach und Wände einstürzten und die Arbeiter erschlugen. Das geschah offenbar bei einer Belagerung von Hamoukar, die schließlich zum Fall und zur Zerstörung der Stadt führte. Die Angreifer kamen wahrscheinlich aus Uruk, dem Zentrum des sumerischen Reiches. Dieses Imperium war im 4. Jahrtausend vor Christus entstanden und hinterließ im Zweistromland Überreste, die bis heute beeindrucken. Die Sumerer schufen aber nicht nur Tempel und Paläste, ein Bewässerungssystem und die Keilschrift, sondern auch eine zentralisierte politische Verwaltung und eine erste professionelle Armee. Deren Organisation, Uniformität und Schlagkraft entsprach in vielem denen moderner militärischer Verbände. Was sich zukünftig wandelte, waren nur Technik, Verfeinerung und Steigerung der Effizienz. In der Bibel wird vom Ursprung dieser Entwicklung erzählt, und das in einer tief pessimistischen Sichtweise. Damit verglichen erscheint sogar die Soziobiologie vergleichsweise optimistisch. Denn die Geschichte der Kainiten weiß nichts von einem Trick der Natur, der den Krieg doch Wohltaten hervorbringen läßt, eher handelt es sich um einen Blick in den Abgrund der menschlichen Seele. Das heißt allerdings auch, daß hier kein Argument für die Annahme zu finden ist, der Krieg werde sich – etwa durch die Weiterentwicklung des Menschen – aus der Welt schaffen lassen. Die Vernunft lehrt im Grunde dasselbe wie die Schrift: daß der Krieg tief im Menschen wurzelt und daß man ihn bestenfalls eindämmen kann – aufzuheben ist er nicht; seine Geschichte ist die Geschichte des Menschen überhaupt, wie schon Hans Delbrück, der große Historiker des Krieges, wußte. Dr. Karlheinz Weißmann ist Historiker und Studienrat an einem Gymnasium in Göttingen. Auf dem Forum schrieb er zuletzt über Weihnachten als Fest des Lichtes (JF 52/07-1/08). Foto: Tizian, Kain und Abel (um 1570): Auf diesem Tun aber lag kein Segen

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