Das konservative Minimum

Es ist noch nicht allzu lange her, da war der Begriff „konservativ“ verpönt. In den achtziger Jahren machte sich der Spiegel einen Spaß daraus, in Artikeln über die CDU immer von den „Konservativen“ zu reden. Nicht im Sinne eines positiven Prädikats, sondern um den „Muff der 50er Jahre“ aufzuspießen, mit dem man die auf Modernisierung erpichte „Großstadtpartei“ triezen konnte. Schon seit einiger Zeit gibt es Anzeichen, daß die negative Einfärbung des Konservatismus-Begriffs verpufft zu sein scheint. Inzwischen wird ehrfürchtig, ja wohlwollend von konservativen Positionen gesprochen, wenn man auch eher noch dem sensiblen Ohren schmeichelnden, von SPD-Vordenker Erhard Eppler ins Leben gerufenen, aprilfrischen Begriff des „Wertkonservativen“ zuneigt. Konservativ hat im Zuge galoppierender Globalisierung, Vergreisung westlicher Metropolen, grassierender Ethnomorphose eine neue Konnotation erhalten. Melancholisch blicken die Europäer und Deutschen auf den großen Verlust, den der Fortschritt verursacht. So gehören dem Konservativen plötzlich die Sympathien, der seit jeher die Bremse dem Gaspedal vorzieht, der eine Position des Katechon bezieht, des geschichtlichen „Aufhalters“. Es ist die Lage, die wieder nach anderen Antworten verlangt. Karlheinz Weißmann, der in dieser Ausgabe eine Serie über das „Konservative Minimum“ eröffnet (siehe Seite 14), sieht einen paradigmatischen Umschlag, an dem Positionen und Begriffe von rechts die der jahrzehntelang dominierenden Linken verdrängen. Noch sind die gesellschaftlichen Großexperimente von links nicht gänzlich ausgelaufen, streben – Stichwort Gender Mainstreaming – ihrem furiosen Höhepunkt zu. Die Klimax ist teilweise aber schon erreicht und überschritten. Die Menschen stehen vor einem ideologischen Trümmerhaufen. Das hochstehende Bildungssystem wurde im Zeichen der Gleichheitsideologie systematisch zerstört, Autoritäten in Staat, Kirche und Gesellschaft geschleift. Jetzt blickt man in leere Hände. Die Geister, die man rief, sie wird man nicht mehr los. Der Konservative ist, wie in Goethes „Zauberlehrling“, der alte Meister, der nun die außer Rand und Band geratenen Kräfte des Fortschritts und der Dekadenz wieder bändigen soll. So ist auch nur zu erklären, daß alte Sozialdemokraten wie Hans Apel ihre Hoffnung auf eine konservative Kraft setzen (siehe sein Beitrag auf Seite 6). Eine Phase der wirtschaftlichen Prosperität kann von der Notwendigkeit dieser Bändigung nicht ablenken. Die sich verdichtende Krise ist derzeit in ökonomisch milderes Licht getaucht. Die Devise des „Weiter so“ mag deshalb vorerst wieder an Boden gewinnen. Es ist dabei ein Trugschluß, wenn man den Konservativen als den Behaglich-Gemütlichen mißdeutet, der lediglich aus einer gewissen Behäbigkeit heraus das Tempo gedrosselt sehen möchte. Der reizende Umgang in den Feuilletons selbst linker Blätter mit „neuer Bürgerlichkeit“ und konservativem Lifestyle riecht nach Domestizierung eines Trends und der krampfhaften Wendung ins Harmlose. Und nach Angst vor der rigorosen politischen Kurskorrektur, die kommen muß.

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